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Aus: Ausgabe vom 19.03.2020, Seite 3 / Schwerpunkt
Finanzkapital

Crash und kein Ende

Kurse an der Wall Street verlieren seit Ausbruch von Coronapandemie mehr als 30 Prozent. Hedgefonds wetten auf fallende Aktienkurse
Von Simon Zeise
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Händlern an der Wall Street treibt es dieser Tage den Angstschweiß auf die Stirn (New York, 17.3.2020)

Die US-Regierung reagiert auf die Rezession der Wirtschaft. Wie Finanzminister Steven Mnuchin am Dienstag abend ankündigte, sollen Unternehmen und Haushalte mit bis zu einer Billion US-Dollar (900 Milliarden Euro) unterstützt werden. Kabinett und Parlament befänden sich noch in der Endabstimmung. Es wäre das größte Konjunkturpaket in der Geschichte der Vereinigten Staaten. Mit sogenanntem Helikoptergeld will Washington den Konsum steigern. »Wir wollen unverzüglich Schecks verschicken. Amerikaner brauchen jetzt Cash, und damit meine ich in den nächsten zwei Wochen«, sagte Mnuchin.

Präsident Donald Trump hatte erst am Montag öffentlich eingestanden, dass die Coronapandemie »nicht unter Kontrolle« sei und »möglicherweise« in eine Rezession münden werde. Bis dahin hatte der Dow Jones bereits mehrmals hohe Tagesverluste verzeichnet. Die US-Notenbank Federal Reserve sagte ein Programm für die Finanzmärkte in Höhe von 1,5 Billionen Dollar zu, der Leitzins wurde auf einen Korridor von null bis 0,25 Prozent festgelegt. Doch Investoren kannten kein Halten. Nach Trumps öffentlichem Eingeständnis brachen die Kurse an der Wall Street erneut ein. Am Montag abend stand unter dem Strich ein Tagesverlust von fast 3.000 Punkten und rund 13 Prozent. Bis Mittwoch summierten sich die Kursverluste an der Wall Street auf mehr als 30 Prozent. Der Ölpreis war am Mittwoch so niedrig wie nie zuvor. Der Preis der US-Sorte WTI rutschte unter die Marke von 25 Dollar je Barrel (159 Liter).

Das Vorhaben, jedem US-Bürger Bargeld zur Verfügung zu stellen, dürfte Trumps Beliebtheit steigern. Medienberichten zufolge wird es sich um eine Einmalzahlung von etwa 1.000 Dollar handeln. Millionen Beschäftigte werden wegen der gedrosselten Produktion Lohneinbußen haben. Angesichts des gewaltigen Abschwungs ist es aber nur ein symbolischer Akt. Um die Konjunktur anzukurbeln, hat Trump u. a. erneut Steuersenkungen angekündigt. Er erklärte, die Erwerbslosenrate könne auf bis zu 20 Prozent hochschnellen. In der Finanzkrise hatte die Quote im Oktober 2009 die Zehn-Prozent-Marke überschritten. Bisweilen hält die Regierung an der Behauptung fest, in den USA herrsche »Vollbeschäftigung«. Offiziell gemeldet sind 5,8 Millionen erwerbslose Menschen. Mehr als 1,8 Millionen von ihnen erhalten keine staatlichen Sozialleistungen.

Spekulanten hingegen nehmen mit, was sie kriegen können. Der Hedgefonds »Bridgewater Associates« hat Wetten auf fallende Aktienkurse in Höhe von 14 Milliarden Dollar plaziert. Unternehmen in Europa stehen ganz oben auf der Liste von Fondschef Ray Dalio, berichtete Bloomberg am Montag. Mit rund einer Milliarde Dollar (939 Millionen Euro) setzt Dalio auf den Niedergang des deutschen Softwareunternehmens SAP. »Bridge­water« stehe unter starkem Druck, Profite vorzuweisen, da die Investoren seit Jahresbeginn 20 Prozent Verluste eingefahren hätten. Mit mehr als einer halben Milliarde Euro ziehen die Spekulanten gegen den Versicherungskonzern Allianz zu Felde. Bayer werde mit rund 700 Millionen Euro angegriffen.

Auch die Lufthansa ist zum Ausverkauf freigegeben. Wie die Welt am Mittwoch berichtete, sind ein Zehntel aller Aktien der Airline leer verkauft worden. Um den Fall der Kurse zu bremsen, hat die EU-Börsenaufsicht ESMA am Montag die Meldeschwelle für Leerverkäufe auf ein Minimum von 0,1 Prozent Aktienanteilen gesenkt.

Als Folge des Ausverkaufs an den Börsen schnellten die Preise für Staatsanleihen am Mittwoch in die Höhe. Diese Wertpapiere, die als »sicherer Hafen« für Investoren gelten, erhielten einen saftigen Risikoaufschlag. Die Anleiherenditen in den USA und die europäischer Staaten stiegen auf den höchsten Stand seit Wochen. Fondsmanager zögen in großem Stil Mittel ab, denn sie müssten Bargeld an die Anleger zurückzahlen, berichtete die Financial Times. Der Appetit der Finanzhaie steigt.

Debatte

  • Beitrag von Micha P. aus H. (19. März 2020 um 00:57 Uhr)
    Es heißt jetzt überall »Coronakrise« – so wie es 2008 »Finanzkrise« hieß. Dabei war es nur die »normale« – weil systembedingte zyklische kapitalistische Krise. Ich vermute, die Pandemie wirkt verstärkend, vor allem aber bietet sie die Möglichkeit, die gesellschaftliche Krise zu naturalisieren und mystifizieren. Wer beschäftigt sich mit den Krisenursachen, die auf eine ganz »normale«, weil zyklische Krise weisen?

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Istvan Hidy: Ungedecktes Geld »Die US-Regierung reagiert auf die Rezession der Wirtschaft wie bisher und stellt ungedeckte Schecks bereit für seine Bürger und meint damit das Problem zu beseitigen.« Was für eine Logik ist es? Das ...

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