Probeabo abschließen und weiterempfehlen
Gegründet 1947 Sa. / So., 28. / 29. März 2020, Nr. 75
Die junge Welt wird von 2267 GenossInnen herausgegeben
Probeabo abschließen und weiterempfehlen Probeabo abschließen und weiterempfehlen
Probeabo abschließen und weiterempfehlen
Aus: Ausgabe vom 24.03.2020, Seite 16 / Sport
Schach

Die Übriggebliebenen

Beim Kandidatenturnier in Jekaterinburg wird der Herausforderer von Schachweltmeister Magnus Carlsen ermittelt
Von Mario Tal
16.jpg
In einer »feindlichen Atmosphäre«: Alexander Grischtschuk (r.)

Im russischen Jekaterinburg kämpfen seit einer Woche acht Schachgroßmeister um die Berechtigung, Ende des Jahres Weltmeister Magnus Carlsen herauszufordern. Bis zum 3. ­April ist das doppelrundige Turnier mit einem Preisgeld von 500.000 Euro angesetzt. Ob es planmäßig beendet werden kann, scheint offen. Exweltmeister Wladimir Kramnik sagte kurzfristig als Livekommentator ab. Nach der fünften Runde am Sonntag forderte der Weltranglistenvierte Alexander Grischtschuk (36) aus Russland einen Abbruch des weltweit »einzigen Turniers von Rang« – man sei zuletzt »übriggeblieben«, und das in einer »feindlichen Atmosphäre«.

Tatsächlich ist kaum etwas wie gewohnt: Ein verweigerter Handschlag gilt nicht mehr als Unsportlichkeit, neben dem Brett steht Desinfektionsmittel, und wo sich sonst die Sekundanten tummeln, da messen Ärzte zweimal täglich Fieber. Zur Pressekonferenz schaffte es gerade mal Leontxo García an den Ural, die spanische Reporterlegende ist aber nun prophylaktisch in Quarantäne. Und die Stecknadel hört man nicht wegen der Disziplin der Zuschauer fallen, sondern mangels Publikum.

Der aserbaidschanische Großmeister Teimour Radjabov verzichtete wegen der Coronakrise. Für ihn sprang der Franzose Maxime Vachier-Lagrave, kurz MVL, ein. Er düpierte in Runde zwo den Titelaspiranten Ding Liren (China) und erklärte, er habe »fast zwei Monate nicht gespielt« und fühle sich »einfach frisch«. Liren dagegen verbrachte den Jahresbeginn in der chinesischen Metropole Wenzhou unfreiwillig in der elterlichen Wohnung. Mit einem humanitären Visum durfte der Weltranglistendritte einreisen – vorsorglich verbrachte er eine zweiwöchige Quarantäne in einer Datscha bei Moskau.

Auf Liren, der im vergangenen Jahr den Dauerweltmeister Carlsen bei einem Turnier im Stechen bezwang, ruhen große Hoffnungen. Doch stand der 27jährige nach zwei Schlappen, die andere gegen Landsmann Wang Hao, früh mit dem Rücken zur Wand. In der dritten Runde musste er mit dem gut gestarteten Fabiano Caruana die Klingen kreuzen, dem Topfavoriten. Das Gebot der Stunde: sich in sattelfester Variante konsolidieren, bloß keine weitere Pleite. Doch dem US-amerikanisch-italienischen Weltranglistenzweiten gelang es mit den schwarzen Steinen, Liren in unbekanntem Fahrwasser unter Druck zu setzen: Nach der Neuerung »9… e5« in der Slawischen Verteidigung spielte Caruana a tempo, opferte zwei Bauern und nagelte Lirens König auf f2 fest. Das sehe »gefährlich aus«, so Lawrence Trent, ehemaliger Manager von Caruana, in einem Videokommentar. »Aber nicht überzeugend«, mischte sich Weltmeister Carlsen live aus einer norwegischen Hütte ein – und sollte recht behalten: Caruanas Pulver war bald verschossen, aus Verzweiflung steckte er noch einen Springer für zwei Bauern ins Geschäft. Trotz Zeitnot konnte Liren den König sichern, die Dame zentralisieren und seinen Materialvorteil nach Hause bringen. Caruana reichte Liren nach fünf Stunden zur Aufgabe, nun ja: die Hand. Er sei »sehr besorgt« um seine Stellung gewesen, ließ der Chinese nach dem Sieg wissen. Aber »langsam, langsam« habe Caruana »kein Gegenspiel mehr« gehabt. Vor der Partie habe er sich gefragt, wie er früher in bester Verfassung gespielt habe – »da wollte ich wieder hin«.

In der vierten Runde wurden alle Punkte geteilt, in der fünften am Sonntag gewann einzig der Russe Jan »Nepo« Nepomnjaschtschi (29), der zum Auftakt bereits einen spektakulären Sieg gegen den Niederländer Anish Giri gefeiert hatte. Dieser hatte seine Dame gegen Turm und Läufer geopfert, nach einer gescheiterten Festung aber im 73. Zug die Waffen strecken müssen. »Nepo«, Fünfter der Weltrangliste, führte das Feld am Sonntag abend vor MVL an. Am gestrigen Montag konnte er (kurz vor Redaktionsschluss) mit einem Sieg gegen Liren noch nachlegen und die Führung mit ganz starken 4½/6 Punkten ausbauen.

Bisher ist das Niveau, gemessen an den Umständen, erstaunlich hoch. Geht es nach dem serbischen Hauptschiedsrichter Nebojsa Baralic, muss das Turnier auch nicht abgebrochen werden. Baralic fühlt sich erklärtermaßen sicher, zumal es in Jekaterinburg keinen nachgewiesenen Coronafall gebe und die Spieler ihre Hotelzimmer lediglich für die im Haus stattfindenden Partien verließen.

Mehr aus: Sport

Drei Wochen kostenlos: jetzt probelesen!