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Aus: Ausgabe vom 25.03.2020, Seite 15 / Antifa
Antisemitismus Niedersachsen

Hanauerin bedroht Antifaschisten

Ehepaar engagiert sich nahe Hannover gegen rechts und wird von Antisemitin verfolgt
Von Kristian Stemmler
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Der rechtsterroristische Anschlag von Hanau verunsichert bis heute Menschen, die sich dem Rechtsruck entgegenstellen (2.3.2020)

Obwohl das Geschehen erst fünf Wochen zurückliegt, spricht außerhalb Hanaus kaum jemand mehr über den tödlichen rassistischen Anschlag in Hessen. Für das Ehepaar Joachim und Bernadette Gottschalk aus Laatzen bei Hannover ist der Angriff dagegen immer noch von bedrückender Aktualität. Als der Attentäter am 19. Februar neun Menschen erschoss, löste das große Ängste bei ihnen aus. Denn Frau Gottschalk, die Jüdin ist, und ihr Mann werden seit Jahren verfolgt – von einer Frau, die offenbar wie der Attentäter psychisch krank ist und aus Hanau kommt.

Wegen Gedenken im Visier

»Das war für uns ein Riesenschock, auch wenn es keine Verbindung zwischen dieser Frau und dem Attentäter gibt«, erklärte Joachim Gottschalk gegenüber junge Welt. Das Ehepaar engagiert sich seit vielen Jahren gegen Antisemitismus und rechts. So gehörten die Gottschalks zu denen, die im Sommer 2019 Anzeige gegen die faschistische Kleinstpartei »Die Rechte« erstatteten, wegen eines Wahlplakates mit der Aufschrift »Zionismus stoppen: Israel ist unser Unglück – Schluss damit!« (siehe jW vom 2.8.2019). Seit langem kämpfen sie gegen ein »Ehrenmal« im Stadtpark von Laatzen. Mit seiner Inschrift »Treue um Treue« ist es nach Überzeugung der Gottschalks »erkennbar faschistisch konnotiert«, wie sie in einem Brief vom 29. Februar an den Rat der Stadt schrieben. Schon 2012 hatte das Paar vorgeschlagen, dieses »Ehrenmal« in ein Denkmal für alle Opfer der Nazis umzuwidmen.

Es war offenbar dieses Engagement, das das Paar zur Zielscheibe der Postangestellten Annette E. machte. Die Frau hatte mehrfach Gedenkveranstaltungen am »Ehrenmal« besucht, weil zu ihrer Verwandtschaft wohl ein im Krieg gefallener Angehöriger der Waffen-SS gehörte. Daher hätte sie sich provoziert gefühlt, als am Volkstrauertag des Jahres 2016 eine ganz andere Art von Gedenkveranstaltung dort stattfand. An diesem Tag im November gedachte eine Gruppe von Laatzener Bürgern, darunter die Gottschalks, an dem Denkmal der zivilen Opfer des Hitlerfaschismus.

Ein besonderes Augenmerk lag bei dieser Veranstaltung auf drei jüdischen Laatzener Mitbürgern, die von den Nazis in Konzentrationslagern ermordet worden waren, darunter eine Tante und ein Onkel von Frau Gottschalk. Gedenksteine mit den Namen der drei wurden vor das »Ehrenmal« gelegt. Kurz nach der Feier trat E. auf diesen Steinen herum und legte sie mit den Namen nach unten auf die Rückseite des Denkmals. Das Ehepaar forderte die Frau einige Zeit später auf, die Rechtswidrigkeit dieses Verhaltens anzuerkennen, es zu bedauern und zu erklären, Ähnliches künftig zu unterlassen.

Auf dieses Schreiben antwortete die Hanauerin mit üblen antisemitischen Beschimpfungen. Sie schrieb dem Paar, sie sehe »Juden als eine Köterrasse«. Noch immer fließe »Blut von ihren Händen«. Kein anderes Volk habe »weltweit Menschen derart verachtet, massakriert und erniedrigt«. Für diese Äußerungen verurteilte das Amtsgericht Hanau Annette E. im Juni 2018 zur Zahlung eines Schmerzensgelds von 1.100 Euro an Bernadette Gottschalk. Das Gericht stellte fest, dass der Begriff »Köterrasse« eine »entmenschlichende Herabwürdigung« darstelle, wie sie »exakt« in der Propaganda der Nazis »bis zur völligen Entmenschlichung der jüdischen Bevölkerung im Rahmen des Völkermords betrieben wurde«.

Um Sicherheit besorgt

Von vielen Verantwortlichen in der Politik, die von den Gottschalks damals angeschrieben wurden, bekamen sie Zuspruch und Unterstützung, so auch von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD). »Der Rat der Stadt Laatzen hat dagegen bis heute nicht Stellung bezogen«, sagte Joachim Gottschalk gegenüber jW. Daher hätten er und seine Frau in einem Schreiben an den niedersächsischen Innenminister Boris Pistorius (SPD) im Februar gefordert, dass Laatzen unter Staatsaufsicht gestellt werde. Diese Forderung habe eher symbolischen Charakter, so Gottschalk. »Uns ist natürlich klar, dass das nicht geschehen wird.« Nach dem Anschlag von Hanau sei jetzt ohnehin wichtiger, dass geklärt werde, »ob die Frau, die uns so lange schon bedrängt«, gefährlich sei.

In einem Brief von Ende Februar bat Bernadette Gottschalk den hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier (CDU) darum, bei einer »Risikoabschätzung zu helfen, wie gefährlich Annette E. und ihr Umfeld in Hanau und in Laatzen« sind. Sie verweist in dem Schreiben auf Äußerungen der Frau, die auf eine psychische Erkrankung hinweisen. So hätte sie bei einer polizeilichen Vernehmung angegeben, jede Synagoge habe einen geheimen Raum, in dem Frauen vergewaltigt würden. Seit dem Anschlag von Hanau habe sich »alles verändert«, schrieb Frau Gottschalk weiter an Bouffier. Sie befinde sich in einer Situation »wie meine Tante und mein Onkel mit meinen beiden Cousins« in Berlin im Jahr 1936: »Deutschland verlassen, ja oder nein?« Diese Verwandten hätten sich für eine Emigration nach England entschieden, was ihr Leben gerettet hätte. »Die meisten anderen Personen meiner Familie haben nicht überlebt«, heißt es in dem Brief.

Regio:

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