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Aus: Ausgabe vom 16.03.2020, Seite 12 / Thema
Harich contra Nietzsche

Genealogie des Verfalls

Wolfgang Harich war in der DDR weitgehend isoliert. Unerbittlich stritt er gegen die dortige Rehabilitierung Friedrich Nietzsches – vergeblich
Von Detlef Kannapin
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Wolfgang Harich (geboren am 3. Dezember 1923, gestorben am 15. März 1995) und Friedrich Nietzsche (geboren am 15. Oktober 1844, gestorben am 25. August 1900). Jener wusste, was er von diesem zu halten hatte. Er sah in ihm »die reaktionärste, menschenfeindlichste Erscheinung der Weltkultur«. Kaum einer mochte sich diesem Urteil anschließen

Die zweite Hälfte der DDR wird einmal in die Geschichte des Sozialismus und der Arbeiterbewegung als die Phase eingehen, in der politische Fehlentscheidungen, dubiose Verwicklungen, merkwürdige Arrangements und fadenscheinige Ausflüchte in ihrer ganzen Tragik zur Selbstabschaffung des Systems beitrugen.

Während nur eine Minderheit der politischen Fehlentscheidungen in Berlin getroffen wurde, zeigte sich allerdings in den geistigen Grundströmungen der späten DDR das ganze Ausmaß dessen, was mit dem Verlust von Prinzipienfestigkeit, der Selbstaufgabe sozialistischer Standards und einem Aufweichen politisch-moralischer Grundüberzeugungen über fast zwei Jahrzehnte hin angerichtet werden konnte: die Vorbereitung auf eine Kapitulation. Die Schlaglichter zur Entschlüsselung dieses hausgemachten Übernahmeangebotes an die Kapitalfraktionen warf vor gut zwanzig Jahren der Dramatiker Peter Hacks auf konzentrierten vier Seiten seiner Schrift »Zur Romantik« unter dem prägnanten Titel »Hermlin empfiehlt«.¹

»Reaktionärste Erscheinung«

Gemeint war Stephan Hermlin, Vorzeigedichterfunktionär der DDR mit besten Kontakten ins Politbüro der SED. Die Zeitschrift der Akademie der Künste, Sinn und Form, hat nun im ersten Heft des Jahres 2020 vier Briefe des Philosophen Wolfgang Harich an eben jenen Stephan Hermlin aus den Jahren 1986 bis 1988 abgedruckt, die sich alle mit Friedrich Nietzsche beschäftigen, jenem Denker des ausgehenden 19. Jahrhunderts, der mit vollem Recht als ein Wegbereiter des Faschismus in Deutschland und Europa bezeichnet werden kann. Harich wehrte sich in den Briefen an Hermlin gegen eine unfruchtbare und schädliche Einreihung von Nietzsche in den zu pflegenden oder wenigstens zu beachtenden Erbkanon der DDR, während bedeutendere Dichter und Denker des bürgerlichen und sozialistischen Humanismus in der Gedenk- und Publikationspolitik sträflich vernachlässigt würden. Der Herausgeber der sehr umfangreichen Nachlassschriften Harichs, Andreas Heyer, verfasste dafür eine orientierende Vorbemerkung.²

Diese Veröffentlichung rief den Redakteur Arno Widmann von der Berliner Zeitung auf den Plan, der behauptete, Harich hätte Nietzsche in der DDR verbieten wollen und Heyer würde mit seiner Vorbemerkung zu den Briefen dessen »Reinwaschung« betreiben. In klassisch-bürgerlicher Manier kam Widmann nicht eine Sekunde lang auf die Idee, darüber nachzudenken, welche Inhalte von Nietzsche transportiert worden sind und warum diese in einer sozialistischen Gesellschaft keinen Platz haben. Statt dessen ging es ihm um die Meinungsbildung, die Verbote ausschlösse, und darum, dass die DDR »keine Gesellschaft mehr« war, »in der sich für marxistisch haltende Eliten um Deutungshoheit und Macht stritten«.³ Letzteres stimmte zwar, aber aus anderen Gründen als den von Widmann angenommenen. Niemand wollte sich in den 1980er Jahren in der DDR über Nietzsche streiten, viele wollten ihn haben. Er war auch nicht verboten, sondern schlummerte in den Bibliotheken als Artefakt überwundener Vergangenheit. Anfang der 1970er Jahre begannen einige französische Philosophen, ihn wiederzuentdecken. Diese Renaissance durchlief zunächst die BRD und stieß danach auf eine empfängnisbereite DDR-Intellektuellenschicht, die, ohne jemals eine erschöpfende Wahrnehmung des gesamten Reichtums der sozialistischen und kommunistischen Literatur in Erwägung gezogen zu haben, um so bereitwilliger dem neuen Nietzsche-Kultus huldigte. Hier hinein passte auch das Verdikt einer Vorkämpferin der Beschäftigung mit Nietzsche »ohne Scheuklappen«, der Kulturwissenschaftlerin Renate Reschke, die im Sender Deutschlandfunk Kultur am 3. November 2019 unwidersprochen und wahrheitswidrig stehenlassen konnte, dass Harich »mit seinem Einfluss« angeblich die Publikation ihrer Habilitationsschrift über Nietzsche verhindert hätte.⁴

Betrachtet man hingegen die Quellen, so ergibt sich eine Symptomatik des Verfalls sozialistischer Grundsätze im letzten Jahrzehnt der DDR, der, ausgehend von Leitungskadern und angeblichen Leistungsträgern der repräsentativen Öffentlichkeit, die Kapitulation vor dem Westen in ideeller Hinsicht vorbereitete. Mit dem nunmehr zwölften Band der »Schriften aus dem Nachlass« Wolfgang Harichs, der sämtliche Schriften und Korrespondenzen des Philosophen zu und über Nietzsche beinhaltet, liegt für die objektive Betrachtung ein Kompendium vor, das die bislang vorherrschenden Unklarheiten beseitigt und Harich als den zeigt, der er war: ein durchaus unbequemer, aber höchst bedeutender marxistischer Philosoph, dessen Urteile über eine Tageswirkung weit hinausgreifen. Zwei ausführliche Einleitungen Heyers bieten auch für Leserinnen und Leser ohne spezialisiertes Hintergrundwissen die nötige historische Einordnung.⁵ Überhaupt ist nachdrücklich darauf zu verweisen, dass die gesamte Editionsleistung des Herausgebers (insgesamt sind 16 Bände geplant) ihres Gleichen sucht und der marxistischen Philosophie ein Klassiker des 20. Jahrhunderts zurückgegeben wurde.

»Der entlaufene Dingo«

Zur Erinnerung: Wolfgang Harich (1923–1995) war zunächst in Berlin und der frühen DDR ein erfolgreicher Publizist, Dozent für Philosophie an der Humboldt-Universität, Lektor im Aufbau-Verlag und zeitweise Chefredakteur der Deutschen Zeitschrift für Philosophie. Im Zuge des Ungarn-Aufstandes von 1956 wurde er mit Walter Janka und anderen wegen der »Bildung einer konspirativen staatsfeindlichen Gruppe« im März 1957 zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt, von denen er bis Ende 1964 acht Jahre absaß. Nach seiner Freilassung blieb er zunächst in der DDR und arbeitete an der Ludwig-Feuerbach-Ausgabe des Akademie-Verlages mit. Darüber hinaus konnte er einzelne kleinere Monographien, so über Jean Paul (1968, 1974), über Anarchismus (1971) und über »Kommunismus ohne Wachstum« (1975) veröffentlichen. Nach der letzten, nur im Westen erschienenen Arbeit über die wachsende Bedeutung der Ökologie für die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft, war er zunehmend isoliert und hatte in der DDR kaum noch Möglichkeiten, mit seinem Wissen in die Lenkungsdebatten einzugreifen. Zur Isolation beigetragen haben dürfte seine vehemente Verteidigung der Klassikeradaptionen gegen verflachende und pessimistische Umarbeitungen anlässlich der »Macbeth«-Bearbeitung von Heiner Müller aus dem Jahre 1973, die sich gleichzeitig gegen die Renaissance der Romantik wendete und damit früh erahnen ließ, was auch einer sozialistischen Gesellschaft passieren kann, in der die Grundübel kapitalistischer Geisteshaltungen unwiderlegt reproduziert werden.⁶

Als Harich merkte, dass er in der DDR überhaupt nicht mehr gehört wurde, stellte er einen Antrag auf Ausreise in die BRD, der von den Behörden abgelehnt wurde. Statt dessen erhielt er 1978 die Möglichkeit, mit Hilfe der eigentümlichen Konstruktion eines Dauervisums die DDR zu verlassen und sich im Ausland aufzuhalten, ohne seinen Status als Bürger der DDR zu verlieren – eine Regelung, von der eine Reihe von Geistesarbeitern und Künstlern in den 1980er Jahren Gebrauch machte. Nach Aufenthalten in der BRD, Österreich, Spanien und der Schweiz kehrte er 1981 in die DDR zurück. Und nun begann das Nietzsche-Drama.

»Mehr Respekt vor Lukács!«

Bereits im Sommer 1982 legte Harich in einer internen Nietzsche-Denkschrift für den Akademie-Verlag seine Bedenken bezüglich einer intensiveren, vor allem auch öffentlichen Beschäftigung mit Friedrich Nietzsche in der DDR vor. Er hielt es nicht für ratsam, aus sozialistischer Sicht auf einen Zug aufzuspringen, der unweigerlich in Richtung Aushöhlung antifaschistischer und sozialistischer Positionen fahren würde, sofern man die Grundannahmen und Erkenntnisse der marxistischen Nietzsche-Rezeption preisgäbe und auf »Differenzierungen« hinarbeite, die bei aller Eindeutigkeit der Quellenlage keinerlei produktive Leistungen hervorbringen könnten – es sei denn auf Kosten sozialistischer Erkenntniswerte. Misstrauisch musste Harich zudem machen, dass mit dem ungarischen Philosophen Georg Lukács, der seit dem Revisionismusvorwurf von 1957 in der DDR nie wirklich inhaltlich rehabilitiert worden war, eine wesentliche Stütze der Nietzsche-Kritik erneut angegriffen zu werden drohte.

Im weiteren Verlauf der 1980er Jahre wurden in Einzelstudien immer mal wieder Nadelstiche zur »Öffnung« des Nietzsche-Bildes vorgenommen. An vorderster Front dabei, neben Philosophiehistorikern und Literaturwissenschaftlern, auch die besagte Renate Reschke, die zwischenzeitlich sogar international auftrat und für eine positive Neubewertung Nietzsches warb. Als in Heft 5/1986 von Sinn und Form, also an prominenter Stelle, eine Nietzsche-Apologie des Philosophiehistorikers Heinz Pepperle erschien, war für Harich das Maß voll. Es gelang ihm, nach mehrfacher Intervention bei maßgeblichen Größen der SED (Hermlin, Kurt Hager), seinen Text »Revision des marxistischen Nietzsche-Bildes?« ebenfalls in Sinn und Form unterzubringen – neben einem Aufsatz mit dem Titel »Mehr Respekt vor Lukács!«, der in Österreich veröffentlicht wurde, die einzige Publikation Harichs in der DDR zwischen 1974 und 1990.⁷ Das war allerdings in mehrfacher Hinsicht ein vergiftetes Geschenk. Obwohl Harich die wesentlichen Aspekte einer Wegbereitung Nietzsches für den deutschen und italienischen Faschismus prägnant benannte und dafür plädierte, die marxistischen Erkenntnisse über Nietzsche nicht zu verwerfen, sondern zu vertiefen, sorgten sein Hang zur polemischen Zuspitzung und eine entscheidende redaktionelle Kürzung dafür, dass Harich unversehens am Pranger der Dogmatik landete.

»Prophet des Hitlerismus«

Für Harich waren die entscheidenden Momente der historischen und philosophischen Einschätzung Nietzsches seit langem geklärt. Nietzsche war der geistige Wegbereiter des Faschismus, weil er am Beginn der imperialistischen Periode alle reaktionären Elemente der Geistesproduktion in seinem Denken bündelte: unversöhnlicher Kampf gegen den Sozialismus und die Demokratie, Militarismus und Kriegstheologie, als Europäertum verkleideter Chauvinismus, Ausbeutungsbefürwortung, Herrenmoral, Frauenfeindlichkeit, Irrationalismus, Mythenproduktion und ein standpunktloses Schwanken zwischen Anti- und Philosemitismus. Die »Kunst« in Nietzsches Denken bestand darin, dass er in aphoristischer Manier von allen eben aufgezählten Kriterien auch immer das Gegenteil behaupten konnte, ohne am Ziel seiner Denkausrichtung Abstriche machen zu müssen. Zumal die vorgetäuschten Relativierungen, als Kulturkritik verpackt, ja keinesfalls das einstmals menschenfeindlich Gedachte ungeschehen machen konnten, da die als »Umwertung der Werte« formulierten Auffassungen niemals den Rahmen der aristokratischen Überhebung Nietzsches verließen. Die Analogien zur faschistischen Ideologie bestehen nicht nur in den inhaltlichen Kernaussagen, sondern auch im methodischen Zugriff. Nietzsche und die Faschisten klaubten alles zusammen, was sie an reaktionärem Gedankengut in Kapitalismus und Imperialismus fanden, und setzten es so zusammen, dass für alle, außer für Kommunisten/Sozialisten, Minderheiten und Frauen, etwas vermeintlich Anschlussfähiges dabei war, auch oder gerade, wenn es sich formallogisch oder inhaltlich-rational widersprach. Allerdings hätte man diese Konstellation auch durchschauen und aktiv gegen seine Weiterwirkung argumentieren können.

Die Voraussetzungen dafür waren, wie Harich ganz deutlich machte, durch die Studien von Franz Mehring (1891, 1897, 1899), Hans Günther (1935) und Georg Lukács (1934, 1943, 1954) mehr als gegeben. Während Mehring schon sehr früh erkannte, dass Nietzsche als »Sozialphilosoph des Kapitalismus« den Sozialismus als Hauptfeind auserkoren hatte, zeigten Günther und Lukács auf unterschiedlichen Wegen auf, warum und wie Nietzsche zum geistigen Wegbereiter des Faschismus werden konnte.⁸ Für Günther lief die Essenz von Nietzsches Weltanschauung auf die Komplementarität von Kriegsverherrlichung, den sogenannten »Tugenden der Herrenmenschen« sowie einer grundsätzlichen Bestialisierung von Denken und Handeln hinaus.⁹ Für Lukács bedeuteten Nietzsches Beschwörungen von Ausbeutung und Sklaventum, die geistige Erzeugung eines pseudohistorischen Mythos und ebenfalls die Befürwortung einer »Herrenrasse« als Kulturträgerin des »Abendlandes« aus den Vorstellungen des Barbarentums unleugbare Kriterien für seine Funktion als »Prophet des Hitlerismus«.¹⁰ Das gesamte dritte Kapitel von »Die Zerstörung der Vernunft« war darüber hinaus Nietzsche als umfassendem »Begründer des Irrationalismus der imperialistischen Periode« gewidmet und brachte auch ein entscheidendes Kernargument für die Wirkung Nietzsches zur Sprache. Nach Lukács war es nämlich weniger der Stil Nietzsches an sich, der zu dessen angeblicher Attraktivität beitrug (und der im übrigen im Vergleich zu den großen Stilisten seiner Zeit wie Theodor Fontane, Julius Rodenberg oder dem jungen Karl Kraus eher hausbacken und geschwätzig ist), sondern dessen Suggestion eines »Rebellentums«, das vielen Intellektuellen das Gefühl gab, auch im Festhalten an reaktionären Grundüberzeugungen viel revolutionärer zu erscheinen als alle anderen, sogar als die Revolutionäre selber.¹¹ Hieraus speiste sich der eigentliche Furor, dem viele Nietzsche-Freunde und Verteidiger bis heute aufsitzen: die Überheblichkeit eigener »Geistigkeit« im Angesicht der unverstandenen objektiven Wirklichkeit und ihrer problematischen soziologischen Bedingungen für die darin agierenden Individuen und Subjekte.

Harichs Plädoyer, statt Nietzsche unkritisch zu konsolidieren, doch besser die Erkenntnisse der marxistischen Nietzsche-Forschung aufzubereiten und zu verbessern, hatte also sehr gute Gründe. Und er fasste zusammen: »Eine Gesellschaft kann kulturell kaum tiefer sinken, als wenn sie die Kenntnis seiner (Nietzsches – D. K.) Elaborate zu den Kriterien ihrer Allgemeinbildung rechnet.«¹² Durch eine redaktionelle Kürzung am Schluss seines Aufsatzes geriet Harich noch mehr in den Verdacht, zu Zensur und Vernichtung aufzurufen. Seine satirischen Anspielungen auf große Gedenkzeremonien für Nietzsche in der DDR mit Westtouristen und Brimborium fielen weg, so dass der Schlusssatz »Ins Nichts mit ihm!« nur noch als Anweisung zu administrativem Handeln gedeutet werden konnte.¹³

»Anachronistischer Müll«

Was er natürlich sollte: Ende November 1987, kurz nach der Veröffentlichung des Textes von Harich, tagte in Berlin der X. Schriftstellerkongress der DDR. Auf diesem wurde Harichs Nietzsche-Artikel von Stephan Hermlin als »anachronistischer Müll« und von Hermann Kant, dem Vorsitzenden des Verbandes, als »Polpotterie«, also als Suada im Sinne des kambodschanischen Terrorregimes der »Roten Khmer«, bezeichnet. Sinn und Form veröffentlichte in Heft 1/1988 Hermlins Kongressrede als Eröffnung von insgesamt neun Beiträgen unter einer Rubrik namens »Meinungen zu einem Streit«, wobei sämtliche Autoren von Hermlin bis Manfred Buhr weder »Meinungen« artikulierten, noch einen Streit austrugen, sondern Verdikte aussprachen. Alle neun Wortmeldungen waren, bis auf eine vorsichtige Ausnahme, auf der Gegenseite von Harich.¹⁴ Er bekam keine Gelegenheit zur Replik, nicht innerhalb der Rubrik und nicht danach. Die mit Abstand hämischste Bemerkung gegen Harich und die DDR steuerte Gerd Irrlitz bei, als er schrieb: »Nun sind wir, gottlob, so weit schon genesen vom Kindbettfieber jener schwächenden Sektiererei, die man gern als bei den Unseren erblich attestiert hätte, und die Wohltat lasse ich mir gefallen, dass wir auf Bismarck, Friedrich den Einzigen, Luther und Nietzsche nun doch, wie längst herbeigesprochen, mit den Augen der geistigen Großmacht sehen und nicht mit denen einer Gouvernante, die nur sorgt, dass das Kindchen Marxismus sich kein Schleifchen schmutzig macht.«¹⁵ Der Autor dieses Satzes war offensichtlich schon lange aus der DDR »ausgetreten« und verklausulierte seine Verachtung gegenüber Marx, die Emanzipation und den Sozialismus nur noch in Nietzscheanischer Drechselei. Harich bemerkte diese Ideologie natürlich sofort und befand in einem Brief Ende April 1988 an den Direktor des Akademie-Verlages, Lothar Berthold, dass die Auslassung von Irrlitz (»gottlob«, »Wohltat«, »geistige Großmacht«) schon an »Neofaschismus« grenze.¹⁶

Nach diesen desaströsen Erfahrungen setzte sich Harich nochmals hin und verfasste eine ausführliche Abrechnung mit den Nietzsche-Freunden aus Ost und West, die noch zu DDR-Zeiten fertiggestellt wurde. Allerdings konnte das Buch »Nietzsche und seine Brüder« erst 1994 in einem Kleinstverlag erscheinen und erfuhr so gut wie keine Resonanz. Darin findet sich aber die Begründung dafür, warum die Nietzsche-Renaissance für Teile der DDR-Intelligenz so anziehend war. Sie lautete wie folgt: »Was war der Sinn des vielfach missverstandenen großzügigeren Umgangs der spätstalinistischen Nomenklatura mit problematischem Kulturerbe? Je mehr die revolutionären Ursprünge des Realsozialismus in ferne Vergangenheit rückten, je weniger glaubhaft seine Zukunftsverheißungen sich ausnahmen, desto reaktionärer wurden die anderweitigen Überlieferungen, auf die der Machtapparat, zwecks Verbreiterung seiner ideologischen Basis, zurückgriff. Und da es echte Meinungspluralität gleichwohl nicht geben durfte, genossen nun diese ›Renaissancen‹ monolithischen Schutz, im Zeichen eines auf die verlogene Phrase ›große Weite und Vielfalt‹ einexerzierten Scheinliberalismus, der gegenüber reellem Querdenken die tolerante Maske jedes Mal prompt fallen ließ. Typisch hierfür war in der DDR, dass Historikern, die das Luther-Gedenken von 1983 störten, indem sie die Einschätzung der Reformation durch Marx, Engels und Mehring zu zitieren wagten, Maßregelung widerfuhr. Nach Erfahrungen solcher Art gab die modebewusste Absicht der SED-Diktatur, sich wohlwollend dem Vermächtnis Nietzsches zu öffnen, zu den schlimmsten Befürchtungen Anlass.«¹⁷ Die sich dann auch bewahrheiteten und zur Restitution des gesamten bürgerlichen Wertekanons bei weitgehender Beseitigung sozialistischer Denktraditionen führten.

»Schlimmste Verirrungen«

Ein versteckter Hinweis von Harich auf den empirischen Schulphilosophen Friedrich Jodl (1849–1914) hätte übrigens auch aus bürgerlicher Perspektive die Negation Nietzsches aufzeigen müssen. In Jodls Aufsatz »Das Nietzsche-Problem« von 1905 heißt es nämlich: »In unserer Zeit, mit ihrem fast schrankenlosen Individualismus, mit ihren weiten Klassenabständen, mit ihrem noch so gewaltigen Herrenrecht des Besitzes, ihren erst schüchternen Anfängen zu einer intensiveren Wohlfahrts- und Bildungspflege weiterer Volkskreise, ihrer beständigen, unerbittlichen Aufopferung der Kulturpolitik zugunsten der Kriegspolitik – in solcher Zeit erscheint diese Nietzsche-Begeisterung fast unbegreiflich, ja beinahe beängstigend: ein Verfallssymptom. Wenn diese Lehre Boden gewänne, wenn die führenden Klassen immer noch sich und ihre Macht und ihr Behagen als den Sinn der Geschichte ansehen würden, dann wäre nicht, wie Nietzsche meint, der Anfang zu einer höheren Kultur gemacht, sondern der Schritt zu den schlimmsten Verirrungen der alten Menschheit zurück getan.«¹⁸ Und in diesem »Zurück« befinden wir uns heute.

Es ist definitiv unwahr, dass Nietzsche in der DDR nicht existierte, wie Hermlin behauptete.¹⁹ Es ist ebensowenig zutreffend, dass Harich die Veröffentlichung von Reschkes Habilitationsschrift verhinderte. Selbst wenn er es gewollt hätte – er war in der Schlussphase der DDR ausgebootet. Und man hatte ihn auch nicht »vorgeschickt«, um gegen Nietzsche zu wettern, wie es Gerd Dietrichs »Kulturgeschichte der DDR« kolportiert.²⁰ Wolfgang Harich hatte in seiner Nietzsche-Polemik nur das eingeklagt, was jeder Geistesarbeiter der DDR hätte tun müssen: eine kompromisslose Verteidigung der ideellen Grundlagen des antifaschistischen und sozialistischen Staates DDR. Für seinen Einsatz muss Harich endlich mehr Respekt gezollt werden.

Anmerkungen

1 Vgl. Peter Hacks: Zur Romantik (2000), in: Hacks: Werke Band 15, Berlin 2003, S. 84–87

2 Vgl. Wolfgang Harich: »Die reaktionärste, menschenfeindlichste Erscheinung der Weltkultur«. Vier Briefe über Nietzsche an Stephan Hermlin, in: Sinn und Form. Beiträge zur Literatur 1/2020, S. 103–120

3 Vgl. Arno Widmann: Rezeption des Philosophen. Nietzsche in der DDR: Die Mär von der »Kultur des Streits«. Der Philosoph Wolfgang Harich wollte Nietzsche in der DDR verbieten lassen. Die Zeitschrift Sinn und Form druckt seine Rufe nach Zensur ohne Einspruch nach, in: Berliner Zeitung vom 12. Februar 2020

4 Vgl. Renate Reschke im Gespräch mit Christian Möller: Philosophie in der DDR. Wenig Raum für Freigeister, Deutschlandfunk Kultur, Sein und Streit vom 3. November 2019

5 Vgl. Wolfgang Harich: Friedrich Nietzsche. Der Wegbereiter des Faschismus. Schriften aus dem Nachlass Wolfgang Harichs – Band 12. Mit weiteren Dokumenten und Materialien herausgegeben von Andreas Heyer, Baden-Baden 2019, S. 17–55 und S. 265–441

6 Vgl. Wolfgang Harich: Der entlaufene Dingo, das vergessene Floß. Aus Anlass der »Macbeth«-Bearbeitung von Heiner Müller, in: Sinn und Form. Beiträge zur Literatur 1/1973, S. 189–213

7 Vgl. Wolfgang Harich: Revision des marxistischen Nietzschebildes?, in: Sinn und Form. Beiträge zur Literatur 5/1987, S. 1.018–1.053. Wieder abgedruckt in: Harich: Friedrich Nietzsche …, a. a. O., S. 542–581. Vgl. auch Wolfgang Harich: Mehr Respekt vor Lukács!, in: Aufrisse 2/1987, S. 31–37

8 Vgl. Franz Mehring: Gesammelte Schriften Band 13: Philosophische Aufsätze, Berlin 1961, S.156-180

9 Vgl. Hans Günther: Der Fall Nietzsche (1935), in: Der Herren eigner Geist. Ausgewählte Schriften, Berlin und Weimar 1981, S. 280, S. 297 und S. 300

10 Vgl. Georg Lukács: Der deutsche Faschismus und Nietzsche (1943), in: Schicksalswende. Beiträge zu einer neuen deutschen Ideologie, Berlin 1955, S. 7–28

11 Vgl. Georg Lukács: Die Zerstörung der Vernunft, Berlin 1954, S. 285

12 Vgl. Harich: Friedrich Nietzsche …, a. a. O., S. 562

13 Vgl. ebenda, S. 580/581

14 Vgl. Meinungen zu einem Streit, in: Sinn und Form. Beiträge zur Literatur 1/1988, S. 179–220. Beiträge von Stephan Hermlin, Rudolf Schottlaender, Thomas Böhme, Klaus Kändler, Gerd Irrlitz, Hans-Georg Eckardt, Stefan Richter, Manfred Buhr und Heinz Pepperle. Die Ausnahme war Schottlaender

15 Vgl. Gerd Irrlitz: »Ich brauche nicht viel Phantasie«, in: Sinn und Form 1/1988 …, a. a. O., S. 193

16 Vgl. Wolfgang Harich: Brief an Lothar Berthold vom 26. April 1988, in: Harich: Friedrich Nietzsche …, a. a. O., S. 609

17 Vgl. Wolfgang Harich: Nietzsche und seine Brüder. Eine Streitschrift in sieben Dialogen mit Paul Falck (1989), Anhang I: Zu Nietzsches spätstalinistischer Aufwertung (1992), in: Harich: Friedrich Nietzsche …, a. a. O., S. 255

18 Vgl. Friedrich Jodl: Das Nietzsche-Problem (1905). Österreichische Rundschau. Band III, Heft 28. Zusammenstellung: Helmut Walther (Nürnberg), http://www.f-nietzsche.de/Jodl_Nietzscheproblem.pdf (letzter Zugriff: 6. März 2020)

19 Vgl. Stephan Hermlin: Von älteren Tönen, in: Sinn und Form 1/1988 …, a. a. O., S. 180

20 Vgl. Gerd Dietrich: Kulturgeschichte der DDR. Band III: Kultur in der Konsumgesellschaft 1977–1990, Göttingen 2018, S. 2.123

Detlef Kannapin schrieb an dieser Stelle zuletzt am 25. November 2019 über die geistesgeschichtlichen Grundlagen der DDR.

Debatte

  • Beitrag von Thomas P. aus B. (15. März 2020 um 22:11 Uhr)
    Endlich ein sehr fundierter, kritischer DDR-Beitrag auf marxistischer Basis in der jW. Weiter so! Ebenso wünsche ich einen ähnlich fundierten Beitrag über die Auseindersetzungen bzgl. der historischen Rolle/Bewertung Martin Luthers in der DDR.

    Hin und wieder wären kritische jW-Beiträge zu Arno Widmann (Brenne-Preis/DGB und »Hausphilosoph/-historiker« der Berliner Zeitung) mit seinen unsäglichen Kommentaren/Beiträgen/Artikeln auch nicht schlecht.
  • Beitrag von Hans L. aus B. (17. März 2020 um 10:21 Uhr)
    Bleibt auf dem Teppich! Bisher kamen die Besserwisser immer von rechts, nun tauchen sie »links« auf? Wer in der DDR anständig arbeitete, hatte keine Zeit, sich mit dem bürgerlichen Schwachsinn Nietzsches zu beschäftigen.

    Hans Holger Lorenz, Berlin

Leserbriefe zu diesem Artikel:

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