Der Schwarze Kanal: »Sender Jerewan««
Gegründet 1947 Mittwoch, 3. Juni 2020, Nr. 127
Die junge Welt wird von 2295 GenossInnen herausgegeben
Der Schwarze Kanal: »Sender Jerewan«« Der Schwarze Kanal: »Sender Jerewan««
Der Schwarze Kanal: »Sender Jerewan««
Aus: Ausgabe vom 23.03.2020, Seite 10 / Feuilleton
Liedermacher

Alter Knurrhahn

Manfred Maurenbrecher besingt das innere Ausland und ist so unbequem wie immer
Von Harald Justin
beil.jpg
»Ich träum’ vom Morden wie vom Glück, das man nicht sieht«: Manfred Maurenbrecher

Wir haben es vernommen: Mit den alten weißen Männern geht es zu Ende. Ist schon recht so. Doch andererseits gibt es diejenigen, die mit Würde reifen, im Alter besser und knurriger werden, wohl wissend, dass der grassierende Jugendwahn sich im Slalom um Bedeutungslosigkeiten verliert.

Wer kommt also in diesen Zeiten haargenau richtig? Manfred Maurenbrecher, munter auf seinen siebzigsten Geburtstag zusteuernd! Der Mann ist ein Unikum, und als ihm sein Label vor zehn Jahren zum Sechzigsten eine Dreierbox spendierte, auf dem ihm die gesamte Garde der deutschen Liedermacher Tribut zollte, wurde unfreiwillig hörbar, dass Maurenbrecher der beste Interpret seiner Lieder ist. Ob Hannes Wader, Reinhard Mey oder Konstantin Wecker, all die Interpreten, die sich vage kritisch mit eigenem Liedgut positionieren und nun seine Lieder sangen, sie alle trafen nicht den Ton, der Maurenbrecher so einzigartig macht.

Auf dem aktuellen Album »Inneres Ausland« ist bestens zu hören, was seine Kunst ausmacht: Er schreibt sich Texte auf den rundlichen Leib, die er so doppeldeutig singt, wie sie gemeint sind. Er knurrt und gurrt, akzentuiert die Doppeldeutigkeiten mit feinsten Tonlagen, mitunter bräuchte es die Texte gar nicht, um die Performance wie einen alten Rotwein zu genießen. Allein der Klang der Stimme macht’s, und das ist nahezu einzigartig in der deutschsprachigen Szene.

Doch damit das Gesamtpaket stimmt, gibt es eben die Texte. Sie sind verdammt ernstgemeint, für Spaß bleibt keine Zeit mehr. Klar, manchmal klingt das Altersgrauen poetisch, wenn es heißt: »Ich such’ nach nichts / So lang ich es noch finde / Im Dunkel von mir.« Meistens allerdings verzieht es die Poesie nach links, dorthin, wo der Songpoet Stellung bezieht. Schließlich steht die Welt am Abgrund, und die üblichen Verdächtigen sind eh ausgemacht. Rechte, Heuchler, Flüchtlingshasser, Weltverderber.

Einfach macht es Maurenbrecher den Zuhörern nicht, er ist kein Parolendrechsler, verkündet keine Wahrheiten, sondern sät Zweifel, wechselt die Perspektiven. Einmal bringt er es fertig, in einem Lied die »Machtdarsteller dieser Erde« zu geißeln, die selbstherrlich Milliarden Menschen ins Grab bringen, um Zeilen später zur Ich-Form zu finden: »Meine Gedanken gehen in jede Richtung, ich träum’ vom Morden wie vom Glück, das man nicht sieht / Es kann zerstörend sein und heiter, alles möglich in ’nem angefangenen Lied.« Aber singt da wirklich das lyrische Ich, oder ist es die singende Bürgermaske? Allemal bleibt’s widersprüchlich, eben eine »Reise ins ­innere Ausland«, wo man um die eigene Fremdheit oder die fremde Vertrautheit kämpft. »Alles gut, der Rest ist Mut«, singt er, aber da ist die Stimme schon brüchig, und wir dürfen diesen Optimismus anzweifeln. So nimmt er, ohne Patentrezepte zu bieten, die Position des permanenten Infragestellers ein und bleibt unbequem.

Großes Lob also – mitsamt Tadel für die allzu brave Musik seiner eingespielten Begleitband, die widerspruchslos ohne Zwischen- und Misstöne agiert.

Manfred Maurenbrecher: »Inneres Ausland« (Reptiphon/Broken Silence)

Einziges Konzert mit Band zum neuen Album: 27. Mai, Berlin, Mehringhof-Theater

Mehr aus: Feuilleton