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Aus: Ausgabe vom 25.03.2020, Seite 8 / Inland
Lehren aus Coronaviruspandemie

»Prävention ist immer die beste Gesundheitspolitik«

Pflegekräfte am Limit, zu wenige Intensivbetten: Viele Probleme in Pandemiezeiten sind hausgemacht. Ein Gespräch mit Susanne Schaper
Interview: Markus Bernhardt
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Ein Zimmer in der SARS-2-Notaufnahme des Städtischen Klinikums Dresden (24.3.2020)

Viele Blicke richten sich in Zeiten der Coronaviruspandemie auf die Bundesländer, die zu einem großen Teil für Gesundheitspolitik verantwortlich sind. Ist Sachsen gut gerüstet?

Derzeit scheint die Lage im großen und ganzen kontrollierbar zu sein. Ich hoffe, dass das so bleibt. Dazu muss sich die Bevölkerung stark einschränken und zeitweilig soziale Kontakte reduzieren, etwa Besuche bei Eltern oder Großeltern. Das ist für uns alle schwer und mit Verzicht verbunden. Aber das Abstandhalten ist im Interesse derer, für die das Virus lebensgefährlich werden kann. Klar ist aber auch: Die Krise offenbart Schwachstellen, deren Behebung wir schon lange anmahnen.

Welche Schwachstellen sind das?

Da ist einmal der Investitionsstau bei den Krankenhäusern. Seit Jahren sind die Landeszuschüsse für Investitionen zu gering. Eine weitere Baustelle ist der öffentliche Gesundheitsdienst. Wir haben nicht nur in Haushaltsverhandlungen immer wieder gefordert, diesen personell wieder aufzustocken und ausreichend zu finanzieren. Auch ein Landesgesundheitsamt fehlt. Dabei ist Prävention immer die beste Gesundheitspolitik.

Gibt es in Zeiten der Pandemie überhaupt Möglichkeiten, die Beschäftigten in Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen und Praxen zu entlasten?

Notwendig dafür ist, dass die Landesregierung klare Vorgaben macht und Orientierung bietet. Welche Operationen in den Krankenhäusern sind jetzt medizinisch notwendig und folglich durchzuführen? Wie schaffen wir überall im Land genug Beatmungskapazität und Intensivbetten? Wie sichern wir Meldeketten? Wie bringen wir genug Ärztinnen und Ärzte mit Notarztausbildung in die Kliniken, wen können wir noch aktivieren? Wie wird die Liquidität der Krankenhäuser gesichert? Wie machen wir überall genug Schutzkleidung verfügbar? Wir brauchen jetzt klare, ruhige Lösungen, die sich später auszahlen.

Was erwarten Sie von der Landesregierung von CDU, SPD und Bündnis 90/Die Grünen?

Sie muss alles in ihrer Macht Stehende tun, um diejenigen zu unterstützen, die mit großem Engagement gegen das Virus kämpfen – vor allem im medizinischen Bereich, aber nicht nur dort. Sie muss unkomplizierte Hilfen für alle bieten, die durch das zeitweilige Erlahmen des öffentlichen Lebens wirtschaftliche Schäden erleiden. Und vor allem muss sie weiter transparent informieren, Ruhe ausstrahlen und solidarisches Handeln befördern.

Das Gesundheitssystem wird aktuell nicht vom Kopf auf die Füße gestellt werden können. Welche Forderungen ergeben sich aber für die Zeit nach der Pandemie?

Die Regierenden dürfen nach der Krise die Menschen nicht vergessen, die aktuell die Versorgung gewährleisten – egal ob ärztlich, pflegerisch oder in anderer Weise. Wir müssen den Sektoren, die wir jetzt so dringend benötigen, künftig mehr Beachtung und Wertschätzung schenken – nicht nur finanziell. Spätestens nach der Pandemie müsste allen klar sein, dass wir unser Gesundheitssystem nicht profitorientiert organisieren dürfen. Ich will mir nicht vorstellen, wie wir dastehen würden, hätte man tatsächlich aus Kostengründen Kapazitäten weiter abgebaut oder gar Krankenhäuser geschlossen.

Was könnte jetzt getan werden, um Pflegekräfte noch vor dem weiteren Anstieg der Zahl Erkrankter besser auszustatten?

Bürokratische Anforderungen müssen, so gut es geht, reduziert und Nachweispflichten möglichst in die Zukunft verlagert werden. Große Bedeutung hat es, ausreichend Schutzmaterial zu besorgen – da muss die Landesregierung dranbleiben und auch kreative Lösungen fördern. Ich verstehe nicht, warum nicht für jede Bürgerin und jeden Bürger ein Satz eingelagert ist. Die DDR hatte das übrigens geschafft, aber das nur am Rande. Auch ein Krisenzuschlag für das medizinische Personal wäre angemessen, schon angesichts der höheren Gesundheitsgefährdung, die aus dem ständigen Kontakt mit Infizierten resultiert.

Susanne Schaper ist gelernte Krankenschwester, Kovorsitzende von Die Linke in Sachsen und gesundheitspolitische Sprecherin der Fraktion im Sächsischen Landtag

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • L. Hanisch: Gegenteil stimmt Pflegekräfte waren immer am Limit, schon vor 50 Jahren. Zur Zeit wird medial gejammert, dass das Krankenhaus- und Praxispersonal überlastet ist. Das Gegenteil ist zur Zeit der Fall. Praxen berichten, ...
  • alle Leserbriefe

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