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Aus: Ausgabe vom 13.03.2020, Seite 4 / Inland
Gewalt von rechts

Nur relativ sicher

Berlin: 2019 neuer Rekord bei dokumentierten rechten Gewalttaten
Von Markus Bernhardt
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Gerade auch in Berlin muss man sich vor Nazis und Konsorten in acht nehmen

Am Mittwoch hat »Reach Out«, die Berliner Beratungsstelle für Opfer rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt, ihre Zahlen über rechte Gewalttaten vorgestellt. Obwohl Berlin gerne als »liberale« Metropole verkauft wird, wurde 2019 erneut ein Rekord an von Rassisten und anderen extremen Rechten begangenen Straftaten dokumentiert. So seien die Zahlen im Vergleich zum Vorjahr um satte 26 Prozent auf nunmehr 390 Taten im Jahr 2019 angestiegen. Dabei seien laut »Reach Out« »mindestens 509 Menschen verletzt und bedroht« worden, darunter sogar 32 Kinder und 31 Jugendliche. Außerdem hätten 14 Kinder miterleben müssen, wie ihre Eltern oder Freundinnen und Freunde geschlagen, bespuckt und gedemütigt worden seien.

Mit 219 – und somit mehr als 55 Prozent der Vorfälle – sei die übergroße Mehrheit der Straftaten rassistisch motiviert gewesen (2018: 167 von 309). Dem folgen 105 Straftaten, die sich gegen Lesben, Schwule, Trans- und Bisexuelle richteten. Vorfälle in diesem Bereich haben sich fast verdoppelt. So war es 2018 zu 63 Angriffen gekommen, die im Zusammenhang mit Hass auf vermeintliche oder tatsächliche Homosexuelle standen.

Die Zahl der von »Reach Out« dokumentierten antisemitischen Gewalttaten sei hingegen von 44 auf 31 gesunken, hieß es. Dies gilt auch für Attacken und Bedrohungen gegen politische Gegnerinnen und Gegner der Rechten. Gegen sie richteten sich 17 Angriffe (2018: 23). Zudem erfuhr »Reach Out« von zehn Angriffen gegen wohnungslose Menschen.

Bei den meisten dokumentierten Angriffen handele es sich um Körperverletzungen (219), gefährliche Körperverletzungen (121) und massive Bedrohungen (43). Auch zwei »versuchte Tötungen« habe man dokumentiert. So sei im September 2019 in Berlin-Mitte mit einem abgebrochenen Flaschenhals auf einen 51jährigen obdachlosen Mann, der auf einer Bank in der Panoramastraße geschlafen habe, eingestochen worden. Im Juni seien zwei Schüsse auf die Wohnungstür einer geflüchteten Familie in Adlershof abgegeben worden. Die Geschosse seien in der Tür steckengeblieben. Zuvor sei die betroffene Familie wiederholt rassistisch beleidigt worden. Zaun und Briefkasten wurden zerstört.

Von den insgesamt 219 rassistisch motivierten Taten richteten sich 34 Angriffe gegen Muslime, 30 gegen schwarze Menschen und fünf gegen Sinti und Roma, so »Reach Out«. Die meisten Angriffe hätten in den innerstädtischen Bezirken stattgefunden. Im Bezirk Mitte mit den Stadtteilen Mitte (45), Wedding (30) und Tiergarten (22) seien es insgesamt 97 (2018: 62) und somit stadtweit die meisten Angriffe gewesen. In Neukölln dokumentierte die Beratungsstelle 56 Vorfälle (2018: 43), von denen sich mit 21 Taten die meisten gegen sogenannte sexuelle Minderheiten richteten.

»Wir beobachten verstärkt eine Enttabuisierung und Enthemmung bezüglich der Gewalt auf ausgegrenzte und diskriminierte Bevölkerungsgruppen. Insbesondere wenn wir sehen, dass die Angriffe vermehrt in geschlossenen Räumen wie dem direkten Wohnumfeld und an anderen Orten, die nicht dem öffentlichen Raum zugerechnet werden können, stattfinden«, erläuterte Sabine Seyb von »Reach Out«. Das sei deswegen »so besorgniserregend«, weil sich die »Betroffenen dort bis dahin relativ sicher gefühlt hätten«.

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