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Aus: Ausgabe vom 10.03.2020, Seite 1 / Titel
Krise des Kapitalismus

Wirtschaft schmiert ab

Schwarzer Montag in kapitalistischen Finanzzentren. Wall Street setzt Handel aus. Ölpreis drastisch gesunken. Exporteinbruch wegen Coronavirus
Von Simon Zeise
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Die Coronaepidemie verschärft die Krise des Kapitalismus

Börsenkrach weltweit: Zum Handelsbeginn am Montag stürzten die Kurse in den asiatischen und europäischen Handelszentren um mehr als sieben Prozent ab. Als die Krise ins Herz des Kapitalismus vordrang, brach an der Wall Street in New York Panik aus. Der Wertpapierhandel wurde kurz nach Beginn für 15 Minuten ausgesetzt. Im Anschluss fiel der Dow Jones um mehr als fünf Prozent und damit schlagartig auf den tiefsten Stand seit Anfang 2019.

Es war ein Crash mit Ansage. Am Wochenende hatte das saudische Königshaus im Alleingang beschlossen, den Ölpreis um bis zu acht Dollar pro Barrel (159 Liter) zu senken und die Produktion drastisch auszuweiten. Um sich seiner Sache sicher sein zu können, hatte Kronprinz Mohammed bin Salman am Freitag kurzerhand den Bruder des Königs, Prinz Ahmed bin Abdulasis Al Saud, und zwei Neffen des Monarchen, Prinz Mohammed bin Najef und Prinz Nawaf bin Najef, verhaften lassen. Den Inhaftierten werden Putschpläne vorgeworfen, ihnen droht die Todesstrafe. Mit den Maßnahmen zur Senkung des Ölpreises verschärfen Riad und dessen Schutzmacht Washington den Wirtschaftskrieg gegenüber erdölexportierenden Ländern wie Russland, Iran und Venezuela.

Der Ölpreis schmierte am Montag um bis zu 28 Prozent ab. Es war der größte Einbruch seit Januar 1991 zu Beginn des zweiten Golfkrieges. Die Internationale Energieagentur (IEA) warnte die Ölförderländer davor, »russisches Roulette« zu spielen. Wie die IEA in ihrem am Montag veröffentlichten Monatsbericht schreibt, prognostiziert sie für das ganze Jahr 2020 wegen der Coronaepidemie einen Rückgang der Erdölnachfrage um 90.000 Barrel je Tag. Bisher war die Organisation noch von einem Anstieg um 800.000 Barrel je Tag ausgegangen. Ein solcher Nachfrageeinbruch ist das letzte Mal nach der globalen Finanzkrise im Rezessionsjahr 2009 aufgetreten.

Die betroffenen Regierungen schalteten in den Krisenmodus. Die US-Notenbank legte noch am Montag ein Bankenrettungsprogramm auf. Knapp eine Woche nach ihrer vorgezogenen Zinssenkung erhöhte sie ihre Geldspritzen für das Finanzsystem. Das Volumen ihrer Übernachtgeschäfte mit den Banken steigt von bisher 100 Milliarden auf mindestens 150 Milliarden US-Dollar. Das Volumen ähnlicher Geschäfte mit 14tägiger Laufzeit wird von 20 Milliarden auf 45 Milliarden Dollar erhöht. Die Änderungen gelten zunächst bis 12. März. Das russische Finanzministerium kündigte an, Devisen zu verkaufen, sollte der Ölpreis unter der Schwelle von 42 Dollar pro Barrel (159 Liter) bleiben. Der Rubel fiel bis zum Mittag um neun Prozent – für einen US-Dollar waren im Handel 75 Rubel nötig. Das war der tiefste Stand für die russische Währung seit Anfang 2016.

Die Bundesregierung setzte in der Nacht zu Montag den Forderungskatalog des Kapitals um. Die Sozialversicherungsbeiträge beim Kurzarbeitergeld werden künftig vollständig von der Bundesagentur für Arbeit (BA) erstattet. Ferner soll Kurzarbeit künftig bereits möglich sein, wenn zehn Prozent der Belegschaft eines Unternehmens von einem Arbeitsausfall betroffen sind. Bislang lag die Schwelle bei mindestens einem Drittel. Die Investitionen des Bundes werden bis 2024 um insgesamt 12,4 Milliarden Euro aufgestockt, um Produktionsausfälle zu kompensieren.

Für die auf Export ausgerichtete deutsche Wirtschaft kam am Montag die nächste Hiobsbotschaft: Wie das Statistische Bundesamt mitteilte, ist der Handel mit China im Januar deutlich eingebrochen. Die Ausfuhren in die Volksrepublik nahmen im Vergleich zum Vorjahresmonat um 6,5 Prozent auf 7,3 Milliarden Euro ab. Die Weltwirtschaft steht am Vorabend der nächsten großen Rezession.

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Debatte

  • Beitrag von Rudi E. aus L. (10. März 2020 um 17:00 Uhr)
    Die medialen Berichte sind von einer beispiellosen Hysterie geprägt. Seitenlange Berichte erzeugen in der Bevölkerung Panik, halluzinieren eine Pandemie herbei, obwohl die Fallzahlen in unserem Land eine ganz andere Sprache sprechen. Diese Art von aufgebauschtem Journalismus ist typisch für eine Zeitungslandschaft, die in unverantwortlicher Weise Panik und Alarmismus verbreitet. Besonders schön zeigt sich das an Fotos leergekaufter Lebensmittelregale. Böse Zungen behaupten sogar, diese Panikmache würde bewusst in den Medien erzeugt, um der Pharmaindustrie beste Absatzmöglichkeiten für ihr Serum zu bieten.

    Klar: Wir haben Coronafälle in Deutschland. Doch sind diese vernachlässigbar, berücksichtigt man, dass es 2017/2018 nahezu 25.000 Grippetote bei uns gegeben hat und von Oktober 2019 bis heute 200 Menschen an der Influenza gestorben sind. Der Presse scheint dies nur eine Randnotiz wert zu sein. Fragt man sich, warum? Wer spricht zudem von den 20.000 Patienten, die jährlich in Deutschland an Krankenhauskeimen versterben?

    Keiner käme auf die Idee, Konzerte, Messen, Fußballspiele und andere Massenveranstaltungen abzusagen, nur weil einige Grippekranke anwesend sind, geschweige denn, dass Flüge wegen grippekranker Passagiere storniert würden. Wie schön, dass es Menschen gibt, die ihren gesunden Menschenverstand einsetzen ...

    Rudi Eifert, Langenhagen

    E-Mail: eifert.vogler@t-online.de

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Gerhard Minges, Ludwigshafen: Großmanöver nicht vergessen Beim Thema Coronavirus und dessen Verbreitung wird leider ein Punkt in den Medien kaum berücksichtigt: das militärische Großmanöver »Defender Europe 2020«! Dabei werden seit Ende Januar bis Anfang Mai...
  • Peter Richartz, Solingen: Corona-Panik Wie immer, wenn ich eine Situation auffallend finde oder unverständlich, frage ich: Wer hat einen geldwerten (oder politischen) Nutzen davon? Zur Zeit geht es um den unvergleichlichen Hype wegen Hunde...

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