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Aus: Ausgabe vom 13.03.2020, Seite 1 / Titel
Militarismus

Panzer trotz Pandemie

Coronavirus: Öffentliches Leben kommt in weiten Teilen Europas zum Erliegen – am Großmanöver »Defender 2020« hält die NATO bis auf weiteres fest
Von Michael Merz
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Kriegssimulation mit tödlichen Gefahren: Polnische und US-Soldaten auf Manövergelände in Polen (11. März)

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus am Mittwoch abend als Pandemie eingestuft. Im Vergleich zu einer Epidemie ist das Virus nicht mehr nur regional beschränkt anzutreffen, sondern länder- und kontinentübergreifend. UN-Generalsekretär António Guterres erklärte anschließend, die WHO-Entscheidung sei ein »Aufruf zu handeln – für jeden, überall«. Weiter sagte er: »Wir können den Verlauf dieser Pandemie noch ändern.« Dafür dürfe es jedoch keine »Tatenlosigkeit« mehr geben. Die NATO entzieht sich jedoch ihrer Verantwortung, einen Beitrag zu leisten: Der Aufmarsch des Kriegsbündnisses gegen Russland im Rahmen des Manöver »Defender Europe 2020« ist in vollem Gange.

Das öffentliche Leben kommt in Deutschland und weiten Teilen Europas immer weiter zum Erliegen. Als erste deutsche Großstadt hat Halle am Donnerstag alle Kindergärten und Schulen bis vorerst 27. März geschlossen. Die CDU verschob ihren für den 25. April geplanten Sonderparteitag zur Wahl des neuen Parteichefs. In Berlin wurden Großveranstaltungen wie das »Myfest« am 1. Mai und der »Karneval der Kulturen« während der Pfingstfeiertage abgesagt. Und der Regierende Bürgermeister der Hauptstadt, Michael Müller, sprach am Donnerstag davon, den Bahnverkehr einzuschränken.

Während Donald Trump Europäern die Einreise in sein Land für 30 Tage verboten hat, ziehen die Soldaten des US-Präsidenten zu Tausenden weiterhin quer durch Europa. Das einzige Zugeständnis zur Eindämmung des Virus ist eine Reduktion der Truppenstärke, wie die Europazentrale der US-Streikräfte am Mittwoch abend mitteilte. Konkrete Zahlen wurden nicht genannt. An den wichtigsten Teilen der Kriegssimulation im Mai und Juni soll festgehalten werden. Während »Defender« unter allen Umständen stattfinden soll, sind andere Manöver bereits wegen des Coronavirus abgesagt, etwa »Cold Response« in Norwegen. Der Hauptteil der Übung sollte gestern starten. Am Mittwoch hatte der Leiter des norwegischen Militärhauptquartiers, Rune Jakobsen, jedoch laut dpa erklärt: »Das Virus ist jetzt in der Gesellschaft außer Kontrolle, und das ist eine neue Situation.« Das Militärpersonal solle nicht zur Ausbreitung des Virus beitragen.

Es ist längst in der deutschen wie auch der US-Armee angekommen. Bis Mittwoch mittag wurden einem Bericht der Funke-Mediengruppe zufolge in der Bundeswehr neun mit dem Coronavirus Infizierte und 45 »begründete Verdachtsfälle« registriert. Der Inspekteur des Heeres, Generalleutnant Alfons Mais, befindet sich in Quarantäne. Auch der oberste General der US-Army in Europa mit Hauptsitz in Wiesbaden, Christopher Cavoli, ist mutmaßlich mit dem Coronavirus in Kontakt gekommen, wie am Dienstag bekannt wurde.

Die Bundesregierung ignoriert die zusätzlichen Gefahren der Virusverbreitung durch das »Defender«-Manöver. Wie die Linksfraktion im Bundestag auf Nachfrage erfuhr, gibt es nicht einmal einen direkten Informationsaustausch zwischen dem US-Hauptquartier in Wiesbaden und dem Bundesgesundheitsministerium. »In Anbetracht von 37.000 Soldatinnen und Soldaten aus 18 NATO-Ländern, die in Europa den Krieg gegen Russland üben, ist es verantwortungslos, wenn es zwischen der NATO und dem Bundesgesundheitsminister keine Kommunikation zur Coronapandemie gibt«, erklärte die Bundestagsabgeordnete Gesine Lötzsch (Linke) am Donnerstag gegenüber jW. Die Kanzlerin müsse Trump »ultimativ auffordern«, das Manöver abzubrechen.

Debatte

  • Beitrag von Rudi E. aus L. (13. März 2020 um 16:13 Uhr)
    Eine Frage, die sich wirklich stellt: Warum wird das ganze Corona-Affentheater veranstaltet, das öffentliche Leben nahezu stillgelegt, während die NATO an der russischen Grenze mit fast 40.000 Soldaten wilde Sau spielen will? Dort scheint der Virus noch nicht angekommen zu sein – wird es wohl auch nicht, weil es ihn in dieser pandemischen Art gar nicht gibt. Fragt sich nur: Welche Interessen verbergen sich tatsächlich hinter dieser herbeihalluzinierten Hysterie?

    Ich persönlich halte die gesamten behördlichen Maßnahmen in der BRD für völlig überzogen. Bei allem Verständnis für den Schutz der Bevölkerung, vor allem unserer Kinder, scheint der Verstand bei der jetzigen Medienkampagne auf der Strecke geblieben zu sein – ist vielleicht sogar an der Garderobe abgegeben worden.

    Es drängt sich einem fast förmlich auf: Die Medienlandschaft scheint völlig durchgeknallt zu sein, ebenso wie die Leute, die sie konsumieren. Wir haben gegenwärtig in Deutschland zwei Opfer, die an Corona gestorben sind. Würde unsere Gesellschaft ihren Verstand einsetzen, würde sie vielleicht mal interessehalber gegenüberstellen, wieviel Grippetote wir bisher in Deutschland hatten, ohne dass irgende eine Panik von den Zeitungen verbreitet wurde:

    – 2018: 25.000 Opfer

    – Oktober 2019 bis heute: 200 Opfer

    – Januar 2020 bis heute: 23 Opfer

    Jetzt werden in einer beispiellosen und vor allem unverantwortlichen Panikmache und Hysterie Schulen, Krippen und Kindergärten geschlossen. Ist das jemals bei der Vielzahl von Grippetoten in Deutschland passiert? Ich wüsste es nicht. Ich hätte mir gewünscht, die Medien würden den gleichen Eifer bei Grippeopfern an den Tag legen. Aber Fehlanzeige. Fragt man sich: Was steckt (an wirtschaftlichen Interessen) wirklich hinter all dieser aufgeputschten Kampagne?
    • Beitrag der jW-Redaktion (16. März 2020 um 10:31 Uhr)
      Der Leser sei freundlich daran erinnert, dass bei den gegenwärtigen Infektions- und Mortalitätsraten das Coronavirus rein rechnerisch eine gewaltige Katastrophe bewirken könnte, bei der die genannten Grippe-Zahlöen weit in den Schatten gestellt würden. Man rechne mal nach: 80 Millionen Einwohner, 60 Prozent Infizierte, zwei Prozent Letalität ... (jt)

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Uwe Radtke: Konsequent Interessen vertreten Die Kanzlerin müsse Trump »ultimativ auffordern«, das Manöver abzubrechen ... – das reicht nicht. Statt dessen: 1. Dem Verteidigungsminister die Teilnahme deutscher Soldaten an diesem Kriegsspiel unte...
  • Edda Tunn: Alter Bekannter Im Augenblick wird eine Sau durchs Dorf getrieben mit dem schönen Namen Corona (angeblich aus China). Auf einer Reise nach Niedersachsen am 11./12. März 2020 hatte ich Gelegenheit und das Vergnügen, m...
  • Peter Richartz, Solingen: Verantwortungslose Provokation Derzeit freut sich bundeswehr.de auf das riesige Manöver »Defender Europe 2020«, bei dem 37.000 Soldaten aus den USA und Europa an den russischen Grenzen demonstrieren wollen, wie tapfer sie der russi...
  • Klaus P. Jaworek, Büchenbach: Schneller und schneller »Die Geister(spiele), die ich rief, die werd´ ich nimmer los«: Was ist nur mit unserer (Corona-)Welt passiert? Politiker und alle »Möchtegern-Virus-Experten«, die reden sich ihre »Münder fusselig«, br...
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