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Aus: Ausgabe vom 21.03.2020, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Für den Neuaufbau

Im März 1945 verbreitete die »Antifaschistische Arbeitergruppe« vor allem im Mansfelder Gebiet ein Flugblatt gegen den »Nero-Befehl« Hitlers
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Deutsche Artillerie schießt ein Dorf am Dnjepr in Brand, 16. Juli 1941

Im Frühjahr 1945 wandten sich illegale Organisationen der KPD in Berlin, in Mitteldeutschland, in Sachsen und Thüringen in Flugblättern gegen die von Hitler am 19. März befohlene Zerstörung aller Einrichtungen. So verbreiteten Leipziger Antifaschisten Hand- und Klebezettel und bereiteten die kampflose Übergabe der Stadt an die US-Truppen vor, ebenso die »Antifaschistische Arbeitergruppe Mitteldeutschland« in Eisleben (Sachsen-Anhalt), deren Flugblatt von Ende März 1945 wir hier dokumentieren. Anfang April bildete sie einen illegalen Bürgerausschuss und übernahm am 13. April noch vor dem Einmarsch der US-Armee die Macht in der Stadt und in zwei Landkreisen. Nach diesem Beispiel handelten zahlreiche Widerstandskämpfer mehrerer Orte im vom Kupferbergbau geprägten Mansfelder Gebiet wie zum Beispiel in Augsdorf, Esperstedt, Helbra, Klostermansfeld, Oberröblingen, Siersleben, Stedten, Wansleben, Wolferode und Ziegelrode.

An das Volk von Mitteldeutschland! Männer und Frauen! Arbeiter und Bauern!

Eine ungeheuerliche Katastrophe bedroht uns alle mit Tod und Untergang. Hitler, der Kriegsverbrecher, der Mörder und Verderber unseres Volkes hat die restlose Selbstvernichtung Mitteldeutschlands befohlen! Der Geheimbefehl an alle Gau- und Kreisleiter, an die Gestapo und SS lautet:

»Den, nach der völligen Auflösung der deutschen Westfront in unser Gebiet einmarschierenden Feldtruppen, in jedem Dorf und jeder Stadt bewaffneten Widerstand zu leisten. Lebenswichtige Einrichtungen und Betriebe zu zerstören, die Nahrungsmittel zu vernichten. Auf einzelne feindliche Offiziere und Soldaten aus dem Hinterhalt zu schießen. Und jeden Deutschen, der gegen diesen Befehl handelt, als ›Verräter‹ umzulegen.«

Zur besseren Durchführung des Befehls sind fanatische Nazi»kämpfer« von der Wehrmacht in ihre Heimatorte beurlaubt.

Dieser Wahnsinnsbefehl lässt keinen Zweifel übrig. Seiner Durchführung kann nur die restlose Zerstörung unserer Dörfer und Städte durch Bomben und Artillerie, das sinnlose und zwecklose Sterben von weiteren Hunderttausenden unserer Volksgenossen herbeiführen.

Das wollen der blutige Hitler und seine Spießgesellen, die Himmler und Goebbels. Diese Bande unverantwortlicher Kriegsverbrecher und Volksverderber weiß, der von ihnen angezettelte Krieg ist verloren. Verloren ist damit ihr fluch- und schuldbeladenes Leben. Sie haben keine Zukunft. Sie brauchen nach dem Kriege keine Heimstatt, kein Bett, keine Kleidung, keine Nahrung mehr.

Aber wir Arbeiter, wie alle anständigen Deutschen, wollen weiterleben. Für unsere Frauen und Kinder, für die Zukunft unseres Volkes, für den Neuaufbau unseres von Hitler zugrundegerichteten Landes.

Wir wollen endlich wieder in Frieden leben!

Hitler, der den Krieg verloren hat, zerstört nun bewusst alle Grundlagen eines friedlichen Lebens für unser Volk.

Chaos, Hungersnot, Seuchen, Banditentum ist das Vermächtnis, mit dem Hitler sein Zerstörungswerk an unserem Volk krönen will.

Fallt Hitler, dem Mörder und Zerstörer unseres Volkes noch in letzter Stunde in den Arm!

Rettet unsere Frauen und Kinder! Rettet die noch vorhandenen Wohnstätten und Betriebe! Rettet das Leben unseres Volkes!

Arbeiter! In jedem Betrieb werden bewaffnete antifaschistische Kampfgruppen gebildet. Verhindert die Zerstörung der Betriebseinrichtungen. Wählt bewährte antifaschistische Kameraden zu Führern und Organisatoren. Nehmt überall die Verbindung der Betriebsgruppen untereinander auf zur gegenseitigen Hilfe und Unterstützung.

Frauen! Erkundet die Lebensmittellager und verhindert ihren Abtransport oder die Vernichtung. Stellt die Naziverbrecher, die euch und eure Männer zur Durchführung des Blutbefehls Hitlers pressen wollen. Helft, diese Verbrecher unschädlich zu machen, bevor sie uns alle ins Verderben stürzen.

Bauern! Lasst euer Vieh nicht wegtreiben und abschlachten. Besät und bepflanzt jedes Stückchen Erde. Unser Volk darf nicht an der von Hitler beschworenen Hungersnot zugrundegehen.

Werktätige Mitteldeutschlands! Folgt den Anweisungen unserer Organisationen. Antifaschistische Arbeiter haben von Anbeginn gegen Hitler trotz des schrecklichen Terrors gekämpft. Wir haben in diesem Kampf zahllose Opfer gebracht, unsägliche Leiden erduldet, weil wir das jetzige Ergebnis der abenteuerlichen und verbrecherischen Politik Hitlers für unser Volk und unser Land voraussahen und voraussagten. Nun wollen wir von unserem Lande, von unserem Volke retten und erhalten, was noch zu retten und zu erhalten ist.

Schart euch jetzt alle um uns. Kämpft mit uns.

Nieder mit Hitler!

Hoch der antifaschistische Friedens- und Freiheitskampf

Antifaschistische Arbeitergruppe Mitteldeutschland

An das Volk von Mitteldeutschland! Flugblatt vom März 1945, Eisleben. Durchschlagpapier. Verbreitet im Mansfelder Gebiet, Halle, Lützkendorf und Merseburg. Hier zitiert nach: Institut für Marxismus-Leninismus beim Zentralkomitee der SED: Der antifaschistische Widerstandskampf der KPD im Spiegel des Flugblattes 1933–1945. Dietz-Verlag, Berlin 1978, Faksimile Nummer 227

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