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Aus: Ausgabe vom 21.03.2020, Seite 6 / Ausland
Brasilien

Kochtopfrevolte mit Rhythmus

»Weg mit den Bolsonaros«: Ein Tsunami aus Lärm gegen faschistischen Staatschef Brasiliens
Von Kay Sokolowsky
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Umgang mit Schutzmaske will gelernt sein: Brasiliens Staatschef Jair Bolsonaro während einer Pressekonferenz in Brasília am Mittwoch

Die Nachrichtenkanäle sind dieser Tage zugestopft mit Eilmeldungen zur Coronapandemie, und deshalb kommt kaum was durchs Rohr, das in anderen Zeiten Topnews wäre. So gut wie unsichtbar ist hierzulande zum Beispiel der explodierende Zorn der Brasilianer auf ihren faschistischen Präsidenten Jair Bolsonaro. Diese Empörung erfasst mittlerweile sogar Leute, die einst für ihn gestimmt hatten.

Denn Bolsonaro spielt die Gefahr, die Covid-19 auch für seine Untertanen darstellt, nahezu fanatisch herunter. Noch am 10. März behauptete er auf einer Pressekonferenz, das Coronavirus sei eine pure »Medienphantasie«. Diese Lüge war um so obszöner, da sich simultan reihenweise Leute aus Bolsonaros Junta wegen positiver Testergebnisse in die Quarantäne verabschiedeten.

Am 15. März hielt Bolsonaros Politgruppe »Aliança pelo Brasil« in Rio de Janeiro eine Großkundgebung zwecks Abschaffung des Parlaments und des Verfassungsgerichts ab. Sogar das Gesundheitsministerium des soziopathischen Regenten hatte vor solchen Veranstaltungen gewarnt. Bolsonaro scherte sich mal wieder nicht um die Vernunft, sondern besuchte die Demo, hetzte, was seine Lunge – noch – hergibt, und drückte danach die Hände von fast 300 Anwesenden. Virologen würden ihn einen »Super-Spreader« nennen.

Am 17. März beantragte unter anderem deshalb Leandro Grass von der ökologischen Partei Rede-DF ein Amtsenthebungsverfahren gegen den durchgeknallten Staatschef. Seither herrscht Krach, und was für einer. Im Twitter-Kanal »@Brasilwire« kann man Dutzende mit dem Smartphone aufgenommene Videos betrachten, welche die »Pane­laço« dokumentieren, einen echt brasilianischen Protest. Dazu gehen die Leute auf ihre Balkone oder ans Fenster, schlagen auf Töpfe und Pfannen ein, blasen in Trompeten und schreien die Worte der Stunde: »Fora Bolsonaros!« – »Weg mit den Bolsonaros!« Und das sollte, das muss man gehört haben.

Hier bilden sich Klangskulpturen und Tonmassive; ein Tsunami aus Lärm wälzt sich durch Hochhausschluchten und Favelas. Experimentelle Musik behandelt jedes Geräusch gleichwertig; das ist ihre Ästhetik. Die erstaunlich rhythmisch trommelnden Brasilianer produzieren Musik im avantgardistischen Sinn.

Dies ist eine Kakophonie, aus der hoffentlich etwas Harmonisches erwächst. Ich habe jedenfalls seit Beethovens Siebter, Mahlers Neunter und Coltranes »Ascension« nichts gehört, was mich mehr elektrisierte. Die »Panelaço« ist ein machtvolles Manifest der sonst Ungehörten, eine dissonante Union der Dissidenten. Und welche Revolution hat denn nicht im Kochtopf begonnen?

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