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Aus: Ausgabe vom 17.03.2020, Seite 5 / Inland
Gefährdete Versorgung

Armenspeisung ausgesetzt

Immer mehr »Tafeln« schließen wegen Ausbreitung des Coronavirus. Dachverband bittet Jüngere und Bundesregierung um Hilfe
Von Susan Bonath
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Umfangreiche Lebensmittelspenden gehören in Zeiten der »Hamsterkäufe« der Vergangenheit an (München, 6.2.2019)

Die Ärmsten leiden am meisten. Das gilt auch für die Coronaviruspandemie. Diese betrifft nicht nur die Gesundheitsversorgung. Immer mehr sogenannte Tafeln, die Bedürftige mit aussortierten und gespendeten Lebensmitteln versorgen, machen dicht. Der Grund: Laut einer Mitteilung des Bundesverbandes Tafel Deutschland gehören 90 Prozent der großteils ehrenamtlichen Helfer selbst der Risikogruppe an. Bis Freitag hatten demnach schon 30 von 949 Tafeln insgesamt mit meist mehreren Ausgabestellen ihre Arbeit deshalb eingestellt. Weitere könnten folgen.

Am Montag gaben zum Beispiel die Tafeln in Gießen, Hungen und Grünberg (Hessen) bekannt, ab sofort den gesamten Ausgabebetrieb einzustellen. Träger ist das Diakonische Werk. Dessen Leiter, Holger Claes, begründete die Entscheidung mit seiner Verantwortung gegenüber den oftmals älteren Nutzern einerseits und den ebenfalls älteren Helfern andererseits. Es sei »nicht möglich, die erforderlichen Abstandsgebote einzuhalten«, sagte er dem Gießener Anzeiger. Das Übertragungsrisiko sei zu hoch.

Auch in Niedersachsen sieht es für viele Bedürftige düster aus. In Hameln etwa bleibt die Tafel bis zum 13. April geschlossen, in Wunstorf bis auf weiteres. Das Tafelteam um den Vorsitzenden Frank Löffler will nach Angaben der Wunstorfer Auepost versuchen, den Bringdienst für sehr alte und behinderte Menschen aufrechtzuerhalten.

In vielen weiteren Städten im gesamten Bundesgebiet verkündeten die Tafeln ein vorübergehendes Aus. Allerdings gibt es vielerorts noch ein weiteres Problem: fehlende Spenden wegen »Hamsterkäufen«. In einem Interview mit der Frankfurter Rundschau (Onlineausgabe) vom Mittwoch sprach die Vorsitzende der Tafel in Frankfurt am Main, Edith Kleber, von »leergefegten Regalen« in den Supermärkten, weshalb diese nichts mehr oder kaum noch etwas spendeten. Es mangele fast an allem, was ihre Einrichtungen sonst ausgeben, vor allem an Milchprodukten, Obst und Gemüse. Die Frankfurter Tafel ist nicht die einzige, die damit zu kämpfen hat. Bereits Anfang März hatte der Bundesvorsitzende des Tafelverbandes, Jochen Brühl, einen drastischen Rückgang der Spenden beklagt. Er brachte dies mit dem Kaufverhalten der Bevölkerung wegen der Coronapandemie in Zusammenhang.

Dies und die Ansteckungsgefahr der vielen älteren Helfer bringe die Einrichtungen derzeit in die Bredouille, so Brühl. Am Freitag appellierte er deshalb an jüngere Menschen, kurzfristig einzuspringen. »Tafeln könnten beispielsweise Unterstützung brauchen, um Lieferdienste einzurichten oder auszuweiten sowie Lebensmittel in Tüten oder Pakete zu packen und im Hof unter freiem Himmel auszugeben«, schlug er vor. Gefragt seien kreative Lösungen, um Sozialkontakte so weit wie möglich zu reduzieren.

Letztlich, räumte Brühl ein, könnten die Schließungen die Einrichtungen aber auch in wirtschaftliche Schwierigkeiten bringen. Denn sie finanzierten sich neben den Spenden auch über die Beträge von wenigen Euro, die Nutzer für die Lebensmittel zahlen. Davon müssten sie laufende Kosten wie Miete für die Räume und Versicherungsbeiträge für die Fahrzeuge decken. »Wir erwarten, dass die Politik unsere gemeinnützige Organisation jetzt unterstützt, um langfristige Schließungen zu verhindern«, forderte Brühl.

Viel Erfolg dürfte er damit nicht haben. Die Tafeln sind eine karitative Privatveranstaltung, auch wenn Jobcenter in den Anfangszeiten von Hartz IV immer wieder versucht hatten, ihre Klienten etwa bei verweigerten Zahlungen an sie zu verweisen. Letzteres hatten Sozialgerichte unterbunden.

Bundesweit versorgen die im Verband organisierten Armenspeisungen nach eigenen Angaben mit insgesamt etwa 60.000 Ehrenamtlichen rund 1,6 Millionen Menschen mit Lebensmitteln. Wer von der Tafel etwas bekommen will, muss Bedürftigkeit nachweisen. Je ein Drittel der Betroffenen seien Rentner und Kinder, heißt es. Die Einführung der sogenannten Agenda 2010 im Jahr 2003 sorgte für eine rasante Zunahme dieser Einrichtungen.

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