Gegründet 1947 Donnerstag, 2. April 2020, Nr. 79
Die junge Welt wird von 2267 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 02.03.2020, Seite 3 / Schwerpunkt
NGfP-Kongress

»Individualität ist nicht gewollt«

Der Widerstand gegen Digitalisierung und Ausbeutungsstrukturen am Beispiel von Amazon. Ein Gespräch mit Detlef Hartmann
Von Christa Schaffmann
RTX7BFME.jpg
»Vorgeschmack auf maschinell optimierte menschliche Arbeit«: Protestaktion in New York City (Dezember 2019)

Gibt es aus Ihrer Sicht eine »Szene des Widerstands« gegen Digitalisierung und Künstliche Intelligenz (KI)?

Nicht in dem Sinne, den wir normalerweise mit dem Szenebegriff verbinden. Es gibt eine ganze Reihe von Wissenschaftlern, die sich mit Digitalisierung und KI sehr kritisch auseinandersetzen, weil sie darin eine akute Gefahr für die Freiheit sehen. Nicht umsonst nennt Werner Meixner sein jüngstes Buch »Wollt Ihr die totale Digitalisierung?«. Aber das ist eine andere Ebene als die der Menschen, die in ihrer täglichen Arbeit oder gar durch den Verlust ihres Arbeitsplatzes erfahren, wohin die Technologieentwicklung führt, welche Zwänge sie erzeugt. Die bei Amazon Arbeitenden erleben Sklaverei, die anderen analysieren Sklaverei, um es vereinfacht zu sagen. Die Ebenen kommen selten zusammen. Es wird die Aufgabe der Intellektuellen sein, den Weg zu den Quellen des Widerstands an der Basis zu finden und nicht darauf zu warten, dass die andere Seite sich auf sie zubewegt.

Wie beurteilen Sie die Lage der Arbeiterinnen und Arbeiter bei Amazon und deren Bewusstsein für das, was mit ihnen gerade gemacht wird?

Amazon ist ein Paradebeispiel für die neuen Ausbeutungsstrukturen. Bei Amazon ist die vollständige Enteignung des Arbeitsprozesses durch modernste Technologie Programm. Was sich dort abspielt, gibt einen Vorgeschmack auf maschinell optimierte menschliche Arbeit, wie sie durch Digitalisierung und KI in immer mehr Bereichen eingeführt wird. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stehen unter starkem Stress. Ihre tägliche Laufleistung von bis zu 20 Kilometern wird sekundengenau protokolliert. Am Körper tragen sie ein GPS-Gerät, das sämtliche Schritte und Bewegungen erfasst und genau überprüft, ob die vorgeschriebenen Wege zwischen den einzelnen Stationen eingehalten werden. Abweichungen werden, selbst wenn sie eine Optimierung bedeuten, sanktioniert.

Das klingt für ein Unternehmen, das maximalen Profit anstrebt, unlogisch. Wie erklären Sie dieses Vorgehen?

Es geht um Standardisierung, um die Teilung der Arbeit in Einzelschritte per Algorithmisierung; Individualität ist nicht gewollt. Sie würde die Austauschbarkeit jedes beliebigen Beschäftigten erschweren. Arbeiter würden das vielleicht nicht mit diesen Worten beschreiben, aber das Prinzip kontinuierlicher Arbeitsverdichtung ist ihnen durchaus bewusst. An vielen Standorten wehren sich Belegschaften deshalb vehement gegen die algorithmische Fremdbestimmung ihrer Arbeit. Die jüngsten Aktionen dagegen fanden im Februar in New York statt, wo u. a. mit Plakataufschriften wie »I’m not a Robot« auch gegen die Festlegung von engen Zeiträumen für bestimmte Arbeitsschritte und die zu knappen Ruhezeiten protestiert wurde, die kaum fürs Essen oder den Gang zur Toilette ausreichen.

Haben Sie selbst an solchen Aktionen hier oder im Ausland teilgenommen?

Mehrmals. Zum Beispiel habe ich zusammen mit Hunderten anderen versucht, zwecks Blockade in die Berliner Niederlassung von Amazon einzudringen, was leider nicht gelungen ist. Amazon hatte anscheinend von unseren Absichten vorab erfahren und entsprechende Gegenmaßnahmen ergriffen. ­Daraufhin wurden die Kreuzungen um das Amazon-Gelände besetzt. Das wiederum rief vergitterte Mannschaftswagen der Polizei auf den Plan. Die blockierten schließlich jegliche Auslieferung – in diesem Fall eine unfreiwillige Unterstützung unserer Aktion durch den »Freund und Helfer«, die uns schmunzeln ließ. Von solchen Aktionen gelebter Solidarität gehen Impulse aus, es werden Verbindungen geknüpft.

Nicht überall spüren Beschäftigte den direkten Zusammenhang von Digitalisierung und der eigenen verschärften Ausbeutung so deutlich wie bei Amazon. Nicht überall passen Aktionen wie die von Ihnen geschilderten.

Ich gebe Ihnen Recht. Für diesen Teil der Beschäftigten gilt es, den Widerstandsbegriff zu erweitern um einen Begriff von Resilienz, und zwar nicht im Sinne eines Trainings zur Anpassung an die neuen Verhältnisse, sondern im Sinne der Verweigerung. Die hat es z. B. durch Softwareentwickler bei Google in den USA gegeben, die es ablehnten, an einem Projekt zur Entwicklung autonomer bewaffneter Drohnen mitzuarbeiten. Und weil Softwareentwickler auf diesem hohen Niveau nicht einfach ersetzbar sind, war Google gezwungen, den Vertrag mit dem Pentagon nicht zu erneuern und aus dem Projekt auszusteigen.

In welcher Rolle sehen Sie Gewerkschaften?

Es gibt einige linke Mitglieder in Gewerkschaften, die eine positive Rolle im Kampf gegen die totale Digitalisierung spielen können, aber von den großen systemstabilisierenden Gewerkschaften mit ihrer korporatistischen Haltung erwarte ich das nicht.

Steuert die Bundesregierung Digitalisierungsprozesse in der Gesellschaft dienliche Bahnen?

Ich traue den Politikern eine Steuerung von Digitalisierung und KI im Interesse der Menschen durch Gesetze, Verordnungen und dergleichen nicht wirklich zu. Die deutsche Beteiligung an einem Verbot autonomer Waffensysteme hat die Merkel-Regierung gerade abgelehnt. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat sehr weitgehende Eingriffe in die informationelle Selbstbestimmung auf den Weg gebracht etc. Es hilft nur geballter Druck aus allen kritischen Ebenen. Dieser hat immerhin zu Abmilderungen bei der KI-gestützten Gesichtserkennung im öffentlichen Raum geführt.

Detlef Hartmann, geboren 1941, ist Anwalt, Autor und Aktivist. Von ihm erschien zuletzt der zweite Band von »Krisen – Kämpfe – Kriege, Innovative Barbarei gegen soziale Revolution – Kapitalismus und Massengewalt im 20. Jahrhundert«, Verlag Assoziation A, 704 Seiten, 25 Euro

Hintergrund: NGfP-Kongress

Am 6. und 7. März findet der Kongress der Neuen Gesellschaft für Psychologie (NGfP) in Berlin unter dem Titel »Digitalisierung – Sirenengesänge oder Schlachtruf der ›kannibalistischen Weltordnung‹« statt. Er wendet sich gegen den Verlust von Freiheitsrechten, die Fragmentierung von Arbeitsprozessen, den Zwang zur Selbstoptimierung, ist aber kein Antidigitalisierungskongress. Referenten wie der Jurist Bijan Moini, politische Aktivisten wie Detlef Hartmann, Philosophen wie Friedrich Voßkühler und Politikwissenschaftler wie Christoph Marischka unterscheiden klar zwischen dem, was die Digitalisierung als Technologie vermag, und der zum politischen Programm gewordenen Digitalisierung, die in den Überwachungsstaat führt. Letztere beschreibt Werner Meixner in seinem gerade erschienenen Buch »Wollt ihr die totale Digitalisierung?« als ein Programm zur vollständigen Erfassung aller analogen Wirklichkeiten und Verhaltensäußerungen sowie zur Kontrolle aller Kommunikationsvorgänge in der Gesellschaft zwecks wirtschaftlicher Steuerung und politischer Überwachung.

Der NGfP-Kongress versammelt ganz unterschiedlichen Strategien des Widerstands gegen diese Entwicklung – von der Analyse der Prozesse, über deren Störung bis zur Verweigerung durch von Digitalisierung Betroffene und die Suche nach Alternativen im Rahmen der engen Grenzen, die das kapitalistische System setzt. Das wird deutlich durch Psychologen und Psychotherapeuten wie Günter Steigerwald, der die enormen Risiken des Telematiksystems im Gesundheitswesen angreift und auf die Kolleginnen und Kollegen verweist, die sich ihm trotz finanzieller Nachteile verweigern. Es zeigt sich aber auch an wissenschaftlichen Analysen durch Voßkühler und Klaus-Jürgen Bruder, den Vorsitzenden der NGfP, der die hilflose Kritik an der Digitalisierung angreift, solange sie nicht zu Voraussetzungen vorstößt – den Produktionsbedingungen. Die gedankenlose Gewöhnung binde uns in Loyalität an das System, das uns überwacht, verführt, anstachelt und ruhig stellt.

Auf die Allianz zwischen dem Risikokapital, den großen Beratungsfirmen, der Rüstungsindustrie und der Forschung wird Christoph Marischka von der Informationsstelle Militarisierung (IMI) eingehen. Welche Alternativen möglich sind, um den zerstörerischen Vormarsch von Digitalisierung mindestens einzuschränken und Freiheitsrecht zu erhalten, zeigt u.a. der Jurist Bijan Moini an praktikablen Ideen für neue Gesetze und Verordnungen. (cs)

ngfp.de/veranstaltungen/digitalisierung/

Ähnliche:

  • In der EU sind Unternehmen auf US-Anbieter wie Amazon angewiesen
    24.01.2020

    Abhängig vom großen Bruder

    Deutsche Behörden müssen auf Know-How von US-Konzernen zurückgreifen. EU setzt mit Cloud »Gaia-X« auf Konkurrenzfähigkeit
  • Macht ein Buchladen dicht, werden nach Berechnungen des Börsenve...
    09.11.2019

    Weniger Amazon, mehr Bücher

    Börsenverein: Buchpreisbindung sorgt für Vielfalt, Qualität und weniger Marktkonzentration

Mehr aus: Schwerpunkt

*** Jetzt Probeabo bestellen: www.jungewelt.de/testen ***

Jetzt drei Wochen gratis im Probeabo!