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Aus: Ausgabe vom 14.03.2020, Seite 6 / Ausland
Coronavirus in Spanien

Virus und Klassenfrage

Spaniens Regierung will die Schwächsten vor sozialen Auswirkungen der Pandemie schützen. Das wird schwierig
Von Carmela Negrete
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Spaniens Ministerpräsident Sánchez bei einer Videokonferenz mit Ministern am Freitag in Madrid

Ministerpräsident Pedro Sánchez hat am Freitag angekündigt, am Sonnabend die erste von drei Stufen des Ausnahmezustands in Spanien ausrufen zu wollen. »Wir wollen alle Mittel des Staates mobilisieren, um die Bürger besser schützen zu können«, betonte der Sozialdemokrat, der angesichts der Covid-19-Pandemie von einer »außerordentlichen Krise« sprach. Diese trifft Spanien in einem Moment, in dem das Land laut europäischem Netzwerk »Kampf gegen die Armut« die siebthöchste Armutsrate in ganz Europa aufweist. Ein Viertel der Bevölkerung hat Schwierigkeiten, gegen Monatsende alle Rechnungen zu begleichen. Mehr als die Hälfte besitzt keine Rücklagen für einen Notfall wie den jetzigen. 16 Prozent der Bevölkerung gelten offiziell als arm, fast 30 Prozent der Kinder sind von Armut bedroht. Ohne staatliche Unterstützung sähe die Situation für die meisten noch schlimmer aus.

Am Donnerstag hatte Sánchez in einer Rede an die Nation versprochen, er wolle »die Auswirkungen der Krankheit begrenzen«. Neben Hilfen, die Firmen und Arbeiter bekommen sollen, wie etwa eine Fortzahlung von 75 Prozent des Lohnes im Falle eines quarantänebedingten Arbeitsausfalls, kündigte er an, sich insbesondere um diejenigen kümmern zu wollen, die bereits vor dem Ausbruch der Pandemie unter Armut gelitten hatten. Dazu zählen vor allem Menschen, die bislang täglich in Suppenküchen versorgt werden mussten, nun aber aufgrund von Schließungen nicht mehr dort essen können.

25 Millionen Euro hat die Koalitionsregierung nun für die Subventionierung von Schulessen bereitgestellt, die trotz Schließung der Bildungseinrichtungen teilweise im Notbetrieb weiter funktionieren müssen. Zudem sicherte sie zu, dass die Lebensmittelversorgung garantiert werde. Welche Maßnahmen dafür konkret sorgen sollen, ließ sie offen.

NGO wie »Save the Children« warnen seit Tagen vor einer schwierigen Versorgungssituation für Familien, die in den am meisten von Covid-19 betroffenen Regionen unter Armut leiden, und sprechen von einem »Notfall im Notfall«. Allein in Madrid leben 93.000 Kinder in Armut. Wenn die Regierung sich dazu gezwungen sieht, wie in anderen Regionen mit vielen Krankheitsfällen, das öffentliche Leben noch weiter einzuschränken, wird das Problem, wie diese noch etwas zu essen bekommen, noch größer werden. In Madrid hat die Regierung mittlerweile mit der Registrierung der Kinder begonnen, die in der Vergangenheit bereits eine subventionierte Mahlzeit bekommen hatten. Während dessen müssen sie weiterhin auf Unterstützung warten. Im Baskenland sind 13 Prozent aller Kinder auf Essenssubventionen angewiesen, aber die baskische Regierung hat bislang keine Maßnahmen vorgenommen – obwohl die Schulen im Moment geschlossen sind.

Betroffen sind jedoch nicht nur Kinder, auch Rentner essen oft gratis oder für ein sehr geringen Beitrag in »Sozialzentren«. Viele von diesen werden gerade angesichts der Covid-19-Pandemie geschlossen. In der kleinen andalusischen Provinz Córdoba mit ihren 780.000 Einwohnern bekommen nun 1.100 Rentner Essen nach Hause geliefert. Spanien ist in Autonomieregionen aufgeteilt, weshalb es von Region zu Region unterschiedlich ist, welche und ob Maßnahmen getroffen werden, die den besonders Betroffenen helfen.

Auch Migranten ohne Papiere leiden besonders stark unter der durch das Coronavirus ausgelösten sozialen Krise. Am vergangenen Sonnabend wurde im südspanischen Lepe eine Demonstration von Erdbeerpflückern von den Behörden unter Verweis auf das Virus abgesagt. Die migrantischen Arbeiter klagen an, dass es in ihren Hütten nicht einmal Leitungswasser zum Trinken gebe – geschweige denn, um sich damit die Hände zu waschen und so die empfohlenen Hygienestandards einzuhalten. Auch die – meist migrantischen – Frauen, die als Pflegerinnen in privaten Haushalten arbeiten, erinnern zunehmend an ihr Recht auf Schutz vor der Krankheit. Zudem fordern sie besondere Maßnahmen, falls die betreuten Personen an Covid-19 erkranken sollten.

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