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Aus: Ausgabe vom 14.03.2020, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Valium fürs Kapital

Von Arnold Schölzel
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Das Virus (lateinisch Gift, Saft, Schleim) wirkt. Mit einem Kalauer: Es ist virulent. Und zwar in Köpfen deutscher Medienschaffender lange bevor es einen von ihnen physisch angreift. Das gilt z. B. für die Zeit. Mit gleich zwei Artikeln auf Seite eins wirft sich die Wochenzeitung der raschen Ausbreitung des Erregers hinterher. Im einen verlangt Wirtschaftsredakteur Roman Pletter: »Zeit kaufen! Für die Wirtschaft ist das gefährlichste Virus die Angst. Die Regierung muss sie bekämpfen – mit viel Geld«. Das Bemerkenswerteste ist das Ausrufezeichen, der Text konnte aus dem Stehsatz genommen werden. Die freiesten Verfechter der freien Marktwirtschaft in der freien Welt rufen bei jeder Konjunkturdelle als erste nach dem Staat, in Krisen erst recht. Es wird ja gezahlt. Nun befindet sich die deutsche Industrie seit Mitte 2019 ganz ohne Virus in der Rezession, unsittliche Forderungen an die Staatskasse häuften sich bereits. Pletter geht auf solche Kleinigkeiten nicht ein, sondern setzt dem Scholz gewissermaßen die Pistole auf die Brust: Jetzt müsse die Angst oder Panik, mit der sich gerade die Wirtschaft anstecke, vom Staat bekämpft werden: »Es braucht ein kollektives Sedativum.« Sozusagen Valium fürs Kapital. Ein schöneres Wort für die Sorglos-glücklich-Rundumversorgung von Pleitekonzernen und krachenden Banken, Marx nannte das einmal den »Kommunismus der Banker«, lässt sich kaum finden und auch keine passenderes für das, was der Zeit-Mann abzuliefern hat.

Aber Pletters Ausrufezeichen war unnötig. Vizekanzler und Finanzminister Olaf Scholz (SPD) weiß, was er zu tun hat. Er gab sich jedenfalls am Donnerstag abend bei »Maybrit Illner« als Staatsgeldsackverkörperung: Kohle gibt es »für alle«, »weil wir genug Geld haben«. Einführung von Niedriglohn und Armutsrenten durch die SPD müssen schließlich für etwas gut gewesen sein. »Schwarze Null« oder »Schuldenbremse«? Was kümmert Scholz sein Geschwätz von gestern.

So weit, so erwartbar, ungewöhnlich sind die Überschriften des zweiten Zeit-Textes, verfasst von Politikredakteur Jan Ross: »Virus der Vernunft. In der Not orientieren sich die Menschen wieder an seriösen Medien und Politikern. Das ist eine einmalige Chance.« Begründung: »in einer ernsten Gefahrensituation wächst zugleich das Bedürfnis nach Professionalität und Erwachsenheit. Während die Stimmungspolitik der Demagogen, Phantasten und Maulhelden auf einmal sehr viel weniger attraktiv wirkt.«

Woher der Mann das weiß? Er hat ein Gefühl und behauptet: »So ist es kein Zufall, dass die SARS-CoV-2-Epidemie sofort als hochriskant für Donald Trump empfunden wurde.« Bei Zeit online wird vom »empfunden« auf den Artikel eines Zeit-Kollegen verlinkt, der das ebenso empfand. Das reicht für Journalismus. Andere Leute setzen ihre Empfindungen, oder was sie dafür halten, in Reime und nennen es Gedicht. Ross schreibt einen Zeit-Artikel, in dem er den Zusammenbruch des Populismus verkündet. Es wolle sich doch wohl keiner bei seiner Gesundheit auf Netzgeschwätz statt auf Ärzte verlassen? Daher: »Im Ausnahmezustand (...), wenn die Börsenkurse abstürzen, steigen die Aktien der Sachlichkeit.« Besser kann die heilige Dreifaltigkeit des Kapitals nicht zusammengefasst werden: Ausnahmezustand (die Neue Zürcher Zeitung spricht unbefangen stets von »Notstand«), Börsenkrach, Sachlichkeit. Im Klartext: Durchregieren, den Irrationalismus, ob an der Börse oder in der Zeit, neue Triumphe feiern lassen, und in aller Sachlichkeit dafür sorgen, dass der Kapitalladen erhalten bleibt.

Das »Virus der Vernunft«, das Ross halluziniert, befällt den Kapitalismus regelmäßig, weil der das Gegenteil von Vernunft ist. Genauer: Sie ist die Verfassung seiner Ökonomie – it’s the economy, stupid.

Andere Leute setzen ihre Empfindungen, oder was sie dafür halten, in Reime und nennen es Gedicht. Ross schreibt einen Zeit-Artikel, in dem er den Zusammenbruch des Populismus verkündet. Es wolle sich doch wohl keiner bei seiner Gesundheit auf Netzgeschwätz statt auf Ärzte verlassen?

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