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Aus: Ausgabe vom 25.03.2020, Seite 7 / Ausland
Coronapandemie in Spanien

Not in Europas Speisekammer

Ernte in Spanien »systemrelevant«, aber nicht gesichert. Landarbeiter beklagen fehlenden Arbeitsschutz
Von Carmela Negrete
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Arbeiter bei der Olivenernte in Porcuna am 15. Oktober 2019

Die Coronaviruspandemie zeigt dieser Tage deutlich, wie in Europa jahrelang »systemrelevante Tätigkeiten« vernachlässig wurden. So zum Beispiel die Arbeit der Erntehelfer in Spanien. In dem Land, das zusammen mit Italien und Griechenland einen bedeutenden Teil der Lebensmittel für den Kontinent produziert, ist gerade Erntezeit für Erdbeeren, Orangen, Spargel sowie andere Obst- und Gemüsesorten. Jedoch gibt es dieses Jahr ungekannte Probleme. So fällt in der Provinz Huelva in Südspanien fast die Hälfte der für die Erdbeerernte eingeplanten 18.000 Arbeiterinnen aus Marokko wegen der seit dem 13. März geschlossenen Grenze aus. »Wir haben die Verantwortung, viele Menschen zu ernähren. Und nicht nur in Spanien. Regionen wie Almería oder Huelva sind die Speisekammern vieler Länder in Europa«, erklärte der Generalsekretär des Kleinbauernverbands (Unión de Pequeños Agricultores, UPA) in Huelva, Manuel Piedra, am Sonntag gegenüber der Tageszeitung El País. Um die Lebensmittelproduktion aufrechtzuerhalten, fordern sie von der Koalitionsregierung in Madrid Ausnahmeregelungen für den Ernteeinsatz.

Solche lehnt die Gewerkschaft UGT als unverantwortlich und gesundheitsgefährdend ab. Statt dessen müssten die Arbeitsbedingungen verbessert werden, so dass sich auch spanische Erwerbslose von den Jobs angesprochen fühlten. Die Landarbeiterbranche ist dafür bekannt, dass in ihr kaum Tarifverträge eingehalten werden. Derzeit versucht die spanische Arbeitsagentur trotzdem, Menschen für die Ernte zu finden – bisher jedoch ohne großen Erfolg. Zum Einsatz auf die Felder zu gelangen, ist im Moment zudem kaum möglich. Neue Regeln zur Bekämpfung der Coronavirusausbreitung besagen, dass nur eine Person pro Auto reisen darf. Viele der Landarbeiter haben jedoch weder ein Auto noch einen Führerschein.

Hunderte der marokkanischen Arbeiterinnen, die bereits vor Ort sind, haben sich mittlerweile an die Andalusische Arbeitergewerkschaft (SAT) gewandt. Sie beklagen, auf engstem Raum leben zu müssen. Dabei sei es unmöglich, den zur Verhinderung der Ausbreitung des Virus notwendigen Abstand zu anderen einzuhalten. Zudem seien manche trotz Krankheit dazu gezwungen worden, zur Arbeit zu gehen. SAT-Generalsekretär Óscar Reina warnte gegenüber jW: »Die Leute brauchen Schutzmittel wie Mundschutz, Handschuhe und Desinfektionsmittel, um eine massive Ansteckung zu verhindern«. In Huelva sind zudem Hunderte obdachlose Landarbeiter dem Virus völlig hilflos ausgeliefert. Bei der Stadt Lepe wohnen sie seit Jahren in selbstgebauten Hütten und berichten, dass dort die spanische Armee in den vergangenen Tagen die Straße mit Desinfektionsmittel gereinigt habe, während in ihren Behausungen weiterhin fließendes Wasser fehle.

Schon seit längerem befindet sich die spanische Landwirtschaft in einer Krise. Anfang des Jahres demonstrierten Bauern in zahlreichen Städten gegen zu niedrige Marktpreise für ihre Produkte. Paradoxerweise führte nun die Nachfrage der Hamsterkäufer dazu, dass sich die Preise leicht erhöht haben, wodurch viele Landwirte vor einer drohenden Pleite gerettet wurden. Selbst in der andalusischen Provinz Almería, wo das meiste Gemüse im Land angebaut wird, hamsterten Menschen Gemüse.

Am Sonntag hatte Ministerpräsident Pedro Sánchez angekündigt, die Ausgangssperre im Land mindestens bis zum 11. April verlängern zu wollen. Seit dem 14. März gelten in Spanien weitreichende Beschränkungen. Bewohner dürfen ihr Zuhause nur verlassen, um zur Arbeit zu gehen, Einkäufe zu erledigen, Medikamente zu besorgen oder mit dem Hund raus zu gehen. Das Land gilt als nach Italien am zweitstärksten vom Coronavirus betroffen.

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