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»Rinderwahn«? Ein Blick zurück nach vorn

Von Mumia Abu-Jamal
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In der sogenannten zivilisierten Welt wächst die Panik wegen des zuerst in England aufgetretenen Rinderwahnsinns (BSE) und die Befürchtung, durch den Verzehr von Rindfleisch könnte die Seuche auf den Menschen übertragen werden. Millionen von Fleischessern sind plötzlich gezwungen, etwas zu tun, was die milliardenschwere Fleischindustrie nach Kräften zu verhindern versucht – sich den »Big Mac«, »Fatburger«, »Alles-drin-Hack-Burger« als das Endprodukt aus einem empfindungsfähigen, einst lebendigen Wesen vorzustellen oder, um es unverhüllter auszudrücken, als eine tote Kuh.

Die moderne Verpackungsindustrie lässt uns vieles von dem, was wir essen, ignorieren. Denn unter dem Credo des alten Werbemottos »Verkaufe das Brutzeln, nicht das Steak« lassen wir uns von den vertrauten, den angenehmen, aber tödlichen Gewohnheiten treiben, die unser Denken ersticken und die menschliche Fähigkeit des Hinterfragens zum Schweigen bringen. Wir gehen in riesige Lebensmittelbetriebe (»Supermärkte«) und kaufen vergiftete, chemisch belastete tote Lebensmittel. Säfte, die noch nie das Innere einer Frucht befeuchtet haben, Eierprodukte, die nicht von Hühnern stammen, und Fleisch, das von im Delirium taumelnden drogenabhängigen Vierbeinern stammt, die mit verseuchten Innereien gefüttert werden. Mit dem hypnotischen Zauber eines sexy Werbejingles im Kopf oder mit dem durch ein hippes Etikett versüßten Feierabend leisten wir bereitwillig die Anzahlung auf unseren Tod.

Unterdessen versichern uns offizielle »Behörden«, BSE berge für uns »nur minimale Risiken«. Der politische Gefangene und revolutionäre Naturalist Mike Africa hält jedoch gegen diese sattsam bekannte Behauptung: »Das sagen sie natürlich zu allem, was sie produzieren, aber nichts von dem Zeug ist wirklich sicher. Doch jetzt schauen die Leute genauer auf das ›minimale Risiko‹, von dem die Rede ist, und fragen sich, wer ihnen das sagt. All die Jahre hat auch die Zigarettenindustrie den Leuten erzählt, dass Zigaretten keinen Krebs verursachen – angesichts von Millionen von Krebskranken durch Rauchen. Auch Atomkraftwerke, die dicht neben Wohngebieten errichtet wurden, stellten angeblich nur ein ›minimales Risiko‹ dar, während dort Babys mit Fehlbildungen geboren werden. Aber die Atomindustrie behauptet, die Ursache dafür sei ›etwas anderes‹.«

John Africa, Gründer der Organisation »Move«, verurteilte unmissverständlich das gesamte System, das die Menschen aus Profitsucht mit todbringender Nahrung abspeist: »Dieses System hat die Menschen dazu verleitet, zu glauben, dass sie kein angenehmes Leben haben, wenn sie nach den göttlichen Naturgesetzen leben, und dass sie für ein angenehmes Leben die vielfältigen Probleme der Industrie in Kauf nehmen müssen. Das System betreibt eine Politik, die Krankheit normal macht, und es lässt die Leute glauben, dass sie ohne die Industrie nicht klarkommen. Verrückt ist indes, sich nicht gegen etwas zu wehren, das euch, euren Müttern, euren Vätern, euren Babys, eurer Familie nichts als Krankheit bringt.«

Mit jedem Bissen Rindfleisch muss künftig die Angst verbunden sein, die mit dem Wissen einhergeht, dass die Tiere, von denen wir uns ernähren, möglicherweise mit Schlachtabfällen anderer erkrankter Tiere, geschreddertem Altpapier oder sonstigem Müll gefüttert wurden. Werden wir also weiter den Geschäftemachern vertrauen? Oder werden wir künftig eher uns selbst vertrauen?

Übersetzung: Jürgen Heiser

Die Coronaviruspandemie hat Auswirkungen auf eingeübte Arbeits- und Kommunikationsabläufe und verhindert, dass an dieser Stelle eine aktuelle Kolumne von Mumia Abu-Jamal veröffentlicht werden konnte. Statt dessen erinnert heute eine am 9. April 1996 von ihm geschriebene und bislang unveröffentlichte Kolumne an die Seuche BSE. Vom sogenannten Rinderwahn waren Menschen zwar nicht so unmittelbar betroffen wie vom neuartigen Coronavirus, aber die grassierende Seuche traf damals sehr viele Länder und warf die auch heute aktuelle Frage auf, was grundsätzlich falsch läuft in dieser profitorientierten Welt. (jh)

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