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Aus: Ausgabe vom 25.03.2020, Seite 16 / Sport
Fußball

Kicker in Kurzarbeit

Coronakrise trifft Dritt- und Viertligisten besonders hart. Gewerkschaft unterstützt Fußballer
Von Oliver Rast
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Das Spiel ist aus: Ein Mittelklasse-Regionalliga-Spieler zählt hierzulande zum Fußballerprekariat

Kurzarbeit war bis vor zwei Wochen noch ein Fremdwort im semiprofessionellen Fußballsport. Nun längst nicht mehr. Ulf Baranowsky, der Geschäftsführer der Vereinigung der Vertragsfußballer (VDV), ist im Stresstest: »Gegenwärtig sind wir als Spielergewerkschaft sehr stark eingebunden«, sagte er am Montag auf jW-Nachfrage. Viele VDV-Mitglieder sind verunsichert, insbesondere aus der dritten und den fünf viertklassigen Regionalligen. Es fehlt ihnen an Klarheit, welche Rechte Kicker als Vereinsangestellte während der virusbedingten Zwangspause des Spielbetriebs haben. Ganz oben auf der Agenda stehen Fragen nach dem Kurzarbeitergeld.

Tarifverträge oder Betriebsvereinbarungen gibt es nicht. »Es kommt auf die individuelle Verhandlung zwischen Klub und Spieler an«, sagt Baranowski. Alle Beteiligten signalisierten, Auswege aus der existenzgefährdenden Krise finden zu wollen. Nur: Ohne Erlöse durch Zuschauer, ohne TV-Gelder ist der Klubetat selbst für Drittligisten nicht zu stemmen. Ihnen droht, Kurzarbeit bei der Arbeitsagentur anzeigen zu müssen. Zwölf Teams haben das bereits getan. Seit Dienstag auch der 1. FC Magdeburg. Dessen Geschäftsführer Mario Kallnik erklärte gegenüber dem Portal liga3-online.de: »Das Kontaktverbot der Bundesregierung hat alles verändert.« Wenn Sport nur noch einzeln durchgeführt werden dürfe, könne man nicht mehr von geregelter Arbeit sprechen, so Kallnik.

Oft trifft Kurzarbeit auch Geschäftsstellenmitarbeiter. Wie beim SV Waldhof Mannheim. Monatlich spart der Klub insgesamt so mehrere hunderttausend Euro. »Bevor Mitarbeiter entlassen werden müssen, gehen wir diesen Schritt zum Wohle des Vereins«, sagte SVW-Kapitän Kevin Conrad am Montag der Rhein-Neckar-Zeitung. Er und seine Mitspieler haben der Kurzarbeiterregelung zugestimmt. Intern soll es aber rumoren, die Mannschaft kritisiert, dass ihre Arbeitsleistung seitens der Klubführung auf null Prozent gesetzt wurde.

Beim Drittligaspitzenreiter MSV Duisburg hingegen ist Kurzarbeit noch nicht angezeigt. Auf jW-Anfrage sagte Pressesprecher Martin Haltermann: »Wir sind in Gesprächen mit den Spielern.« Die Bereitschaft sei hoch, dass alle beim MSV an einem Strang ziehen werden.

Über noch weniger Verhandlungsmasse scheinen Viertligisten zu verfügen. Baranowsky kennt einen aktuellen Fall: Spieler eines Regionaligisten mit niedrigen Gehältern wurden vor die Wahl gestellt, entweder die Kurzarbeitsklausel zu unterschreiben und auf einen Großteil des ohnehin schon kargen Entgelts zu verzichten – oder die Kündigung in die Hand gedrückt zu bekommen. Die Zeit drängt, mahnt Baranowsky. »Wir müssen rasch Lösungen für zahlreiche Spieler finden« – und natürlich gute, die die Durststrecke der Kicker überbrücken helfen. Ein mittelklasse Regionalligaspieler zählt hierzulande zum Fußballerprekariat. Ein Beispiel: Bei Kurzarbeit null, was de facto einer Betriebsschließung entspricht, erhält ein Spieler, der kinderlos ist, 60 Prozent seines Gehalts. Bei einem durchschnittlichen Salär von 1.800 Euro brutto macht das 780 Euro Kurzarbeitergeld. Spielerverträge gehen meist nur über ein, zwei Saisons, große finanzielle Rücklagen dürften die wenigsten haben.

Ein anderes Worst-Case-Szenario ist die Insolvenz des Klubs mit anschließender Erwerbslosigkeit für die Spieler. Die Betroffenen haben drei Monate Anspruch auf Insolvenzgeld und können zwölf Monate Arbeitslosengeld I beziehen. Einige Geringverdiener überlegen sich in einer solchen Lebensphase eine »nachfußballerische Laufbahn« anzustreben, weiß Baranowsky. Eigens dafür hat die VDV ein »Krisencoaching« im Programm.

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