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Aus: Ausgabe vom 25.03.2020, Seite 11 / Feuilleton
Popmusik

Mit Sternchen

Refrainlos glücklich: Frank Spilker kann’s auch alleine
Von Markus von Schwerin
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Bezieht Position: Frank Spilker

»Wir konnten immer noch super zusammen live auftreten, aber der Kern der Arbeit – das heißt: das Kreative – hat nicht mehr funktioniert«, so begründete es Frank Spilker Ende Februar im Deutschlandfunk, weshalb er 2018 mit Bassist Thomas Wenzel und Schlagzeuger Christoph Leich übereinkam, die gemeinsame Arbeit nach über 25 Jahren nicht mehr fortzuführen. Spilker machte als Die Sterne mit neuer Rhythmusgruppe weiter. Eine schlüssige Entscheidung: Der heute 54jährige hatte bereits in den späten 80er Jahren unter dem Projektnamen »Sterne, die« zwei Singles veröffentlicht und sich dabei von unterschiedlichen Mitstreitern aus der ostwestfälischen Szene um das Label Fast Weltweit begleiten lassen. Als er sich 20 Jahre später mit der dreiköpfigen Frank Spilker Gruppe einen Soloausflug gönnte, stand die Fortführung der Stammformation noch nicht in Frage. Doch nach der Trennung wäre es schlicht verschenkt gewesen, den prägnanten Bandnamen ad acta zu legen. Zudem seien die elf neuen Songs »alles Entwürfe (gewesen), die für eine Sterne-Platte gedacht waren«. Seit dem letzten Album der Band »Flucht in die Flucht« (2014) hat Spilker nicht nur mit der Arbeit an seinem zweiten Buch begonnen, sondern mit »Zwei ohne Musik« auch ein humoreskes Hörspiel für den WDR geschrieben, in dem er die männliche Hauptrolle übernahm. Während der Produktionszeit in Köln begegnete er den Multiinstrumentalisten und Studiobesitzern Jan Philipp Janzen und Phillip Tielsch von der Band Von Spar wieder, mit denen er schon 2004 zusammengearbeitet hatte, als diese noch mit Thomas Mahmoud sperrigen Punk produzierten.

Inzwischen können die sowohl Space-, wie auch Yachtrock-versierten Kölner allerlei internationale Kooperationen vorweisen. Janzen und Tielsch behielten aber auch die Entwicklungen im eigenen Lande im Auge und erwiesen sich im Gespräch mit Spilker als profunde Kenner des gesamten Die-Sterne-Œuvres. Insofern konnte der als Produzent von »Die Sterne*« engagierte Jan Philipp Janzen davon ausgehen, mit Arrangementideen im Geiste des rheinischen Stromlinien-4/4-Beat à la Neu! (»Der Palast ist leer«) oder des Prä-Disco-Wummerorgel-Sounds von George McCraes »Rock Your Baby«-LP (»Du musst gar nichts«), offene Türen einzurennen.

Denn schon zu Zeiten des Sterne-Durchbruch-Albums »Posen« (1996) wurden nicht nur naheliegende Vorbilder in puncto Groove und politischer Aussage wie The Meters und Gil Scott-Heron, sondern auch Euro-Dance-Charts-Hits aus den 70ern als Inspirationsquellen genannt. Zugleich ist in Spilkers Sprechgesang bis heute der Einfluss von Thomas Schwebel unüberhörbar, der bei den Fehlfarben nach Peter Heins Ausstieg 1981 auf immerhin zwei Alben das Mikrofon übernahm. Besonders deutlich wird das im Eröffnungsstück »Das Herz schlägt aus«, wo Spilker im vertraut-nasalen Tonfall dekliniert, wie, wohin und für wen das Herz ausschlägt.

Dazu treffen Westernklampfen-Akkorde auf verzerrte E-Gitarren in Michael-Karoli-Manier und rhythmische Ein-Finger-Klavier-Akzente auf ein Orgelsolo von Carsten »Erobique« Meyer. Spilker reiht refrainlos Strophe auf Strophe, um nur dreimal kurz zu bilanzieren, dass die Stoßrichtung »nach allen Seiten« gehe: »Für die Versklavten / Und die Befreiten« bzw. »So wie das Meer / Mit den Gezeiten«. Kurz: das abwägende Für und Wider, welches seine Songtexte für Die Sterne stets auszeichnete und dank selbstironischer Brechungen meist zu vermeiden wusste, in Abkanzelungen à la Blumfelds »Die Diktatur der Angepassten« zu verfallen.

Und doch ist Spilker nicht umhin gekommen, seinem derzeitigen Unmut über Onlinemanipulation (»Unterschiedlich subtil«), halbherzige Solidarität mit Minderheiten (»Wir kämen wieder vor«) und den geduldeten rüden Umgangston bestimmter Parteigängerinnen (»Die Message«) Gehör zu verschaffen. Oft wird die scharfe Aussage musikalisch konterkariert, indem etwa die erstgenannte Weise über »Meine Bekannten / Ich nenne sie mal Algo und Rhythmus« in OMDscher Freundlichkeit daherblubbert und vom Kaiser Quartett feierlich verziert wird. Doch in »Das Elend kommt (nicht)« korrespondieren die von Spilker im Reporterduktus beschriebenen Unerfreulichkeiten mit dem sechsminütigen Uneasy Listening aus bedrohlichen Bässen und fordernder E-Gitarren-Kakophonie und erinnern den Verfasser an das 40 Jahre alte »Sie fangen wieder an!« der Münsteraner Bluesrockgruppe Gebrüder Engel. Doch während letzteres im bloßen »So weit ist es schon!«-Schock verharrt, geht Spilker weiter, er bezieht Position: »Und ich bleibe – nicht aus Angst, sondern weil ich das will / Solange ich will«.

Die Sterne: »Die Sterne*« (PIAS Germany)

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