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Aus: Ausgabe vom 21.03.2020, Seite 11 / Feuilleton
Corona

Viel zu still

Vom Alltag in der ­roten Zone in Rom
Von Peter Wawerzinek
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Jeder Tag ein Sonntag. Wie auf dem Lande. Keine Autos zu hören, die deine Ruhe stören. Herrlicher Sonnenschein, beinahe Windstille. Was uns nicht erspart bleibt, ist der über allem kreisende Hubschrauber. Taucht unvermittelt auf, ist bedrohlich lange da und verschwindet übelgelaunt wie ein erhobener Lehrerzeigefinger. Zwei Kinder sind in der uns auferlegten Idylle unser einziges Unterhaltungsprogramm. Sie fühlen sich völlig unbeobachtet, kichern sorglos. Sie streiten sich kurz, vertragen sich rasch, lachen, summen und toben auf irgendeinem Balkon. Die Bäume davor sorgen dafür, dass wir sie nicht sehen, nur als tolles Hörerlebnis wahrnehmen.

Am Abend dann sind wir bereit, das Lied des Tages mitzusingen. Achtzehn Uhr verstreicht. Nicht ein Mucks. Es ist so seltsam wie unerhört. Sie singen nicht mehr von ihren Balkonen. Fragt man sich prompt, was mag der Grund dafür sein? Ist jemand gestorben, etwas passiert, wovon wir nichts wissen, oder wird im Block gegenüber unter den Anwohnern ein Ereignis begangen, das Schweigen gebietet? Sind sie alle weggezogen, die Häuser verwaist, und nur wir haben es noch nicht bemerkt? Wir lassen das Abendlied aus unserer Box halblaut erschallen und sitzen verloren in der Gegend herum. Auch später ist kein Mucks von draußen zu hören, nicht ein zaghafter Sangeston. Einzig das dumpfe Brummen einer wuchtigen Flugmaschine mit vier Propellern. Der fliegende Ruhestörer ähnelt einem dieser Rosinenbomber damals in Berlin. Geschichtswissen. Luftbrückenversorgung und so.

Wir gehen wortkarg auseinander und jeder für sich die eigenen Dinge an. Wer in der Nacht erwacht, den erschreckt die Stille. Du trittst zur Tür hinaus und empfängst sie mit süßer Schärfe. Die Disco von nebenan hat ausgedient, statt dessen Grabesstille. Bis endlich ein einzelnes Fahrzeug die Lautlosigkeit stört, durch sie hindurch fährt. Du atmest auf und legst dich wieder hin. Die Fenster offen, freust du dich auf das Zwitschern der frühen Vögel, die irgendwie lebhafter als üblich zu Werke gehen.

Der Autor wohnt seit September als Stipendiat der Deutschen Akademie für zehn Monate in der berühmten Villa Massimo in Rom. (jW)

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In der Serie Vom Alltag in der roten Zone in Rom:

Der Autor Peter Wawerzinek wohnt seit September als Stipendiat der Deutschen Akademie für zehn Monate in der berühmten Villa Massimo in Rom. Ein Tagebuch.

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