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Aus: Ausgabe vom 28.02.2020, Seite 16 / Sport
Boxen

Ohne Umwege

In London wird bald um Olympiatickets geboxt: Deutschland schickt 25 Athletinnen und Athleten
Von Oliver Rast
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Kann Spitzenergebnisse liefern: Ornella Wahner (Traktor Schwerin, r.) bei den Europaspielen in Minsk, Juni 2019

Die Voraussetzungen sind optimal. »Unser Trainingspensum ist enorm, alles ist bestens organisiert, mehr kann man nicht machen.« Klare Aussagen von Ralf Dickert im jW-Gespräch. Dickert gehört zum Trainerstab der Athletinnen und Athleten, die vom Deutschen Boxverband (DBV) für die kontinentale Olympiaqualifikation in London nominiert wurden. Die geht vom 13. bis 23. März in der Copper Box Arena über die Bühne.

Der Qualifizierungsmodus für Kämpfe unter den olympischen Ringen ist neu. Der Hintergrund eher nicht: Wegen Misswirtschaft und Korruption wurde der Amateurboxweltverbands AIBA vom Internationalen Olympischen Komitee suspendiert. Mit Folgen: Reichte zuvor eine gute Platzierung bei Weltmeisterschaften für eine Olympiaquali, müssen die Boxerinnen und Boxer nun in fünf kontinentalen Wettbewerben um Tickets für die Sommerspiele in Tokio (24. Juli bis 9. August) kämpfen. Wer sich bei den Ausscheidungskämpfen nicht durchsetzen kann, erhält eine zweite Chance bei der »Weltqualifikation« vom 26. März bis 1. April in Paris.

Ein Modus, der aus Sicht des DBV vorteilhaft sein dürfte. Bei der AIBA-WM der Männer im September im russischen Jekaterinburg waren die DBV-Schützlinge leer ausgegangen. »Das Medaillenziel haben wir zwar verfehlt, dafür aber wichtige Erfahrungen sammeln können«, resümiert DBV-Sportdirektor Michael Müller gegenüber jW. Die Erfahrungswerte müssen nicht gleich Gold wert sein, könnten bei engen Fights in London aber ins Gewicht fallen.

Der DBV meldete 25 Athleten für die europäische Olympiaquali. Zehn Boxerinnen werden in fünf olympischen Gewichtsklassen antreten (51, 57, 60, 69, 75 Kilo) und 15 Boxer in acht olympischen Klassen (52, 57, 63, 69, 75, 81, 91, +91 Kilo). Nur die Erstplazierten der DBV-Rangliste werden in die englische Metropole reisen. Die Zweitplazierten sind Nachrücker, etwa bei Verletzungsausfällen. Nach welchen Kriterien hat die DBV-Kommission nominiert? »Das war eine Gesamtbewertung der sportlichen Ergebnisse von 2019«, sagt Müller. Maßgeblich für die Ernennung sei der Ausgang der nationalen Olympiaqualifikation im Dezember am Bundesleistungszentrum in Kienbaum gewesen. Ferner berücksichtigte das Gremium Resultate internationaler Turniere wie der »Military World Games«. Insgesamt sollen 278 Boxer bei Olympia in Tokio starten, 97 Frauen und 181 Männer. Pro Gewichtsklasse werden zwischen vier und acht Quotenplätze seitens des IOC vergeben. Je höher das Limit, um so geringer ist die Teilnehmerzahl.

Eine, die den Clinch im Ring sucht, hat schwierige Monate hinter sich. Mehr als ein halbes Jahr musste Ornella Wahner, AIBA-Weltmeisterin von 2018 im Limit bis 57 Kilo, verletzungsbedingt pausieren. »Wahner hat bewiesen, dass sie Spitzenergebnisse liefern kann«, sagt Müller. Deshalb wurde sie auch ohne Einsatz in Kienbaum an Nummer eins gesetzt. Zuletzt absolvierte die Rekonvaleszentin vom BC Traktor Schwerin vor allem Grundlagentraining, wie sie im jW-Gespräch erklärt. Kraft und Kondition im Schichtsystem, täglich. Der boxerische Feinschliff muss jetzt noch kommen. »In dieser speziellen Phase stehen diverse Sparringsrunden an.« Mehr als eine Standortbestimmung sind solche »Schaukämpfe« aber nicht. Wahner wird in London vier Ringauseinandersetzungen binnen zehn Tage gewinnen müssen, um das Flugticket nach Japan zu lösen. Dafür muss sie alle physischen und mentalen Ressourcen mobilisieren, das weiß sie. Und gibt sich trotz der langen Auszeit zuversichtlich: »Ich will ohne Umwege nach Tokio.«

Einer, der hierzulande nahezu ohne Konkurrenz boxt, ist Nelvie Tiafack. Für den Superschwergewichtler vom SC Colonia 06 ist das mitunter ein Problem: »Manchmal fehlt mangels gleichwertiger Gegner ein bisschen die Wettkampfpraxis«, sagt er auf jW-Nachfrage. Sparring sei kein vollwertiger Ersatz für einen echten Leistungscheck im Seilquadrat. Dass er sich für Olympia qualifizieren wird, steht für Tiafack außer Frage. Ob er der große »Hoffnungsträger« des Verbandes ist, steht auf einem anderen Blatt. Aber: »Ich will immer einen Schritt weiterkommen, nie unterhalb früherer Ergebnisse bleiben«, betont er mit fester Stimme. Und das heißt für Olympia? »Eine Medaille.« Klingt ambitioniert, ist aber durchaus realistisch. »Nelvie hat sich ans internationale Topniveau herangeboxt«, sagt Dickert. Mit potentiellen Gegnern befasst sich Tiafack im Vorfeld der Quali wenig. Das bringe auch nichts. »Du weißt erst vor Ort nach dem Wiegen und der Auslosung, auf wen du treffen wirst«, meint er gelassen.

Welche Ziele hat der DBV bei Olympia? »Einmal, besser zweimal Edelmetall«, so Müller. Aber zunächst müssen sich die Boxer in London durchsetzen, auch gegen Favoriten, wie Trainer Dickert sagt. Es gehe darum, »den einen und anderen beiseite zu räumen«. Sportlich, versteht sich.

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