Gegründet 1947 Freitag, 29. Mai 2020, Nr. 124
Die junge Welt wird von 2295 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 11.03.2020, Seite 10 / Feuilleton

Lautenbach, Kühn, Ferencz, Mann

Von Jegor Jublimov
Prosecutor_Ferencz.jpg
Chefankläger im Einsatzgruppenprozess gegen Nazikommandeure: Benjamin Ferencz (Mitte, Nürnberg 1947)

Gern hätten wir heute mit Anke Lautenbach ihren 60. Geburtstag gefeiert, aber die beliebte Sängerin starb bereits mit 52. Die Halberstädterin hatte Gesang in Leipzig studiert, war Frontfrau verschiedener Bands und trat im Fernsehen u. a. mit Björn Casapietra, Dagmar Frederic, Jochen Kowalski und Heiko Reissig auf, mit dem sie die Europäische Kulturwerkstatt gründete. Deren Hauptanliegen, die Erfahrungen reifer Künstler an den Nachwuchs weiterzugeben, vertrat sie auch als Dozentin.

Nach über 50 Jahren hat sich für Regisseur Siegfried Kühn ein Wunsch erfüllt. In den Sechzigern hatte er in Moskau an der dortigen Filmhochschule studiert und sich besonders mit Brecht beschäftigt. Mit seinem Kommilitonen Nikolai Gubenko in der Hauptrolle inszenierte er die Hitler-Parodie »Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui«. Er wollte das Stück anschließend auch verfilmen, aber die Brecht-Witwe Helene Weigel war dagegen. Kürzlich hat Gubenko, inzwischen Hausherr am Neuen Theater an der Taganka, Kühn nach Moskau geholt, um das Stück hier noch einmal auf die Bühne zu bringen. Eigentlich war der gebürtige Schlesier Kühn, der am Sonnabend seinen 85. Geburtstag feiern kann, Filmregisseur bei der Defa. Unter seinen zahlreichen Literaturadaptionen sticht »Die Schauspielerin« von 1988 nach einem Roman von Hedda Zinner hervor. Der Film über eine »Mischehe« mit Corinna Harfouch und André Hennicke verknüpft eine Liebesgeschichte eindrucksvoll mit dem Zeitgeist des Hitlerfaschismus.

Um die Aufklärung der Naziverbrechen hat sich Benjamin Ferencz verdient gemacht. Der Jurist wurde heute vor 100 Jahren im damals ungarischen Siebenbürgen geboren, kam indes schon als Säugling in die USA. Als Mitglied der US-Armee sammelte er im Zweiten Weltkrieg Beweise für deutsche Kriegsverbrechen und wurde Chefankläger im Einsatzgruppenprozess gegen Nazikommandeure, einem der Nürnberger Nachfolgeprozesse. Ferencz, der im Bundesstaat New York lebt, erhielt mit 90 Jahren das Große Bundesverdienstkreuz.

Heute vor 70 Jahren starb Heinrich Mann im kalifornischen Exil. Der Romancier, der die Kleingeistigkeit des wilhelminischen Deutschlands in Romanen wie »Professor Unrat« (verfilmt als »Der blaue Engel«) und »Der Untertan« immer wieder böse attackiert hatte, war ein ausgewiesener Linker, der sich am Ende der Weimarer Republik energisch für die Aktionseinheit von KPD und SPD einsetzte. Den Nazis war er noch mehr verhasst als sein Bruder Thomas, und sie stöberten ihn in seinem Exil in Frankreich auf, so dass der damals fast 70jährige zu Fuß über die Pyrenäen nach Spanien und weiter nach Portugal fliehen musste, von wo er mit dem Schiff in die USA entkam. Nach dem Krieg zog es ihn zurück. Er nahm die Präsidentschaft der Deutschen Akademie der Künste an, starb aber kurz vor der Übersiedlung in die DDR.

Kritischer, unangepasster Journalismus von links, gerade in Krisenzeiten!

Die Tageszeitung junge Welt finanziert sich vor allem über Abonnements. Wenn Sie öfter und gerne Artikel auf jungewelt.de lesen, würden wir uns freuen, wenn auch Sie mit einem Onlineabo dazu beitragen, das Erscheinen der jungen Welt und ihre Unabhängigkeit zu sichern.

Regio:

Mehr aus: Feuilleton