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Aus: Ausgabe vom 16.03.2020, Seite 3 / Schwerpunkt
Free Mumia Abu-Jamal!

Mumias 1.000. Kolumne

Überblick über einige der nationalen und internationalen Themen, zu denen Abu-Jamal seit bald 20 Jahren in veröffentlicht
Von Jürgen Heiser
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Protest an der Clark Atlanta University in Atlanta, Georgia, gegen einen Wahlkampfauftritt von Hillary Clinton am 30. Oktober 2015

Heute erscheint in dieser Zeitung auf Seite 6 die 1.000 Kolumne von Mumia Abu-Jamal. Der 1982 zum Tode verurteilte US-Journalist saß noch im Todestrakt, als seine erste wöchentliche Kolumne am 16. Dezember 2000 in junge Welt erschien. So wurde er zum wichtigsten Reporter aus dem gefängnisindustriellen Komplex der USA. Dabei spornte ihn an, »die Mauern zwischen drinnen und draußen niederzureißen«, wie er 2008 anlässlich seiner 400. Kolumne im jW-Interview erklärte. Das über die Jahre gewachsene Interesse an seinen Texten und die Zuschriften seiner Leserschaft beweisen, dass seine Botschaft durchdringt.

Die junge Welt besitze »ein Alleinstellungsmerkmal«, schrieb Leser Hans K. aus Berlin im Januar 2012 an die Redaktion. In ihr kämen »zu Opfern der Klassenjustiz gewordene Kämpfer gegen die Allmacht des Big Business der USA zu Wort«, wodurch die Zeitung der »Stimme des anderen Amerika Raum« gebe und ein Zeichen setze: »Es gibt ein anderes Amerika als das von Wall Street, Finanz- und Industriemonopolen«.

Die hier abgedruckten Zitate aus bald zwanzig Jahren jW-Kolumnen können nur einen Eindruck vermitteln von der großen Bandbreite nationaler und internationaler Themen, zu denen Mumia Abu-Jamal unentwegt arbeitet. Manche Aspekte erscheinen gerade im US-Wahljahr brandaktuell. Vor allem zeigen diese Arbeiten, dass aufrechten Menschen selbst in äußerst bedrückender Lage immer ein Mittel der Selbstverteidigung bleibt: die Waffe der Kritik.

Krieg gegen die Werktätigen

Ganz gleich, woher wir auch kommen, uns verbindet alle etwas Entscheidendes: Wir sind aktiv in der Arbeitswelt. Einige von uns sind Gewerkschaftsmitglieder. So auch ich, der ich stets mit Stolz meinen Mitgliedsausweis der Schriftstellergewerkschaft National Writers Union bei mir trage. Andere sind keine Gewerkschaftsmitglieder, aber dennoch sind wir Arbeiterinnen und Arbeiter, die den gesellschaftlichen Reichtum schaffen, auch wenn wir »nur« Gelegenheitsarbeiter, Zeitarbeiter, Teilzeitbeschäftigte, Jobber auf Abruf, stellenlose Teilnehmer von Beschäftigungsmaßnahmen, Tagelöhner oder Zwangsarbeiter im Gefängnis sind. Uns allen bläst ein rauher Wind ins Gesicht. Denn es herrscht Krieg gegen uns an allen Fronten, wo der Kampf um die Senkung der Löhne geführt wird. Wer den Kampf ums Weiße Haus gewinnt, macht dabei keinen Unterschied – für die Werktätigen ändert sich nichts. Das liegt daran, dass die Wahl, vor der wir stehen, nicht von uns, sondern von den Kapitalisten bestimmt wird. Die beiden staatstragenden Parteien trennt nur eine hauchdünne Scheidewand. Sie sind Makler, die sich sehr ähnlich sind und ihre Seele an den Meistbietenden verkaufen. (#200 / 16./17.10.2004)

Ein historischer Irrtum

Wenn Barack Obama es schafft, ins Weiße Haus gewählt zu werden, dann ist das objektiv ein beachtlicher politischer Erfolg. Der wird nur möglich sein, wenn auch Millionen Weiße ihm ihre Stimme geben, was vor allem von vielen jungen Leuten zu erwarten steht. Obamas Erfolg würde dadurch nicht geschmälert, aber bei der Analyse des politischen Charakters dieser potentiellen Wahlentscheidung muss das berücksichtigt werden. Anders ausgedrückt, sind »Black faces in high places« – schwarze Gesichter in hohen Ämtern – nicht gleichbedeutend mit der Erlangung größerer Freiheiten oder sozialer Sicherheit für die afroamerikanische Bevölkerung. Politische Macht ist mehr als die bloße Präsenz in den Zentralen des Systems. Politische Macht zu haben bedeutet, über die reale Fähigkeit zu verfügen, den Vorstellungen des Volkes von gesellschaftlicher Freiheit, Unabhängigkeit und materiellem Wohlstand zur Durchsetzung zu verhelfen. Und davon sind wir heute genauso weit entfernt wie 1967. (#400 / 16./17.8.2008)

Endstation Knast

Was das Wegsperren von Menschen betrifft, sind die USA weltweit führend. Die nackten Zahlen belegen das. Im internationalen Vergleich leben in den USA nur etwa fünf Prozent der Weltbevölkerung, aber von allen Gefängnisinsassen der Welt befinden sich 24 Prozent in den USA hinter Gittern. Nahezu einer von hundert US-Bürgern sitzt in der Zelle eines Untersuchungs- oder Strafgefängnisses oder im Todestrakt. Zu Beginn des Jahres 2008 waren 2,3 Millionen Männer und Frauen eingesperrt. Kein anderes Land hat so viele Gefangene. Die Öffentlichkeit, ja selbst die meisten Betroffenen sind sich der Dramatik des Problems nicht bewusst. Die Medien behandeln das Thema kaum, und eine gesellschaftliche Debatte findet nicht statt. (#500 / 24./25.7.2010)

Konterrevolution abgesegnet

Vor über einem Jahr strömten die ägyptischen Massen auf dem Kairoer Tahrir-Platz zusammen, um die Herrschaft des vom Westen gestützten korrupten Regimes von Präsident Hosni Mubarak zu beenden. In der Folge sah sich der Westen mit der schwierigen Frage konfrontiert, wie das Mubarak-System auch ohne seinen Protagonisten aufrechtzuerhalten wäre. Nach vielen Monaten des Gerangels um die Wahlen zum Parlament ist die Antwort jetzt klar: Noch während der zweiten Runde der Präsidentschaftswahl annullierte das Verfassungsgericht vergangene Woche die Parlamentswahlen. Der Oberste Militärrat löste daraufhin das Parlament auf, erteilte den Abgeordneten Hausverbot und stellte den Status quo ante wieder her, indem das Militär die Macht und vor allem die Kontrolle über Gesetzgebung und Haushalt wieder an sich riss. Damit haben Verfassungsgericht und Oberster Militärrat es geschafft, die Mubarak-Herrschaft auch ohne den gestürzten Potentaten wieder durchzusetzen. (#600 / 23./24.6.2012)

Rassistische Routine

Es ist jetzt 60 Jahre her, dass der Oberste Gerichtshof der USA im jahrelangen Rechtsstreit »Brown v. Board of Education« am 17. Mai 1954 abschließend ein Grundsatzurteil fällte, mit dem die höchsten US-Richter einstimmig die vorher fast 100 Jahre geltende Rechtsprechung über die getrennte Erziehung von schwarzen und weißen Kindern an staatlichen Schulen in den USA für rechtswidrig erklärten. 60 Jahre! Das ist so lang wie mein ganzes Leben. Doch bis heute funktionieren die Schulen immer noch nach dem alten rassistischen Schema, nur mit dem Unterschied, dass die Ungleichheit nun nicht mehr auf dem Gesetz, sondern auf Routine, Gewohnheit und vor allem Klassenzugehörigkeit basiert, was in den USA kaum einen Unterschied macht. (#700 / 24./25.5.2014)

Purer Clintonismus

Bill Clinton, der vielleicht am meisten abgekochte politische Hund seiner Generation, nahm in jüngster Zeit den Mund sehr voll. Vor allem bei der Wahlveranstaltung seiner Gattin Hillary in Philadelphia am 7. April, als er der Kritik von Aktivisten der Bewegung »Black Lives Matter« (BLM) entgegentrat. Er, der in den 1990er Jahren als US-Präsident maßgeblich das gesellschaftliche Phänomen der Masseninhaftierungen schuf, verteidigte seine Position mit der klassischen, von den Vertretern der Clinton-Dynastie bekannten Doppelzüngigkeit. Er konterte die Kritik der BLM-Aktivisten an der sprunghaften Zunahme der Inhaftierungen mit dem Argument, dies sei notwendig gewesen, um Schwarze zu schützen – vor anderen Schwarzen: die schwarze Bevölkerung vor schwarzen Jugendlichen – den sogenannten Superraubtieren! Das ist purer Clintonismus. Neoliberalismus – sogenannter mitfühlender Konservatismus – nur zum Besten der Eingeborenen!(#800 / 18.4.2016)

Kein Sondereinsatzkommando

An öffentlichen Schulen zu unterrichten ist einer der härtesten Jobs in den USA. Wenn Lehrerinnen und Lehrer unseren Kindern etwas beibringen, erfüllen sie eine sehr schwierige Aufgabe. Und sie tun dies für einen jämmerlich geringen Lohn. Die jüngste Cartoonsprechblase von US-Präsident Donald Trump, der angesichts der Massaker in Schulen die Bewaffnung von Lehrern forderte, verriet seine tiefe Ignoranz gegenüber dem Lehrerberuf und denen, die ihn ausüben. Wenn diese pädagogischen Kräfte nach mehr Ressourcen verlangen, also bessere Schulbücher, digitale Lehrmittel oder bessere Bezahlung, werden sie von ebenjenen Politikern ignoriert und für ihre »unverschämten Forderungen« geohrfeigt, die sie jetzt mit Pistolen und Automatikgewehren ausstatten wollen. Das ist absolut verrückt! (#900 / 19.3.2018)

Übersetzung: Jürgen Heiser

Gefangener AM8335

Als Teenager wurde Mumia Abu-Jamal, Jahrgang 1954, bei einer Protestaktion von einem Polizisten ins Gesicht getreten. Diesem Polizisten sei er »noch heute dankbar«, schrieb er 1995 in seinem Buch »Aus der Todeszelle«, »denn mit diesem Tritt brachte er mich direkt in die Black Panther Party«. Als junges Parteimitglied erlernte er in der Redaktion der Zeitung The Black Panther das Handwerk des Journalismus von der Pike auf und wurde Pressesprecher der Partei in Philadelphia. Es folgten Jobs für Zeitungen und Presseagenturen und bei Radiosendern, die Programme speziell für Studenten oder für Schwarze machten, schließlich die Produktion seiner eigenen Nachrichtensendung »Black Times Audio«. Abu-­Jamal packte »heiße Themen« an wie Polizeigewalt und Korruption weißer Politiker. Seine »Black Power« hatte den Weg von der Straße in den Äther gefunden.

Genaue Recherche, perfekte Schreibe, seine sonore Radiostimme und sein Mut machten den jungen Mumia bekannt und beliebt bei der schwarzen Leser- und Hörerschaft. Er gehörte zur »neuen Generation, die jung, anspruchsvoll, interessiert, politisch und schwarz« war, wie sein Biograph Terry Bisson schrieb. Diese Pioniere, eben noch bei Protesten von Cops verprügelt, waren »jetzt auf Sendung, und dachten nicht daran, sich den Mund verbieten zu lassen«.

Was das Publikum gutfand und seine Kollegen animierte, Abu-Jamal 1981 zum Vorsitzenden der schwarzen Journalistengewerkschaft zu wählen, machte ihm Feinde unter rassistischen Staatsdienern. Das Geschehen am 9. Dezember 1981 war dann kein Zufall mehr. Fest steht nur, dass Abu-Jamal seinem Bruder Bill zu Hilfe eilte, der von dem weißen Polizisten Daniel Faulkner misshandelt wurde. Als er dann von einer Polizeikugel schwerverletzt neben dem toten Faulkner in der Gosse lag, passte der Ex-Panther und Kritiker rassistischer Polizeigewalt bestens in das Feindschema von Polizei und Justiz.

1982 von einem rassistischen Richter zum Tode verurteilt, kämpft er seitdem um die Wiederaufnahme seines Verfahrens. Verteidigung und Solidaritätsbewegung erreichten 2011 zwar die Umwandlung des Todesurteils in lebenslange Haft, aber das war nur die erste Etappe. Denn es gilt jetzt ihn, der sich stets für andere Gefangene und Whistleblower wie Chelsea Manning und Julian Assange einsetzte, dabei zu unterstützen, mit einem neuen Berufungsverfahren endlich seine Freilassung zu erreichen. (jh)

Zur Geschichte der politischen Kolumnen Abu-Jamals in jW siehe auch: »20 Jahre lang, einmal die Woche« in der Broschüre zur XXV. Internationalen Rosa-Luxemburg-Konferenz vom 11. Januar 2020

Gesammelte Kolumnen unter: www.freedom-now.de

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