Gegründet 1947 Freitag, 29. Mai 2020, Nr. 124
Die junge Welt wird von 2295 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 17.03.2020, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Pharmaindustrie

Buhlen um Coronaimpfstoff

Curevac AG gibt Washington einen Korb. Chinesisches Unternehmen investiert in Mainzer Firma Biontech
RTS35Z26.jpg
Im Pharmaunternehmen Curevac wird an Coronaimpfstoffen geforscht

Das Bundeswirtschaftsministerium hat die grundsätzliche Bedeutung eines freien Zugangs zu einem möglichen Impfstoff gegen das Coronavirus bekräftigt. »Die Bundesregierung hat ein hohes Interesse, dass wir Wirkstoffe und Impfstoffe in Deutschland und Europa produzieren«, sagte eine Sprecherin des Bundeswirtschaftsministeriums am Montag in Berlin.

Auf die Frage, ob es aus der US-Regierung Versuche gegeben hat, die an einem Coronaimpfstoff arbeitende Tübinger Firma Curevac zu übernehmen, erklärte sie vor der Bundespressekonferenz: »Das kann ich Ihnen so nicht sagen. Es gibt einen Austausch innerhalb der Bundesregierung und auch mit dem Unternehmen.« Medienberichten zufolge habe die US-Regierung versucht, deutsche Wissenschaftler des Unternehmens mit hohen finanziellen Zuwendungen in die Vereinigten Staaten zu locken oder das Medikament exklusiv für letztere zu sichern (siehe jW vom 16. März). Mehrere Politiker hatten am Wochenende erkennen lassen, dass ihnen ein solcher US-Versuch bekannt ist und diesen kritisiert. Aus dem Management der Tübinger Aktiengesellschaft wurde zuletzt Ablehnung gegen die Anwerbestrategie aus Washington signalisiert. »In dem jetzigen Fall von Curevac gab es eine ganz klare Aussage der Unternehmensleitung, und die haben wir begrüßt, denn Impfstoffproduktion, die vorangetrieben werden muss, muss für alle verfügbar gemacht werden«, sagte die Sprecherin des Bundeswirtschaftsministeriums.

Am 11. März hatte Curevac-Gründer Ingmar Hoerr den US-Amerikaner Daniel Menichella überraschend als Vorstandsvorsitzenden abgelöst. Menichella hatte Anfang März noch mit zahlreichen weiteren Pharma- und Biotechunternehmern auf Einladung des Weißen Hauses mit Donald Trump Strategien zur Impfstoffentwicklung diskutiert. Ein Curevac-Sprecher sagte am Montag: »Ein Angebot liegt uns nicht vor«.

Auch die in Mainz ansässige Firma Biontech forscht an einem Impfstoff gegen das Coronavirus. Hierfür bekommt das Unternehmen Unterstützung aus China. Für die Forschung erhält Biontech bis zu 120 Millionen Euro von dem Shanghaier Arzneimittelhersteller »Fosun Pharma«, davon 44 Millionen Euro im Austausch gegen Biontech-Aktien, teilte das Unternehmen am Montag mit. Die 1,58 Millionen Aktien stammen aus einer Kapitalerhöhung, »Fosun Pharma« übernimmt dadurch einen Anteil von 0,7 Prozent an Biontech. Den neuen Impfstoff will die Mainzer Firma erstmals Ende April am Menschen testen, wenn die behördlichen Genehmigungen vorliegen. Neben der Impfung ist auch eine Arznei zur Behandlung bereits am Coronavirus erkrankter Menschen geplant. Den Impfstoff will Fosun in China vermarkten, Biontech behält die vollen Rechte für die übrigen Staaten der Welt.

Biontech befindet sich für seinen Impfstoff gegen das Coronavirus auch in fortgeschrittenen Gesprächen mit seinem bereits bestehenden Partner Pfizer über die Entwicklung des Impfstoffs außerhalb Chinas. Der US-Pharmariese hatte Anfang dieses Monats erklärt, eine entsprechende Zusammenarbeit mit den Mainzern zu prüfen. (dpa/Reuters/jW)

Kritischer, unangepasster Journalismus von links, gerade in Krisenzeiten!

Die Tageszeitung junge Welt finanziert sich vor allem über Abonnements. Wenn Sie öfter und gerne Artikel auf jungewelt.de lesen, würden wir uns freuen, wenn auch Sie mit einem Onlineabo dazu beitragen, das Erscheinen der jungen Welt und ihre Unabhängigkeit zu sichern.

Ähnliche:

  • Das kubanische Gesundheitssystem gilt als hochentwickelt (»Héroe...
    15.02.2020

    US-Blockade zum Trotz

    Kubanisches Arzneimittel auch gegen das neuartige Coronavirus im Einsatz
  • Pompöser Empfang für Kanzlerin Angela Merkel in Neu-Delhi (1.11....
    02.11.2019

    »Attraktiver Absatzmarkt«

    Deutschland und Indien wollen Wirtschaftsbeziehungen ausbauen. Vereinbarungen zu Digitalisierung und Klimaschutz
  • Pilotprojekt: Impfung gegen humane Papillomaviren (HPV) in Boao,...
    17.08.2018

    Regierung fordert mehr Kritik

    Ein Impfstoffskandal erschüttert die VR China. Der Staat setzt auf Transparenz und schwere Strafen

Regio:

Mehr aus: Kapital & Arbeit