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Aus: Ausgabe vom 04.03.2020, Seite 3 / Schwerpunkt
Aktive Fanszenen

Rebellische Kurve

Konfrontationskurs: Deutscher Fußballbund (DFB) und Deutsche Fußballiga (DFL) gegen aktive Fans
Von Oliver Rast
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Ein Mäzen im Visier – martialischer Ausdruck des Fanprotests gegen die Kommerzialisierung des Fußballsports

Nur die wenigsten Gestalter von Motiven erzeugen öffentliche Erregung. Kreativen Fußballfans hingegen gelingt das seit zwei Wochen mühelos. Man sieht ein Konterfei in einem Fadenkreuz, manchmal kombiniert mit Spruchbändern und der Aufschrift »Hurensohn«. Der Geschmähte ist Dietmar Hopp, der milliardenschwere Mäzen vom Bundesligisten TSG 1899 Hoffenheim.

Viele Kommentatoren sprechen von einer Machtprobe der aktiven Fanszene. »Das ist ein Mythos«, widerspricht Tim Berg*, ein Gründer einer ehemaligen Ultragruppe aus dem Osten, im jW-Gespräch. Das unterstelle, so Berg, Ultras wollten Vereinsstrukturen unterwandern. »Schwachsinn«, die meisten aktiven Fanszenen seien daran interessiert, dass ihr Klub gut geführt wird und ehrliche Dialoge auf Augenhöhe stattfinden, sagt Berg.

Der aktuelle mediale Bohei um Hopp hat eine Vorgeschichte. Und die reicht bis ins Jahr 2008. Beim ersten Gastspiel von Borussia Dortmund beim damaligen Aufsteiger aus Sinsheim hielt ein BVB-Anhänger einen sogenannten Doppelhalter mit der Aufschrift »Hasta la vista, Hopp« im Fanblock hoch. Der Mäzen zeigte daraufhin den Fan an. Seitdem führen Teile der BVB-Anhängerschaft und Hopp eine bizarre Liaison. Immer wieder tauchten Fadenkreuzsymbole und »Hurensohn«-Banner gegen Hopp bei BVB-Spielen auf.

Warum Hopp? Dieser ist für viele aktive Fans das Sinnbild für die Kommerzialisierung des Fußballsports. Einer, der einen Dorfklub mit seiner prall gefüllten Portokasse in der Bundesliga etabliert hat.

Auslöser für den neuaufgelegten Clinch war ein Beschluss des DFB-Sportgerichts am 21. Februar. Das Gericht widerrief eine am 2. November 2018 gegen den BVB ausgesprochene Bewährungsstrafe. BVB-Fans hätten während der Partie gegen Hoffenheim am 20. Dezember Hopp abermals beleidigt. Die Folge: Kollektiver Ausschluss von BVB-Anhängern für die beiden kommenden Auswärtsspiele bis 2022 bei der TSG. Das Moratorium von Kollektivstrafen, das 2017 durch den damaligen DFB-Boss Reinhard Grindel erlassen wurde, ist nun beendet.

Dies führte jüngst zu Fansolidarisierungen. Zuerst von Gladbach-, dann von Fans des FC Bayern München, die jeweils die bekannten Anti-Hopp-Symbole in den Stadien präsentierten. Nach dem sogenannten Drei-Stufen-Plan des DFB (Lautsprecherdurchsage, Spielunterbrechung, Spielabbruch), der wohlgemerkt gegen Rassismus in Stadien entwickelt wurde, unterbrachen die Schiedsrichter die Partien, bis die Banner wieder eingeholt wurden. Mit diesem Vorgehen habe der Verband und die Liga »einen Präzedenzfall geschaffen«, sagte Monika Lazar, Sprecherin für Sportpolitik der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen, gegenüber jW. Fortan müssten DFB und DFL genauso konsequent gegen alle Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit vorgehen. »Sonst würden sich die Verbände dem Vorwurf aussetzen, nach doppelten Standards zu agieren.« Aber genau das tun sie längst, kritisieren Fanvertreter. Nicht nur das: »Nach den Vorfällen in Sinsheim beim Bayern-Spiel wurde eine eigene Ermittlungsgruppe der Polizei gebildet«, sagte ein Sprecher der Fanhilfe Mönchengladbach im jW-Gespräch. Dieser Aktivismus sprenge jeden Rahmen der Verhältnismäßigkeit – »und das bei Beleidigung«.

Selbst »beleidigungsfreie Fanproteste gegen Hopp« führten am Sonntag zur Unterbrechung der Drittligapartie SV Meppen gegen den MSV Duisburg, monierte René Lau von der AG Fananwälte gegenüber jW. »Wer diesen Protest zum Anlass repressiver Maßnahmen nimmt, bekämpft weder Ehrverletzungen von Klubbossen noch Rassismus, sondern die Meinungsfreiheit.«

Übergangen fühlen sich die Faninitiativen, die den Gesprächsfaden mit den Verbänden nicht abreißen lassen wollen. Sophia Gerschel, Sprecherin der Bundesarbeitsgemeinschaft der Fanprojekte, sagte auf jW-Nachfrage: »Es ist ein schlechtes Zeichen, wenn kommunikationslos wieder Kollektivstrafen gegen Fans verhängt werden.« Deshalb fordert die BAG und die Fanvereinigung »Unsere Kurve«, noch in dieser Woche »eine außerplanmäßige Sitzung der AG Fankulturen inklusive der Verbands- und Ligaspitzen einzuberufen«. Soweit ist es noch nicht, »Vorgespräche für Gespräche hat es gegeben«, so Gerschel.

Eine echte Dialogbereitschaft klingt anders. Die Pressestelle des DFB verwies jW nebulös auf ein bisher nicht veröffentlichtes Verbandsinterview, die DFL wollte zu den »Vorfällen aktuell nichts sagen«. Für den ehemaligen Ultra Berg steht fest: »Wenn momentan jemand die Machtprobe will, dann die Verbände.«

* Tim Berg ist ein Pseudonym, der ­Name der Redaktion bekannt

Aktive Fanszenen

Sie nennen sich »Schickeria«, »Calliera« oder »Harlekins«. Sie sind Ultras, zählen zu den energischsten Fans ihrer Klubs Bayern München, Werder Bremen und Hertha BSC. Und sie sind jene Fangruppen, die einen durchgehenden Support bei den Spielen in den Arenen organisieren. Mit zumeist aufwendig gestalteten Frontbannern und Blockfahnen sowie stimmgewaltigem Singsang. Gegnerische Fans, Spieler und Vereine werden dabei oft verhöhnt, manchmal geschmacklos, im Einzelfall auch grob beleidigend. Zur Ultrafankultur zählt gleichfalls das Zünden bunter Pyrotechnik. Das ist verboten und wird seitens der Vereine und Verbände verfolgt.

Die aktiven Fanszenen opponieren gegen die Kommerzialisierung ihres Sports, die Zerstückelung von Spieltagen (Stichwort: Montagsspiele) und gegen Vereins- und Verbandsstrafen wie Haus- oder Stadionverbote. Kollektivstrafen, das heißt der komplette Spielausschluss von Fans steht dabei besonders in der Kritik. »Das ist ein Machtmittel von Despoten und wird hierzulande nur gegenüber Fans durchexerziert«, sagt Sig Zelt, Sprecher von Pro Fans, im jW-Gespräch.

Aktive Fans geraten seit Jahren verstärkt ins Visier von Verfolgungsbehörden, sind beinahe Spieltag für Spieltag mit Polizeigewalt konfrontiert. Die Stadien sind zu einer Art Probebühne für Gesetzesverschärfungen geworden. Dagegen machen Fanhilfen und die AG Fananwälte mobil. Fußballsport ist politisch, das haben einige Ultragruppen längst erkannt. Deshalb engagieren sie sich beispielsweise gegen Novellen von Polizeigesetzen der Länder. »Schickeria« und »Calliera« haben ein klar definiertes antirassistisches und antifaschistisches Selbstverständnis. In Schrift, Bild und Ton dokumentieren sie dies jedes Wochenende, wenn ihre Teams den Rasen betreten. (or)

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