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Aus: Ausgabe vom 18.03.2020, Seite 15 / Antifa
Neonazis im World Wide Web

Bestens vernetzt

Internet als Plattform für »rechte Mobilmachung«: Patrick Stegemanns und Sören Musyals neues Buch nennt Personen, Strategien und Inhalte
Von Veronika Kracher
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Martin Sellner von der »Identitären Bewegung« verbirgt seine faschistische Ideologie hinter hipper Fassade (Wien, 21.1.2020)

In den vergangenen Monaten sind zahlreiche Werke über extrem rechte Strukturen und darüber, wie sie sich organisieren, veröffentlicht worden. In ihrem jüngst bei Econ erschienenen Buch »Die rechte Mobilmachung: Wie radikale Netzaktivisten die Demokratie angreifen« erläutern die Autoren Patrick Stegemann und Sören Musyal auf rund 300 Seiten, inwieweit rechte Gruppen verschiedenste Onlineplattformen als Propaganda- und Radikalisierungsinstrument nutzen. Demnach wissen Rechte um Längen besser als ihre Gegner, wie man die Möglichkeiten, die einem das Internet heutzutage bietet, ausschöpft.

Das World Wide Web ist eines der wichtigsten Werkzeuge der radikalen Rechten, von der Partei AfD über die faschistische »Identitäre Bewegung« (IB) bis hin zu rechtsterroristischen Gruppierungen wie der »Atomwaffen Division«, allen voran sogenannte soziale Medien von Facebook über Youtube bis hin zu Gaming-Plattformen wie »Steam« oder »Discord«.

Weltweit versuchen sich den Autoren zufolge Neonazis an einem Kampf um kulturelle Hegemonie. Diesem hätten sich vor allem die IB in Europa und in den USA die sogenannte Alt-Right verschrieben. Die im Buch genannten Gruppen bedienen dabei nationalistische, antisemitische, rassistische, frauen- und LGBTQ-feindliche Muster. Dieser Kampf begann mit der misogynen »Gamergate«-Kampagne von 2014 (siehe jW vom 15.1.), die sich als Startschuss der »Alt-Right« begreifen lasse.

Ein wichtiges Werkzeug, um vor allem jüngere Nutzerinnen und Nutzer zu erreichen, ist demnach Youtube. Stegemann und Musyal müssen sich stundenlang durch die Kanäle der prominentesten Vertreter gearbeitet haben. Erwähnt seien Melanie Schmitz, die mit Musikvideos menschenverachtende Hetze im hippen Gewand verbreitet, oder IB-Chef Martin Sellner, der Zehntausenden Abonnenten sein rechtes Weltbild vermittelt. Gerade auf dem Videoportal des Google-Mutterkonzerns Alphabet sind sie bestens vernetzt und kollaborieren regelmäßig miteinander.

Dabei spielt den Autoren nach vor allem der Algorithmus der Plattform eine tragende Rolle. Den Zuschauenden werden von Mal zu Mal zunehmend radikalere Inhalte angeboten, da diese mehr Aufmerksamkeit und emotionalere Reaktionen – und somit mehr Klicks – generieren. Rechte Youtuber bedienen sich zahlreicher unterschiedlicher Genres, seien es »Humor« wie bei Alex Malenki, politische »Analysen« wie von Sellner oder Männlichkeitsperformances wie die des auf Mallorca lebenden Oliver Flesch. Sie erreichen so unterschiedliche Zielgruppen, aber bedienen immer extrem rechte Narrative.

Neben einer Auseinandersetzung mit den Protagonisten der »neuen Onlinerechten« analysieren die Autoren die Strategien, mit denen die eigene Agenda in den politischen Mainstream gedrückt werden soll. So versuchten Neonazis, IBler und AfDler, über den »Discord«-Server »Reconquista Germanica« gezielt Fake News zu verbreiten oder koordinierten virtuelle Angriffe und Beleidigungswellen (»Shitstorms«) gegen politische Gegner auf Twitter und Facebook. Gerade für die AfD spielt Facebook eine entscheidende Rolle, um Stimmung gegen Marginalisierte zu betreiben. Keine andere Partei hat so viele Fans oder geteilte Inhalte. Da zahlreiche Plattformen die Profile von zumindest US-amerikanischen Rechten gelöscht haben (siehe jW vom 29.1.), weichen diese auf Alternativen aus dem sogenannten »Alt-Tech«-Sektor aus. Dabei handelt es sich um für die faschistische Szene geschaffene Räume, in denen man sich international vernetzt und »Memetic Warfare« (Kriegführung mittels »Memes«) betreibt. Die Rolle von Memes, um Inhalte auf eine schnelle, widerspruchsfreie Weise zu vermitteln, dürfe den Autoren zufolge nicht unterschätzt werden.

Für diejenigen, die sich noch nicht mit der radikalen Onlinerechten beschäftigt haben, bietet der vorliegende Band eine informative und erhellende Lektüre. Doch jene, die hin und wieder in antifaschistischen Zeitschriften blättern oder selbst zu dem Thema recherchieren, finden dagegen kaum neues. Viele Erkenntnisse von Musyal und Stegemann werden schon seit geraumer Zeit in linken Kontexten diskutiert und veröffentlicht, stellenweise muten ganze Passagen an, als hätte man sie irgendwo anders schon einmal gelesen.

Allerdings ist es gegenwärtig wichtig, dass eben nicht nur auf das Thema spezialisierte Antifaschistinnen und Antifaschisten sich mit den Onlinestrategien der Gegenseite befassen. Gerade deshalb ist es schade, dass das Buch größtenteils bei einer Aufzählung von Personen, Strategien und Inhalten verbleibt, eine tiefergehende gesellschaftliche Analyse derselben jedoch vermissen lässt. Diese wird lediglich gegen Ende angerissen.

Die Autoren stellen immerhin klar, dass der Facebook-Konzern, welcher beispielsweise mit dem extrem rechten Portal »Breitbart« zusammenarbeitet, primär an seine eigenen Kapitalinteressen denkt. Ein Erklärungsversuch dafür, inwieweit jedoch die gesellschaftliche Gegenreaktion mit kapitalistischen und patriarchalen Strukturen zusammenhängt, fehlt jedoch praktisch gänzlich. Dabei ist nicht nur eine Auseinandersetzung mit ihren Erscheinungsformen, sondern eine Analyse des ihnen zugrunde liegenden reaktionären Denkens unumgänglich, wenn man effektiv gegen die radikale Rechte vorgehen will.

Patrick Stegemann und Sören Musyal: Die rechte Mobilmachung. Wie radikale Netzaktivisten die Demokratie angreifen. Econ, Berlin 2020, 304 Seiten, 17,99 Euro

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