Gegründet 1947 Donnerstag, 2. April 2020, Nr. 79
Die junge Welt wird von 2267 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 21.03.2020, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Die Sterne vom Himmel

Von Stefan Wimmer
Privat_Brauerei_Stra_33161272.jpg

Dieser Tage erscheint »Die 12 Leidensstationen nach Pasing« bei »Heyne Hardcore«, Stefan Wimmers Roman über das Aufwachsen in einer süddeutschen Vorstadthölle der 80er Jahre. Der folgende Auszug wurde vom Autor leicht gekürzt und bearbeitet. Wir danken ihm und dem Verlag für die freundliche Genehmigung zum Abdruck. (jW)

Es war Sommer, ein unglaublich heißer Sommer – ein Sommer, wie es ihn heute in der Form kaum mehr gibt. Es war Sommer, und die Sonne brannte so heftig auf Pasing herab, dass der Asphalt der Gleichmannstraße fast Blasen warf, und die Seen zwischen Allacher Lohe und Lochhausen blubberten wie in einem schlechten japanischen Science-Fiction-Film. Es war der wahrscheinlich heißeste Sommer, den ich mit meinen 15 Jahren erlebt hatte. Wir schrieben das Jahr 1985, Ronald Reagan versuchte, Nicaragua plattzumachen, Kohl war der gewählte Kanzler, und ich trug täglich wasserstoffgefärbte Zottelhaare, Kajal, Roboterstiefel und eine schwarze Kutte, deren V-Ausschnitt durch die Sonne in meinen bleichen Hungerkörper förmlich eingebrannt war.

Die Vormittage dieses Sommers verbrachten wir auf den heruntergekommenen Holzstühlen des Pasinger Karlsgymnasiums, und an einem dieser strahlend blauen Tage des Monats Juni lauschten wir fläzend dem Griechischunterricht, wir, die 10 c, The Home of The Brave and Beautiful.

Auf dem Platz neben mir saß mein Freund Roderick, ein Jahr älter als ich, aber viel kleiner – breite Knochenwülste über den blonden Augenbrauen, dazwischen eine dicke, knollige Nase, die an fernöstliche Dämonenmasken erinnerte. Verwirrt fuhr er sich durch seine geltriefenden Haare, die ihm wie Kraut und Rüben vom Kopf abstanden, lauschte auf seinem Walkman einem Extended Mix von Fad Gadget und machte ein betont fragendes Gesicht. Eine Bank weiter: Astrid von Gruithuisen, die wir »Heiner von Holland« nannten, dann Anne Römer, Urania Muschiol und Philomena Sass, die drei Popperinnen der Klasse. Rechter Hand: das Triumvirat Kuhlbrook–Sanders–Hillewick (bekannt unter den Namen »Raketengott«, »Kraftei« und »Flugkreisel«, weil alle drei nach dem Abitur eine leitende Position bei EADS anstrebten). Und dann war da noch Miriam Scharlach, die Klassensprecherin – eine Kategorie für sich! – sowie zehn weitere, weniger individualisierte Zeitgenossen.

Vor uns am Pult: Dr. Korbinianus Bärbichler – ein Tusch für unseren unvergleichlichen Griechisch- und Lateinlehrer! Von allen nervenaufreibenden Lehrern an der Schule war er der kompromissloseste. Bärbichler hatte eine extrem dunkle, sonnengeröstete Haut und sah mit seinen struppigen Augenbrauen und dem pechschwarzen Zwirbelbart aus wie ein bulgarischer Feudalherr. Er wohnte in einer Villa am Ammersee und tat immer so, als ob er der bayerischste aller Bayern sei, doch irgendwie nahmen wir ihm dieses Tamtam nicht ab. Freilich, es konnte in der Tat sein, dass er in Bayern geboren war und sein dunkler Teint lediglich von irgendwelchen einst nach Bayern eingedrungenen römischen Legionären herstammte. Genauso gut konnte es aber sein, dass er tatsächlich Bulgare war und einfach zwanzig Jahre lang den Sprachkursus »Wie gelange ich zur perfekten Nachahmung eines Bayern?« belegt hatte.

In diesen Kursen musste ihm auch seine gängigste Marotte beigebracht worden sein: Der ständige Wechsel zwischen überspannter Fröhlichkeit und Grant, der ständige Umschlag, wie sich jetzt wieder zeigte: Mit zuckendem Schnurrbart wartete er ungeduldig auf den Übersetzungsversuch eines kleingewachsenen Schülers namens Martin Zwenger, der sich haspelnd durch den Text quälte:

»Nämlich … nicht … ich erkenne … sein«, flüsterte Martin kaum hörbar, doch Bärbichler grätschte vorwarnungslos in Martins Versuche hinein und schrie:

»NAAAAA, Martin! TA EONTA…! Augen aufmachen, bevor ma an Schmarr’n übersetzt!«

Der zarte Martin brach unter der Last der Rüge zusammen und stellte aus Angst jeden weiteren Übersetzungsversuch ein. Dafür sprang nun Astrid von Gruithuisen auf, meldete sich forsch und übersetzte in ihrer rechtsrheinischen Stimmlage einen genauso wirren Nonsens wie Martin Zwenger, doch Bärbichler war sofort wie verwandelt:

»Jaaaa, GENAU, Astrid!«, jauchzte er. »Schlau kombiniert! Ta eoonta! So komma mir der Sach’ scho’ wesentlich näher!«

Nun meldete sich auch Holger Hillewick, friesisch und kühl, wollte auf der Welle der Gunst mitreiten und übersetzte etwas geringfügig weniger Schwachsinniges als »Heiner von Holland«, doch Bärbichler hatte bereits den nächsten Stimmungsumschwung erlitten und herrschte Holger an:

»Ta eoonta, Holger! Partizip! Erst ­nachdenken, bevor ma an Mund aufmacht! Muaß ma denn immer glei’ ois nausplappern, wos oam durch ’n Kopf durchgäht!«

Die Uhr an der Wand zeigte jetzt 12.59, der anhebende Lärm signalisierte Bärbichler, dass seine Macht dem Ende zuging. Er ließ seinen Blick streng über die Klasse wandern:

»Komma oiso song«, resümierte er und strich sich genießerisch über den Bart, »dass diese Parmenides-Stelle semantisch stark missverständlich is’?«

Die Mitschüler packten hektisch ihre Schulsachen zusammen und kümmerten sich nicht weiter um »ta eoonta«. Bärbichler schloss knapp:

»Wohl eher nicht!«

Auch das war eine seiner typischen Anwandlungen: Am laufenden Band Fragen zu stellen, die nach einem vernünftigen »Ja!« verlangten, um sie sich dann jedes Mal mit einem herausgegrunzten »Wohl eher nicht!« selbst zu beantworten.

Die Glocke erlöste uns, wir schossen hoch, das war’s! Ich griff die mit Bandnamen wie The Cure, The Human League und Aztec Camera beschmierte Aktenmappe meines Vaters, schwang sie mir fahrig über meine dürren Schultern und ging nach draußen. Neben mir stapfte mein Kumpan Roderick, flippte eine »MS Blu« aus seiner Zigarettenschachtel und steckte sie sich in den Mund. Wenn Roderick eine »MS Blu« zum Mund führte, dann wusste man: Jetzt beginnt der angenehme Teil des Tages, der Ruf der Wildnis, die uneingeschränkte Herrschaft des PPP.

Draußen auf der Schultreppe mischten sich die diversen Jahrgangsstufen und Klassen wie Wasserfälle. Auf den knarzenden Stufen überholten uns hektisch Kuhlbrook, Sanders und Hillewick, schnurstracks zum Würstelstand des Pedells Elender eilend, um sich dort mit Chio-Chips zu versorgen. Doch Roderick und mich gelüstete es nach etwas anderem als Chio-Chips. Wir gingen zum Parkplatz und suchten nach unseren Fahrrädern. Wir beide wussten, was das Ziel war.

»Wo ist Deibel?« fragte Roderick und deutete auf die Stelle, an der Deibel nach Schulschluss sonst immer zu stehen pflegte. Dann zündete er sich mit dem Feuerzeug seine Zigarette an. »Er wird doch nicht etwa bei Christiane sein. Arme Christiane! Sie ist ›eine zu Beklagende‹.«

Wir sperrten unsere Fahrräder auf und cruisten gemächlich über den Rollsplitt durch den Stadtpark, vorbei an Eichen und der dunkel plätschernden Würm. Nach fünf Minuten erreichten wir auf einer Lichtung mitten im Pasinger Stadtpark den Kiosk von Hanni und Roman, an dem es Bier und andere Alkoholika zu kaufen gab. Natürlich waren wir mit unseren fünfzehn Jahren viel zu jung, um Alkohol serviert zu bekommen. Doch Hanni und Roman hatten – wie es so schön heißt – ein Herz für Kinder: Sie hätten selbst einem Siebenjährigen vom Rüscherl bis zur Betonmaß alles verkauft.

Hanni klatschte hinterm Ausgabefenster erfreut in die Hände, als sie uns näherkommen sah. Sie war eine dickliche Wasserstoffblondine, die meist Karottenhosen aus Leder und Flauschpullis trug.

»Wos derf’s ’n sei?« fragte sie freundlich – ganz im Ton einer Anstaltsleiterin, die mit ihren Patienten spricht.

»Urtyp, ja?!« befahl Roderick und trommelte mit den Fingern streng auf das Ausgabepult. Ich kannte niemanden, der in das Wort »Ja?!« so viele Bedeutungen hineinzulegen vermochte. Bei ihm konnte »Ja?!« Empörung, Nachdruck, Fluch oder Leutseligkeit ausdrücken.

»A Paulaner, oder?« vergewisserte sich Hanni und lächelte. »Du trinkst ’as doch so gern.«

Roderick nickte herablassend, Hanni schenkte ihm das Bier ein und stellte es vor ihn hin, dann wandte sie sich kokett an mich:

»Und du – wos mogst du?«

»Ich weiß noch nicht so recht ...«, zögerte ich und spähte in die Vitrine. »Dieser Sechsämtertropfen da ... Den kenne ich nicht. Ich würde ihn aber gern ausprobieren!«

»A’n Sechsämtertropfen?«, lachte Hanni fröhlich auf. »Du kennst’n ned? Du mogst’n aber gern ausprobiern? Na, dann probierst ’n hoid aus! Dann siegst’ ja, ob er da’ schmeckt!«

»Und ein Weißbier!« ergänzte ich.

Hanni reichte mir das Weißbier sowie den Sechsämtertropfen. Roderick riss mir sofort das geriffelte Fläschchen aus der Hand und rief:

»›Semper idem‹, ja?! ›Semper idem‹ – ›Immer der nämliche‹!«

Roderick hatte ein Faible für Wörter und Sinnsprüche aus dem Lateinischen, obwohl er wegen Latein kurz vorm Durchfallen stand. Er gab mir gönnerhaft das Fläschchen zurück, ich trank.

»Und?«

»Hier, probier!« sagte ich und reichte ihm die halbleere Flasche. Roderick trank.

»Ha!« sagte ich und deutete in die Vitrine. »Da steht ja auch ein Rapp-Bier. Das trinkt unser Nachbar Otto Manz immer. Mein Vater hat einmal gesagt: ›Ja, wos is denn des für a abg’feimts Bier, des wos der Otto Manz da immer trinkt! Des is ja ungenießbar! Des schmeckt ja wia Gurkensaft!‹ ... Hanni, ist das Rapp-Bier zu empfehlen?«

Hanni schüttelte im Kioskhäuschen ihren Kopf und nickte in Richtung der beiden Gäste, die draußen an den Stehtischen im Hintergrund je ein Rapp-Bier tranken. Die Spucke, die den beiden in langen Fäden aus dem Mundwinkel lief, sprach Bände.

»Für eich Feinschmecker vom Gymnasium is des nix!« sagte Hanni. »Des is mehr wos für’n Geldbeitel.«

Der untersetzte Roderick wippte auf seinen spitzen New-Wave-Schuhen herum wie ein Seemann auf Landgang. Dann fragte er mich übertrieben distinguiert:

»Und?! Was wüüüüürde der Belesene als sein Lieblingsbier bezeichnen?«

Roderick hielt mich tendenziell für einen Kultur-Klugscheißer (ich las viele Reclam-Bücher), deswegen hatte er mir den Spitznamen »der Belesene« verpasst.

»Der Belesene …«, sagte ich und wollte gerade eine besonders geschmackvolle Antwort geben, als unser Freund Deibel über die Wiese auf uns zuschlurfte.

»Deibel, wo war Er solange?«, rief Roderick. »Wieso kommt Er so spät?«

Deibel kam langsam näher, und man hatte sofort das Gefühl, dass über der sonnenüberfluteten Wiese die Wolken von Niederlage und Pech Einzug hielten. Mit seiner krummen Haltung, dem schwarzen Fransenschnitt und den wie erloschenen Augen wirkte Deibel wie die personifizierte Schmach. Wie jeden Tag trug er irgendein ausgeblichenes Gratis-T-Shirt einer völlig uncoolen Marke (heute etwa mit dem Logo des Gurkenherstellers Specht), dazu eine alte Cordhose mit Grind in den Rillen, an den Füßen Jesuslatschen. In irgendeiner fernen Zukunft würde Deibels Konterfei vielleicht einmal als »kultig« gelten, doch 1985 war man mit einer solchen Aufmachung der absolute Paria, der Geleimte.

Deibels Mundwinkel hingen nach unten, und seine breite, pavianrtige Nase war dick wie eine Wurst, als er ächzte:

»I saaaags euch! I war grad in der Gleichmannstraß’, um am Ulli Linnßen die Schulden z’rückzugeben, und da bin i fast in so a Baugrub’n reing’fallen, weil des sooo schlecht ausg’schildert war! I hab mir jedenfalls total ’n Fuß verschnackelt und ruf den Bauarbeitern zu: ›Könnts ihr ned bessere Hinweisschilder machen, ihr blöden Arschwixer?‹ Da ham die mir fast eine g’schallert, du!«

Roderick, der schon leicht einen sitzen hatte, fragte Deibel:

»Deibel, was trinkt Er? Quid bebit?«

»Hanni!« nölte Deibel durch die Luke in den Kiosk hinein. »Ich hätt’ so gern eins von dene’ Biermix mit Pfiff! Daaaaaanke! Vergelt’s Gott!«

Vergelt’s Gott …, dachte ich und schüttelte den Kopf. Das war mal wieder typisch für Deibel. Wir hatten Deibel kennengelernt, als er auf einer Leiden-­Christi-Party plötzlich direkt neben uns stand und mit bizarren Fragen auf sich aufmerksam machte. Wir hielten ihn zunächst für irgendeinen geistig zurückgebliebenen Insassen des örtlichen Behindertenheims und ließen ihn gewähren (Deibel war so unscheinbar, dass uns nicht mal aufgefallen war, dass er mit uns auf dieselbe Schule ging), doch am Ende der Nacht, als wir noch ein paar Biere an der Texaco-Tankstelle tranken, war er weiter mit von der Partie und fragte plötzlich in die Dunkelheit hinein: »Sagt’s amal: Akzeptiert’s ihr mich jetzt? Bin ich jetzt in die Clique aufgenommen?« – woraufhin wir in schallendes Gelächter ausbrachen. Doch schon am nächsten Tag stand Deibel erneut bei unseren Treffen Gewehr bei Fuß, und seit jenem Tag war er uns ein treuer Begleiter geworden.

»I saaaag’s euch!« nölte Deibel. »Die Christiane aus’m 36er Eingang, die will was von mir! Wenn i damals auf’m Siedlerfest nicht die Herzmuskelentzündung g’habt hätt’, dann wär sie mein g’wesen.«

Deibel wohnte betreut – da er Vollwaise war – mit seinem Bruder in einer Mietskaserne und war ständig verliebt in irgendwelche Mauerblümchen aus der Nachbarschaft, die freilich alle über eine Eigenschaft verfügten: Sie hatten nicht das allergeringste Interesse an ihm. Einmal war er über ein Mädchen ins Schwärmen geraten, das er in der Landsberger Straße erspäht hatte, und später stellte sich heraus, dass es sich um die Schaufensterpuppe vorm Pasinger Jeansladen gehandelt hatte.

»Ja, die Christiane …«, sagten wir. »Über kurz oder lang wird sie dein sein, Deibel!«

Dann nahmen wir, die Köpfe in der Sonne, weitere Schlücke von unserem Bier.

Es gab nichts, was an einem Sommertag schöner war, als den Nachmittag am Kiosk zu beginnen. Der Alkohol war zweifellos eines der größten Elemente des PPP. Er beruhigte die Nerven und gab Mut. Er belebte und animierte zu halsbrecherischen Aktionen. Mit ihm ließ sich jedwede Zumutung leichter ertragen. All diese Effekte hatten wir bereits vor zwei Jahren bemerkt, als ich mit Roderick und Meindorff am Wartehäuschen auf Gleis 1 drei Flaschen Wein geleert hatte. Dort wurde der Bund besiegelt! Dort wurde das Fundament gelegt! Deibel war zu dieser Zeit noch nicht mit von der Partie, deshalb zogen wir ihn auch des öfteren auf: Wenn wir die Ritter des Bundes waren, dann war Deibel »der Unterknappe des Mundschenks des Kämmerers«, und – so sagten wir oft: »Aus einem Unterknappen wird nimmermehr ein Kämmerer.«

»I hab lang g’wart’, auf die Christiane …«, sagte Deibel wieder und schniefte, weil seine Nase ständig einen dünnen Strom Schleim absonderte, »… darauf, dass endlich mal die Richtige kommt. Die, die dich mit Haut und Haar will. Die, die mit allen Poren nach dir lechzt. Und wenn die Christiane da am Bushäuserl die Haare so keck nach hinten wirft, mit so a’m leichten Zwinkern, dann ist des reines Kopfkino.«

Deibel machte Christiane nach, wie sie keck die Haare nach hinten warf, und sah dabei aus wie ein psychopathischer Stricher.

»Mann, Deibel«, jaulten wir auf. »Hör endlich auf mit dieser Sülle! Wir sind hier unter Männern! Das einzige, worauf’s ankommt, sind handfeste, überprüfbare Erfolge.«

»Wieso?« stotterte Deibel ängstlich. »HABT’s ihr etwa schon?«

»Haben! Haben! Haben!« riefen wir – und wussten natürlich, was er meinte. Und ich setzte hinzu:

»Roderick und ich – wir haben FAST! Wir sind praktisch initiiert! Oder, Roderick?«

Roderick hatte in der Tat schon mal eine sexuelle Großtat vollbracht, die unter der Bezeichnung »Das Steinhausener Erlebnis« in unser kollektives Bewusstsein eingegangen war. Der Legende nach war Roderick nach einem Skikurs von einer der Miteilnehmerinnen nachmittags in ihre sturmfreie Bude nach Steinhausen eingeladen worden, wo es zu Küssen und Fummeleien kam. Was genau dort passiert war, ließ sich freilich nicht mit Gewissheit sagen, weil Roderick über diesen Nachmittag nur in dunklen, ausweichenden Wendungen sprach: »Jaaaa?! Steinhausen, ja?!« stotterte er, mehr verwirrt als glücklich. »Feuchte Angelegenheit! Ich kann nur sagen: Steinhausen – überaus feucht

»Nicht wahr, Roderick?« hakte ich jetzt nach. »Steinhausen, oder?«

»Ja!« nickte Roderick knapp und nahm einen weiteren Schluck von seinem Bier, wobei seine Finger um das Glas plötzlich sehr klein wirkten. »Steinhausen! Feuchte Angelegenheit. Mehr als feucht!«

»Aber ... – warum feucht?« fragte Deibel begriffsstutzig.

»Crede mihi, Deibel!« sagte Roderick. »Crede mihi ...! Mehr als feucht!«

»Ja, aber wenn ich jetzt noch mal drauf zurückkommen dürft’?« hakte Deibel nach und drückte uns seine wurstförmige Nase entgegen. »HABT’s ihr denn beide schon? Ihr wisst’s schon, was ich mein’! HABT’s ihr beide schon? Seid’s ihr – schon eingedrungen? Wie war’n des so?«

»Hey!« rief ich. »Roderick und ich, wir könnten dir Kurse geben! Wir sind rund um die Uhr mit nichts anderem beschäftigt als mit dem PPP! Gut, die letzten zwei Wochen, da war’s vielleicht ’n bisschen ruhiger, aber sonst sind wir Tag und Nacht aktiv!«

Na gut, das Ganze war ein wenig übertrieben. Weder Roderick noch ich waren »initiiert«, wir standen absolut am Urbeginn unserer erotischen Laufbahn. Aber im Vergleich zu Deibel waren wir zweifellos »initiiert«, eingeweiht in die höchsten Ränge und Mysterien der Liebe. Denn bei Roderick und mir wusste ich zumindest, dass wir schon mal mit einem Mädchen herumgeknutscht hatten, bei Deibel jedoch stand mit absoluter Gewissheit fest, dass noch nie ein Mädchen auch nur das Wort an ihn gerichtet hatte.

Und dennoch musste man zugeben: Roderick und ich waren beide noch Jungfrauen. Klar, natürlich nicht unsere Schuld, wir versuchten ja schon alles. Wir hatten die schulischen Pflichten längst vernachlässigt und verbrachten die Nachmittage nur mehr damit, auf der Suche nach Mädchen durch den Münchner Westen zu strolchen. Das Hauptproblem war, dass es sich bei den Mädchen unserer Jahrgangsstufe um die allerschlimmsten Spießerinnen handelte. Man musste sich ja nur mal Philomena Sass anschauen: Philomena Sass erzählte einem beispielsweise, ihr Lieblingslied sei »Le Spank« von Le Pamplemousse (zu dem sie bei den St.-Hildegard-Partys immer mit gymnastischen Verrenkungen ihres Beckens tanzte). Doch wenn man ihr nur mal sachte die Hand auf die Schulter gelegt hätte, hätte man sich sicher sein können, »Le Anzeige wegen sexuellen Übergriffs« vor den Latz geknallt zu bekommen. Was sich Philomena und die anderen Mädchen unter einem leidenschaftlichen Erlebnis vorstellten, das war ein Kuss von Pater Ralph de Bricassart aus »Die Dornenvögel«. Es war also nicht so einfach, in Pasing im Jahre 1985 seine Unschuld zu verlieren, wir versuchten es ja schon auf Biegen und Brechen! Doch zumindest an unserem kleinen, beschränkten Erfahrungsschatz wollten wir Deibel teilhaben lassen.

»Komm, Roderick!« rief ich. »Wir zeigen dem Deibel jetzt mal, wie’s gemacht wird!«

»Wir erteilen dir eine Lektion, Grünschnabel!« sagte Roderick, zog Deibel am Ohr und ahmte den Meister in Kung Fu nach.

»Hey, ihr habt’s mich da völlig falsch verstanden!«,verwahrte sich Deibel. »Unterschätzt’s mich nicht! Ich bin kei’ Spätzünder! Ich hab schon massig Schnecken-Action g’habt – mit’m Helmi, ’m Enrico und ’m Mütze!«

Jetzt rekurrierte Deibel wieder auf seine ominösen Freunde, die keiner je zu Gesicht bekommen hatte, von denen man aber annehmen konnte, dass sie noch jämmerlicher waren als Deibel selbst.

»Helmi, Enrico und Mütze! Papperlapapp!« sagten wir. »Wir holen dir jetzt die Sterne vom Himmel! Los jetzt!«

Stefan Wimmer, geboren in München, ist Schriftsteller und Journalist. Er war mehrere Jahre Redakteur bei verschiedenen Lifestyle-Magazinen und lebte sieben Jahre in Mexiko City. Bei Trikont gab er die CD »Mexican Boleros – Songs of Heartbreaking, Passion & Pain« heraus. Zuletzt erschien von ihm an dieser Stelle in den Ausgaben vom 20./21.1.2018 und 27./28.1.2018 die Kurzgeschichte »Der dritte Fan«. (jW)

Stefan Wimmer: Die 12 Leidensstationen nach Pasing. Heyne Hardcore, München 2020, 256 Seiten, 18 Euro

Regio:

Mehr aus: Wochenendbeilage

Jetzt drei Wochen gratis im Probeabo!