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Aus: Ausgabe vom 23.03.2020, Seite 6 / Ausland
Kurdistan

Jeder Balkon ein Festplatz

Trotz Coronaviruspandemie wurde das kurdische Newroz-Fest in der Türkei und Rojava begangen
Von Nick Brauns
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Newroz-Feiern in Istanbul im vergangenen Jahr

Newroz sei »das älteste Freiheitsfest der Menschheit«, heißt es in einer Erklärung der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) anlässlich des am 21. März von vielen Völkern des Mittleren Ostens und Zentralasiens begangenen Neujahrs- und Frühlingsfestes. Um Newroz trotz der Coronapandemie – in der Erklärung als Ausdruck des »Krebsbefalls der kapitalistische Moderne« bezeichnet – angemessen zu begehen, hatte die PKK, die seit über 35 Jahren einen Guerillakrieg für die Rechte der Kurden führt, dazu aufgerufen, anstelle massenhafter Feiern im Freien »jeden Ort, jedes Haus, jede Straße, jedes Viertel, jedes Dorf und jeden Berg zu einem eigenen Festplatz« zu machen.

In der Türkei, wo in den vergangenen Jahren noch Hunderttausende Menschen an großen Newroz-Feiern teilgenommen hatten, hatte die linke Demokratische Partei der Völker (HDP) dazu aufgerufen, am Freitag abend um 20.20 Uhr an Fenstern und auf Balkonen mit Lichtern, Trillern und Liedern zu feiern. So, wie die HDP-Abgeordnete Feleknas Uca auf ihrem Balkon in Diyarbakir, teilten viele ihre Bilder unter dem Hashtag »newroz her yerde« (Newroz ist überall) über Twitter.

In Dörfern wurden auch Newroz-Feuer entzündet. In der Kreisstadt Suruc stürmte die Militärpolizei in der Nacht zum Sonntag zahlreiche Wohnungen, neun Jugendliche wurden wegen ihrer Teilnahme an einer der Feiern festgenommen. Eine allgemeine Ausgangssperre zur Zurückdrängung der Coronapandemie gibt es in der Türkei bislang nicht. In der Nacht zum Sonntag trat allerdings eine Ausgangssperre für die als Risikogruppe geltenden Personen ab 65 Jahren sowie chronisch Kranke in Kraft.

Nach offiziellen Angaben waren bis Sonntag in der Türkei 947 Personen mit SARS-COV-2 infiziert und 21 an Covid-19 gestorben. »Nach Daten, die unserer Partei vorliegen, ist die Zahl der Menschen, die sich mit dem Virus infiziert haben, bereits in der Größenordnung von Tausenden, nicht von Hunderten«, hatte die HDP bereits Ende letzter Woche gewarnt. Die Maßnahmen der Regierung konzentrierten sich »auf den Schutz der Interessen des Kapitals und nicht auf die öffentliche Gesundheit«, beklagte die Partei. Notwendig sei es, alle privaten Krankenhäuser zu verstaatlichen sowie alle nicht der Grundversorgung dienenden Fabriken, Produktionsstätten und Einzelhandelseinheiten zu schließen.

In der kurdischen Autonomieregion im Nordirak, wo bislang knapp 50 Infizierungen verifiziert wurden, überwachen bewaffnete Peschmerga nach Angaben des Senders Rudaw eine seit Mitte März geltende Ausgangssperre, der auch die Newroz-Feiern zum Opfer fielen. In der als Rojava bekannten Selbstverwaltungsregion in Nord- und Ostsyrien waren zwar von der dortigen Autonomiebehörde größere Newroz-Feiern verboten worden. Da eine von der Autonomiebehörde verkündete Ausgangssperre erst ab dem 21. März galt, wurden in der Nacht zum Sonnabend noch zahlreiche Feuer in Stadtvierteln und Dörfern entzündet. »Viele sagen, Newroz sei in diesem Jahr in Rojava schöner gewesen: mehr in den Straßen durch Verbot von zentralen Feiern. Wie vor der Revolution, als es verboten war«, berichtete der deutsche Internationalist Felix Anton über Twitter aus Rojava. Sich Verboten zu widersetzen sei zwar Teil der kurdischen Identität, so Anton. Doch sei dies in diesem Falle falsch verstanden worden. So hätten sich viele Gruppen von 50 bis 100 Personen getroffen. Aufnahmen aus Kobani zeigen eine größere Menschenmenge, die am zentralen Platz der Stadt um die Statue der Freiheitskämpferin Arin Mirkan ausgelassen feiert.

Noch sind nach Informationen des syrisch-kurdischen Fernsehsenders Ronahi TV Infektionen und Todesfälle durch das Coronavirus in Rojava lediglich aus den türkisch besetzten Städten Ras Al-Ain und Tel Abjad bekannt geworden. Da sich das einzige Testgerät für SARS-CoV-2 in einem von der türkischen Armee okkupierten Krankenhaus in Ras Al-Ain befindet, können allerdings keine entsprechenden Untersuchungen im Autonomiegebiet durchgeführt werden.

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