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Aus: Ausgabe vom 19.03.2020, Seite 12 / Thema
Literatur

Im blauen Gewand

Wer war Uwe Johnson? Die ersten Bände der »Rostocker Ausgabe« liegen vor – vorzüglich ediert und verräterisch kommentiert
Von Dennis Püllmann
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Nach seinem Umzug nach Westberlin im Jahr 1959 wurde Uwe Johnson (1934–1984) sofort in den westdeutschen literarischen Betrieb integriert. Dass seinem Schreiben eine spezifisch ostdeutscher Blick auf die DDR zu eigen ist, wird vielfach übersehen (Aufnahme von 1970)

Natürlich wünschen wir uns solch eine Ausgabe für Peter Hacks und Hermann Kant, so wie wir uns eine Ausgabe wie die »Große kommentierte Frankfurter Ausgabe« der Werke Thomas Manns auch für seinen Bruder Heinrich oder etwa für Lion Feuchtwanger wünschen würden. Und natürlich werden wir das alles auf absehbare Zeit nicht bekommen. Kritische und historisch-kritische Ausgaben sind Überbauphänomene allerersten Ranges. Sie bleiben in der Regel jenem vorbehalten, was man zu einer bestimmten Zeit als nationales Erbe anerkennt oder durchzusetzen sucht. Stets noch geht es da um die alte Frage »Wer ist unser?«. Nichtdissidentische Literatur aus der DDR kann es da heute nur schwer haben. Bei den Erst- und Neuübersetzungen russischer bzw. sowjetischer Literatur zum Beispiel verhält es sich nicht anders. So sind in letzter Zeit gut ausgestattete und zum Teil prominent benachwortete Ausgaben etwa von Michail Bulgakow, Andrej Platonow und von Warlam Schalamow erschienen, während sich bei Gorki – trotz seines 150. Geburtstages – kaum etwas tat und Michail Scholochows »Der stille Don« weiterhin auf seine Neuübersetzung wartet. Willkommen (und finanzierbar) ist allein, wer gemäß der Deutungen der Nachgeborenen ein düsteres, gern groteskes Bild vom »gigantischen Scheitern« und vom »real existierenden Irrsinn« des Kommunismus zeichnet und vom »martialischen Untergang der Menschheitsutopien« – mit solchen Slogans jedenfalls werden die genannten Autoren von ihren Verlagen und einer Büchnerpreisträgerin beworben. Das sollte nun aber kein Grund sein, sich nicht an diesen Werken zu erfreuen und neidvoll verbittert auf ihre doppelten Lesebändchen zu schielen. Wir nehmen sie – Bulgakow und Platonow und Schalamow – allesamt dankbar entgegen. Auch das brave Geschäft, die Finanzierung der Ausgabe der Werke, Schriften und Briefe Uwe Johnsons durch einen im Holzhandel reich gewordenen Mäzen zu beanstanden, überlassen wir ruhigen Gewissens der FAZ. Der Spätkapitalismus macht es einem manchmal zu einfach.

Analog und digital

Hinter der Kanonisierung Uwe Johnsons steht zumindest einiges Kapital. Es ist tatsächlich das erste Mal, dass ein deutscher Gegenwartsautor mit einer solchen Edition, einem Akademievorhaben, gewürdigt wird. (Um den 1984 verstorbenen Johnson chronologisch in ein Verhältnis zu zwei derzeit noch immer produktiven Autoren zu setzen: Johnson wurde 1934 geboren – damit ist er genau fünf Jahre jünger als Hans Magnus Enzensberger und fünf Jahre älter als Volker Braun.) Angelegt ist dieses Langzeitvorhaben auf immerhin noch überschaubare 22 Bände in 43 Teilbänden, die Ausgabe wird im Bücherregal mithin so ziemlich den gleichen Raum einnehmen wie die Marx-Engels-Werke. Als »Rostocker Ausgabe« stellt sie ein gemeinsames Projekt der dortigen Universität, an der inzwischen auch das Johnson-Archiv und die Uwe-Johnson-Stiftungsprofessur angesiedelt sind, und der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften dar. Dabei handelt es sich eigentlich sogar um zwei Ausgaben, denn auf die gedruckten Buchbände im blauen Gewand, deren textkritische und Sachkommentare sich zugunsten ihrer Lesbarkeit noch zurückhalten, wird jeweils, mit einer gewissen Verzögerung, eine digitale Edition folgen. Sie soll die Entstehung der Werke dann über alle Textstufen hinweg bis ins kleinste Detail nachvollziehbar machen. Grundsätzlich verzichtet wird allerdings auf die Aufnahme von Übersetzungen, so auch die 1960 bei Reclam Leipzig erschienene und in der DDR weit verbreitete Prosaübertragung des Nibelungenliedes, die Johnson zusammen mit dem Freund und Linguisten Manfred Bierwisch angefertigt hatte, ohne dass dies durch die Nennung seines Namens honoriert wurde. Mit den »Mutmassungen über Jakob« (1959) und »Das dritte Buch über Achim« (1961) liegen nun die ersten beiden gedruckten Romane Uwe Johnsons vor, deren Personal man später zum Teil noch in den als Hauptwerk geltenden »Jahrestagen« wieder begegnen wird.

Die Maschine Gesellschaft

Die »Mutmassungen« sind Universitäts-, Agenten- und Eisenbahnerroman in einem, eine vielstimmige Erzählung aus drei Arbeitswelten. Wir entdecken hier die vielleicht gelungenste Schilderung des philologischen Seminarbetriebes und eines studentischen Referats in der deutschen Nachkriegsliteratur. Als Eisenbahnerroman wirken die »Mutmassungen« heute – es verstärkt ihren ästhetischen Reiz immens – wie ein Fossil aus der Spätzeit der analogen Phase des Anthropozäns. In seinen »Frankfurter Vorlesungen« stellte der Autor 1979 das Programm seines ersten Buches als ein dezidiert materialistisches vor: »Es soll erzählen von der Bedingung und Veränderung dreier Personen durch ihre Aufgaben im Bereich der Arbeit und durch ihre Berührungen mit der Maschine Gesellschaft«.¹ Das wäre also, was man gemeinhin die »Selbsterzeugung des Menschen durch Arbeit« nennt, und sie gilt nicht nur für den freundlichen Eisenbahner Jakob, sondern ebenso für die Figur des Hauptmanns Rohlfs, Mitarbeiter der Spionageabwehr und keineswegs als dämonischer Gegenspieler Jakobs angelegt. Damit ist ein großes Rätsel der Johnson-Forschung berührt. In Uwe Johnsons Beschreibungen der Arbeitsweise und der Struktur des Ministeriums für Staatssicherheit schimmern einige Insiderkenntnisse durch, deren Quellen bis heute absolut unbekannt sind. »Selbst die engsten Freunde aus dieser Zeit«, so erfährt man im Nachwort, »können sich nicht erklären, woher er ›die Authentizität der Innenansicht des Ministeriums für Staatssicherheit‹ haben könnte, von wo oder wem ›die Stichhaltigkeit der Details, die so gar nichts mit der Agentenliteratur des Kalten Krieges zu tun hat‹, stammt.« Das »Dritte Buch über Achim« fügt dem dann kurz darauf zwei weitere, ebenso gründlich studierte Arbeitswelten hinzu, die des professionellen Leistungssports, genauer: des Radrennsports, sowie, selbstreflexiver, die Arbeitswelt der darüber Schreibenden. Es wäre eine Übertreibung, hier von einem biographischen Roman zu sprechen. Deutlich werden dank des Sachkommentars aber die zahlreichen Parallelen zum Leben Gustav-Adolf »Täve« Schurs. Ihn hatte Johnson, wie Schur einmal berichtete, im Rahmen seiner Arbeit am Buch auch besucht und interviewt.

Die Handlungszeit beider Romane deckt sich so ziemlich mit der Zeit ihrer Entstehung: Der Jakob-Roman spielt im Krisenjahr 1956, der im Vergleich beinahe idyllische Achim-Roman im ruhigeren Jahr 1960. Im historischen Hintergrund stehen so zunächst ein XX. Parteitag, der Ungarn-Aufstand und die Suezkrise, zudem die forcierte Kollektivierung der Landwirtschaft. Auf seine »Mutmassungen über Jakob« ein »Drittes Buch über Achim« folgen zu lassen, das behagte dem Autor übrigens gar nicht. Er fürchtete, wie er an Siegfried Unseld schrieb, »zum Sachverstaendigen fuer die Probleme alleinstehender Herren« zu geraten. Der Titel wurde ihm von Unseld trotzdem aufgedrückt, unter dem entsprechenden Brief seines Verlegers notierte Johnson Jahre später: »So demokratisch ging es damals (beim Suhrkamp-Verlag, D. P.) zu.«

Bei solchen Ausgaben ist dem Apparat ebensoviel kritische Aufmerksamkeit zu schenken wie dem »eigentlichen« Text.² Unverfänglich bleibt in den Kommentaren alles Technische. Konzise wird der germanistischen Leserschaft erklärt, wie ein Rangierbahnhof, ein Spannwerk oder am Rennrad die Freilaufnabe funktionieren, was ein Dispatcher tut oder wie sich der erschöpfte Spitzenmann einer Radrennfahrermannschaft gekonnt ans Ende seines Teams zurückfallen lässt. Gemäß der eigenen Editionsrichtlinien möchte man es strikt vermeiden, selbst zu interpretieren, und statt dessen Interpretationen ermöglichen. »Ermächtigung, nicht Entmündigung« sei also der »Leitgedanke des Apparates«.

Toxische Sekundärliteratur

Ein hehrer Anspruch, aber lässt er sich konsequent umsetzen? Immerhin: Wenn sie in den »Mutmassungen« über das Ministerium für Staatssicherheit informieren, so bemühen sich die Herausgeber anfangs sichtlich um Wertfreiheit. Auf Dauer wird das nicht durchgehalten. Bald ändert sich der Ton: »Die DDR ging seit ihrer Gründung mit harter Hand gegen politisch Andersdenkende und Widerstand gegen die Staatsgewalt vor.« Toxisch sind die Effekte der benutzten und zitierten Sekundärliteratur, das heißt im Fall der »Rostocker Ausgabe« etwa: der ständige Zugriff auf Publikationen der Bundeszentrale für politische Bildung oder, harmloser, den Brockhaus. Es macht eben einigen Unterschied, ob sich die Erläuterungen zum Krisenjahr 1956 auf einen im Auftrag des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes der Bundeswehr von zwei Bundeswehr-Offizieren herausgegebenen Sammelband stützen oder auf das entsprechende Buch des italienischen Kommunisten Luciano Canfora, ob man sich zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte bei Hans-Ulrich Wehler informiert oder bei Jörg Roesler, oder ob man, wenn es um den »Bitterfelder Weg« in der Literatur geht, ganz auf Wolfgang Emmerich vertraut, statt vielleicht doch noch einmal bei Rüdiger Bernhardt nachzuschauen.

Auch echte Entgleisungen, um im zu den »Mutmassungen« passenden Wortfeld zu bleiben, sind (selten allerdings) zu notieren. »Handel mit Angehörigen der Roten Armee«, liest man, »galt als prekär, da diese wegen ihrer Gewalttätigkeit gefürchtet waren.« Die Kommentatoren stützen sich da unter anderem auf den revisionistischen russischen Historiker Nikita W. Petrow, der behauptet, die Sowjetunion trage eine ebenso große Verantwortung für den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wie Hitlerdeutschland. Auch seine Ausführungen über die »niedere(n) Instinkte« der Soldaten der Roten Armee werden unkritisch zitiert. Im »Achim« sind es dann etwa der Historiker Reinhard Sturm und die »Informationen zur politischen Bildung«, über die Zweifelhaftes in den Sachkommentar eingeschleust wird. In Sturms Deutung der Rezeption der »Dolchstoßlegende« in der Weimarer Republik werden die rechten und faschistischen Anhänger dieser Verschwörungstheorie zu »nationalbewussten Bevölkerungskreisen, die sich mit der Sinnlosigkeit ihrer Entbehrungen und Opfer im Krieg nicht abfinden mochten«.

So wird im Kommentar manchmal regelrecht gegen den kommentierten Text angeschrieben, um ihn auf Linie der Bundeszentrale für politische Bildung zu bringen. »Der Staat liebte ihn, er liebte den Staat« – so beschreibt Johnson das Verhältnis des DDR-Sportlers und DDR-Bürgers Achim zu seinem Staat. Die »Wahl Achims in das Parlament des Landes« wird fast besungen: »Fünfzehn Jahre nach dem verlorenen Krieg war Achim in Ostdeutschland berühmt für schnelles Fahren auf einer zweirädrigen Maschine (…), zu eben der Zeit war er einstimmig gewählt worden in die Volksvertretung seines Landes als Vertreter des Volkes mit den folgenden Pflichten: das Volk zu kennen, und nicht zu verachten, sein Recht zu bewahren, und stets zu entscheiden über sein Geschick nach seinem Willen und zu seinen Gunsten. Beauftragt aber war er von der neu formierten Partei für Sozialismus und Kommunismus, die von der siegreichen sowjetischen Besatzungsmacht unterwiesen wurde im Zerschlagen der privatwirtschaftlichen Ordnung und im Errichten einer neuen, in der alles dem Volk gehören, in seinem Namen von ordentlich gewählter Regierung verwaltet werden und ihm allein zugute kommen sollte.« Wie werden diese von Ironie nicht freien und doch im Ganzen freundlichen Worte nun von den um die »Selbstermächtigung« der Leser besorgten und bemühten Herausgebern kommentiert? Reflexartig reagieren sie auf das oben zitierte erste Auftreten des Wortes »Parlament« mit dem Disclaimer »die Volkskammer (war) faktisch allerdings ein Scheinparlament«. Anderes gerät, das sind so die kleinen Präsente an die rezensierenden Kollegen, ungewollt komisch, so wie der niedliche Eintrag zu Jesus Christus: »(Geburtsdatum) unbekannt–29/31, zentrale Gestalt des Christentums«.

Am stärksten wirkt der Sachkommentar immer dann, wenn man Johnson selbst das Wort überlässt, indem man seine den Jakobs-Roman erläuternden Briefe an den italienischen Übersetzer heranzieht oder die Korrespondenzen mit den Freunden Manfred Bierwisch und Klaus Baumgärtner. Erörterungen zu den erzählerischen Grenzen des Inneren Monologs finden sich ebenso wie Hochpolitisches. Sofort wird deutlich, wie wenig man im Kreis um Johnson mit jenen westdeutschen Intellektuellen gemein hatte, die den Autor bald gern als einen der ihren willkommen heißen wollten. So liest man im Brief Baumgärtners an Johnson vom 31. Oktober 1956 über die aktuellen Ereignisse in Ägypten und in Ungarn: »Wie jeder Mensch rund um den Ball bin ich ungeheuer bestürzt. Gerade bis unter die Schädeldecke damit beschäftigt, mir über Ungarn ein Urteil zu bilden und zu hoffen, es möge beim Nationalkommunismus bleiben, kommen diese durch und durch verluderten Engländer und Franzosen daher (auf den Lippen noch den Schleim vom Freiheitsgefasel über Ungarn) und spielen Krieg«. So etwas weckt große Erwartungen an die ausstehenden Briefbände der Edition.

Ost- oder Westautor?

Wessen ist dieser Uwe Johnson denn nun? Die Frage der Zugehörigkeit war immer strittig und wird es hoffentlich auch bleiben. Für Hans Mayer zählte »der Mecklenburger Uwe Johnson«³ ohne Frage zur DDR-Literatur, genauer: zum (im Westen um so verkaufsträchtigeren) Genre der unerwünschten DDR-Literatur. Für Walter Boehlich, Johnsons inzwischen selbst legendärer Lektor bei Suhrkamp, hingegen war Johnson ganz klar ein »Schriftsteller der BRD«⁴ wie Grass und Böll und Walser. Aber auch das Autorenkollektiv der großen »Geschichte der deutschen Literatur von den Anfängen bis zur Gegenwart« erwähnt ihn in dem der Sozialistischen Nationalliteratur der Deutschen Demokratischen Republik gewidmeten Band (Ostberlin 1980) mit keinem Wort. Für die »Mutmassungen über Jakob« lässt sich die Frage – nicht zuletzt dank der durch die »Rostocker Ausgabe« präsentierten Ergebnisse zur Textgenese – entscheiden, und zwar zugunsten Mayers. Wenn wir Hans Mayer hier recht geben, dürfen wir aber nicht vergessen, wie sehr sein Urteil, wann immer er Johnson als Schriftsteller einer unerwünschten DDR-Literatur preist, zugleich auf und gegen einen anderen gerichtet ist, nämlich Hermann Kant. Mayer braucht Johnson im Kampf gegen diesen seinen Feind, die »Mutmassungen« werden explizit gegen »Das Impressum« ausgespielt. Kant habe, so behauptet Mayer, »ein geheimes literarisches Vorbild, dessen aus vielerlei Gründen nicht gedacht werden darf: den Schriftsteller Uwe Johnson. Allein die ›Mutmassungen über Jakob‹ sind ein Buch der Präzision und intellektuellen Redlichkeit.«⁵ Was Mayer an Johnson lobt, seine sprachlichen Verfremdungseffekte zum Beispiel, ist für ihn, sobald er es bei Kant entdeckt, nur Technik der Sklavensprache. In seinen »Erinnerungen an eine Deutsche Demokratische Republik« ist Hermann Kant dann auch nicht mehr als ein »Nachtrag« zu Johnson.

Für das »Dritte Buch über Achim« stellt sich die Zugehörigkeitsfrage bereits komplexer, paradoxer dar. In den »Mutmassungen« ist die Bundesrepublik von den ersten Seiten an unbestreitbar das fremde, andere Deutschland, das »jenseits« und »hinter der Grenze«. Im Zuge der Veröffentlichung wurde ihr Verfasser aber sogleich umstandslos in den westdeutschen Buchmarkt und die berüchtigte »Suhrkamp Culture« integriert: Lesereisen, die Frankfurter Buchmesse, Tagungen der Gruppe 47 bestimmen nunmehr sein Leben, Schloss Elmau, die Villa Massimo und Harvard locken. (Und locken doch nicht.) Die Arbeit am »Achim« nahm Johnson im September 1959 schon in Westberlin auf. Macht dieser Umstand das Buch nun also zu einem Werk der BRD-Literatur?

Doch da bleibt eine unüberbrückbare Differenz. Über jenen im Roman jenes dritte Buch über Achim schreibenden Westjournalisten Karsch schrieb Johnson an einen Leser: »so erheblich hat er sich die Grenze, den Unterschied, die Entfernung zwischen den beiden deutschen Lebensweisen nicht vorgestellt am Anfang«. Bezeichnend ist, wie wenig sich Johnson für die Biographie dieses Karsch interessiert – was zählt, ist sein Blick auf den Osten. Und noch bezeichnender ist, dass Johnson die Imitation jenes westlichen Blickes einfach nicht gelingen will. Es war Hans Magnus Enzensberger – Unseld hatte ihn neben Boehlich und Martin Walser als Lektor eingespannt –, dem das damals sofort auffiel: »ich finde an dem Buch einen fehler, der am anfang liegt, der niemals zu beseitigen gewesen wäre, der mir fundamental scheint. Er liegt in der person von karsch. Karsch ist kein westdeutscher. Karsch versteht sich zu gut auf das, was er ›dort‹ sieht, er ist mit den leuten ›dort‹ auf eine weise einverstanden, die einem westdeutschen besucher nicht möglich wäre.«

Das war brillant beobachtet, verdächtige Gestalten aus dem Osten wusste Enzensberger stets noch zu identifizieren und zu enttarnen. Da brauchte es so eindeutige Stellen, wie die folgende aus den »Mutmassungen« gar nicht, die für westdeutsche Leser eine ziemliche Provokation sein mussten. Eine Fotografie von Hauptmann Rohlfs, der im Roman als aufrichtiger Antifaschist charakterisiert ist, erregt Jakobs Missfallen: »›Ich glaub es ist nicht richtig … so zu fotografieren‹ sagte er. ›Es sieht aus als wär alles eins, verstehst du: als könnt Rohlfs auch bei Eurem (also dem BRD-)Geheimdienst sein …?‹« – Das war genau die Einsicht Brechts, dass das Foto einer Fabrikanlage nichts über diese Fabrik aussagt, wenn die Produktionsverhältnisse auf ihm nicht sichtbar werden. Noch 2014 widersetzte sich Manfred Bierwisch im Gespräch mit dem damaligen Cheflektor des Suhrkamp-Verlages, Raimund Fellinger, konsequent dessen Versuchen, Johnson der BRD-Literatur einzubürgern: »Also die Vorstellung von Sozialismus, die er als Jugenderfahrung sich angeeignet hat, die ist gültig geblieben.«⁶

Sorgfältig abgewogene Schläge

Und tatsächlich ist da, in den »Mutmassungen«, so ziemlich am Ende, eine Sache, die Uwe Johnson nicht den Mutmaßungen seiner Leserschaft überlässt, nämlich der Grund, warum jener Jakob selbst nicht »nach dem Westen« geht: »gefällt mir hier nicht / was! / sag doch mal, was denn / Das ist nicht schwer. Etwa die music box vollautomatisch, ging einer hin mit seinem Groschen und suchte sich eine Plattennummer aus und warf die Münze ein (…), während der Tonarm sich auf die äusserste Rille legte und hinauszuschleudern begann in den engen warmluftigen widerhallenden Raum den Badenweiler Marsch / warum magst du das nun nicht / ist der Lieblingsmarsch des Führers / eben / aber er ist doch tot / und ihr macht ihn euch wieder lebendig / ach was, ist schöne Musik / ne-i / ach, du bist so ein Hergeschickter / ein Kommunist, alle Kommunisten sind Volksverräter / als Jakob den Tisch umwarf beim Aufstehen und sorgfältig seine Schläge abwog in die glatten zufriedenen vergesslichen Gesichter, in die Fresse schlagen«.

Anmerkungen:

1 Uwe Johnson: Begleitumstände. Frankfurter Vorlesungen, Frankfurt am Main 1980, S. 128 f.

2 Kai Köhler hat es kürzlich auf den Punkt gebracht: Handbücher, Lexika, Literaturgeschichten und – so füge ich hinzu – die Kommentare kritischer bzw. historisch-kritischer Ausgaben sind enorm wirksame und zugleich ideologisch höchst anfällige Textsorten. Sie bieten gerade Studenten »einen raschen Zugang zu gesicherten Informationen; und als gesicherte Informationen gelten solche, die bei Prüfungen keinen Anstoß erregen. (…) Vor allem: Die genannten wissenschaftlichen Textgattungen sind hochideologisch, gerade weil sie sich objektiv geben.« (Kai Köhler: Auf den ersten Blick. Die DDR-Literatur in neueren Nachschlagewerken. In: Marxistische Blätter 4/2019, S. 72)

3 Hans Mayer: Die unerwünschte Literatur, Frankfurt am Main 1992, S. 53

4 Walter Boehlich: Manche freilich müssen drunten sterben. In: Die Antwort ist das Unglück der Frage. Ausgewählte Schriften, Frankfurt/Main 2011, S. 291

5 Hans Mayer: Nachtrag. Hermann Kant erzählt die DDR. In: Der Turm von Babel. Erinnerungen an eine Deutsche Demokratische Republik, Frankfurt am Main 1993, S. 245

6 https://www.youtube.com/watch?v=vvUo6J4JUEQ

Uwe Johnson, Rostocker Ausgabe. Historisch-kritische Ausgabe der Werke, Schriften und Briefe Uwe Johnsons. Herausgegeben von Holger Helbig und Ulrich Fries unter Mitarbeit von Katja Leuchtenberger. Band 2: Mutmassungen über Jakob. Roman. Berlin 2017, 467 S.; Band 3: Das dritte Buch über Achim. Roman; Berlin 2019, 631 S.

Dennis Püllmann ist Literaturwissenschaftler. Er schrieb an dieser Stelle zuletzt am 13. März 2019 über Thomas Manns »Joseph und seine Brüder«.

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