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Aus: Ausgabe vom 03.03.2020, Seite 8 / Kapital & Arbeit
Gesundheit im Kapitalismus

»Das Personal dort ist leichter auszubeuten«

Was hat Pflegenotstand mit Kapitalismus zu tun? Darüber wurde in Frankfurt am Main diskutiert. Ein Gespräch mit Robin Mohan
Interview: Gitta Düperthal
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Für die in der Pflege Beschäftigten ist es schon lange fünf nach zwölf (Aktion zum »Internationalen Tag der Pflege«, Berlin, 12.5.2017)

Am vergangenen Wochenende veranstaltete die anarchosyndikalistische Freie Arbeiterinnen- und Arbeiterunion, kurz FAU, eine »Konferenz zu Systemwandel und Gewerkschaft« in Frankfurt am Main. Worüber haben Sie gesprochen?

Bei der Konferenz diskutierten etwa 60 Teilnehmende vor allem über das Problem einer konsequent umgesetzten Digitalisierung. Aufgrund der zunehmenden Vernetzung droht eine fast vollständige Durchleuchtung des Arbeitsalltags. Bei der Veranstaltung wurde darüber gesprochen, dass bald jeder einzelne Schritt detailliert überwacht werden könne – letztlich, um Kostensenkungen voranzutreiben. Dies ist nicht nur im medizinischen Bereich, beispielsweise in Krankenhäusern, zu beobachten, sondern auch im Sozialwesen oder im Einzelhandel.

Sie referierten am Wochenende über das Thema Pflegenotstand. Welche dringlichen Probleme gibt es aktuell in den Krankenhäusern?

Entsprechend dem Taylorismus – einem System der Betriebsführung, das auf einen möglichst wirtschaftlichen Betriebsablauf zielt – wird in Kliniken eine neue Arbeitsteilung festgelegt. Arbeitsschritte werden neu analysiert und ausgerichtet. So soll etwa das Zusammenstellen der Medikamente an ein spezielles Team ausgegliedert werden. Die Folge: Die Pflegekräfte haben nicht mehr den einzelnen Patienten und dessen ganzheitlichen Krankheitsverlauf vor Augen.

In den vergangenen Jahren gab es viele Arbeitskämpfe von Krankenhauspersonal. Haben Sie auch über neue Ideen hierfür diskutiert?

Viele haben resigniert und sehen kaum mehr eine Perspektive. Nach wie vor stellt sich die Frage, wie Streiks gestaltet werden können, ohne Patientinnen und Patienten zu schaden. Als eine Möglichkeit wurde der »Dienst nach Vorschrift« genannt: Aufgaben, die etwa von der Ärzteschaft übernommen werden könnten, könnten liegengelassen werden. Ein weiteres dringliches gewerkschaftliches Thema: Die Neuverteilung der Pflegearbeit darf nicht dazu führen, dass Frauen durch die vorherrschende geschlechtsspezifische Arbeitsaufteilung noch stärker als bisher zur häuslichen Pflege herangezogen werden.

Auf der einen Seite herrscht im Gesundheitsbereich ein ausgeprägtes Berufsethos, auf der anderen Seite stehen die ökonomischen Zwänge einer kapitalistischen Wirtschaft. Wie wirkt dieser Widerspruch auf das ärztliche und pflegende Personal?

Das ist bei den beiden Berufsgruppen unterschiedlich. Anders als in der Pflege wird den Ärzten ein vorrangig gewinnbringendes Arbeiten abgefordert. Das dadurch immer schnellere Aufnehmen und wieder Entlassen von Patientinnen und Patienten ist aber auch in der Pflege zu spüren. Liegezeiten wurden verkürzt, Stellen gestrichen, Arbeitsprozesse stärker bürokratisiert und verdichtet. Das Personal dort ist leichter auszubeuten. Viele versuchen, Probleme durch individuelles Engagement auszugleichen. Die bessere Alternative dazu ist es, sich zusammenzutun und wie bereits in den vergangenen Jahren gemeinsam im Bündnis mit Patientinnen und Patienten gegen schlechte Arbeitsbedingungen zu kämpfen.

Wie können potentielle Patientinnen und Patienten aktiv werden?

Einerseits können sie sich aktiv bei Arbeitskämpfen des Pflegepersonals engagieren. Andererseits können sie sich durch Beschwerden über mangelhafte Abläufe in den Krankenstationen nicht über die Behandlung etwa einer einzelnen Pflegekraft auslassen, sondern statt dessen über Personalmangel und schlechte Arbeitsbedingungen dort.

Welche Ziele müssen Gewerkschaften hier anstreben?

Auf der Konferenz wurde gefordert, dass Gewerkschaften branchenübergreifend Probleme in der Pflege bei ihren jeweils spezifischen Streiks aufgreifen. Als potentielle Patientinnen und Patienten leiden alle unter dem Pflegenotstand – ob sie nun im Einzelhandel oder andernorts tätig sind.

Robin Mohan ist Soziologe und war als Referent bei der Konferenz der FAU in Frankfurt am Main

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