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Aus: Ausgabe vom 11.03.2020, Seite 11 / Feuilleton
F. W. Bernstein

Aus dem grafischen Trainingslager

Handgezeichnete Postkarten aus F. W. Bernsteins Rendsburger Schule: Eine Ausstellung im Caricatura-Museum in Frankfurt am Main
Von Milan Nowak
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»schöner rülpsen!« (aus der Ausstellung)

Unter dem Titel »Das kann ja heiter werden« zeigt das Caricatura-Museum für Komische Kunst in Frankfurt am Main bis Ende August eine Auswahl handgezeichneter Postkarten einer Zeichenschule, die als »F. W. Bernsteins Trainingslager an der Eider« bescheidenen Ruhm erlangt hat. Ihr Ursprung ist ein jährliches Seminar am Nordkolleg im schleswig-holsteinischen Rendsburg. Seit der Gründung im Jahr 1990 wurde diese einwöchige Veranstaltung von F. W. Bernstein geleitet, der so 15 Jahre lang Gelegenheit hatte, um Goethes Geburtstag herum die Rendsburger Hochbrücke überm Nord-Ostsee-Kanal abzuzeichnen. Seit jeher endet der Kurs mit der Aufforderung, einander handgezeichnete Postkarten zu schicken und innerhalb von drei Tagen zu antworten. Mehr als 15.000 Karten sind mittlerweile durchs Land geschickt worden, 260 davon nun in der Caricatura ausgestellt.

Bei der feierlichen Eröffnung am vergangenen Mittwoch, an dem Bernstein 82 geworden wäre (er starb Ende 2018), sprachen die Künstler und Kuratoren Peter P. Neuhaus, Ari Plikat und Lotte Wagner. Letztere leitet den Kurs am Nordkolleg seit dem vergangenen Jahr. Menschen aller Alters- und Berufsgruppen seien da im Spaß an der heiteren Zeichnerei miteinander verbunden, erklärte Wagner. Vormittags bekämen die Teilnehmer eine Tagesaufgabe, beispielsweise ein »Tier des Tages« zu zeichnen. Ansonsten könnten sie tun und lassen, was sie wollten, auf diesem »Fressseminar mit Zeichenpausen«, versicherte Plikat. Sinn und Unsinn würden sich im stetig wachsenden Material wie von selbst vermischen. Neuhaus betonte Bernsteins Verständnis vom Zeichnen als Erkenntnismöglichkeit. Es habe für ihn ein kein Richtig oder Falsch gegeben, solange auf dem Blatt nur eine menschliche Spur hinterlassen worden sei.

62 Postkarten haben die Kuratoren ausgewählt. Sie ließen sich die Lieblingskarten von Rendsburger Schülern schicken, stockten den Anteil der Werke Bernsteins auf 37 auf. Die Motive haben auf den ersten Blick nicht viel gemeinsam. Reihen zu einzelnen Themen, an denen Zeichner in ihren Korrespondenzen über Jahre dranblieben – erwähnt sei hier nur ein Schlagabtausch über Krokodile –, hätten den Rahmen der Caricatura gesprengt. Auf den gezeigten Karten geht es zumeist um Alltäglichkeiten, die mehr oder weniger ins Absurde kippen. Eine beispielhafte Naturbeobachtung ist Bernsteins Postkarte »Schöner rülpsen«. Doch so groß die stilistischen Unterschiede zunächst anmuten mögen, unverkennbar steht die Rendsburger Schule in der Tradition der Neuen Frankfurter, die Bernstein 1962 mit Robert Gernhardt, F. K. Waechter u. a. gründete (aus ihr gingen die Zeitschriften Pardon und Titanic hervor). Das gilt auch für die Arbeitsweise. Beim Zeichenkurs in Rendsburg sind alle Skizzen einsehbar und kritisierbar. Ferner arbeiten die Teilnehmer in Kneipen gemeinsam an Postkarten, wobei sie unter anderem darauf zu achten haben, die Strichgeschwindigkeit dem Alkoholpegel anzupassen, wie es in der Rendsburger Zeichenverordnung »Am Anfang war der Strich« aus dem Jahre 2000 heißt – einem Regelwerk mit 34 Punkten, das helfen soll, beim Zeichnen »das Wesentliche wegzulassen und das Unwesentliche auszuarbeiten« (Bernstein).

Die Ausstellung nimmt in der Caricatura-Dauerausstellung zur Neuen Frankfurter Schule nur wenig Raum ein. Das macht sie um so sehenswerter, wenn man der Maßgabe F. W. Bernsteins folgt: »Wichtig ist das Kleinformat, weil’s uns was zu sagen hat. Große Bilder zeigen Farb und Form und schweigen.«

»Das kann ja heiter werden. F. W. Bernsteins Grafisches Trainingslager an der Eider – Die Postkarten-Connection der Rendsburger Zeichnerei von 1990 bis heute«, noch bis 23.8. dienstags bis sonntags 11 bis 18, mittwochs 11 bis 21 Uhr

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