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Aus: Ausgabe vom 28.02.2020, Seite 15 / Feminismus
Gleichstellungsreport

Plädoyer für kurze Vollzeit

Gleichstellungsstudie: Hans-Böckler-Stiftung empfiehlt Ende der »Überstundenkultur«, um Vereinbarkeit von Familie und Erwerbsarbeit zu verbessern
Von Claudia Wangerin
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Schleppende Fortschritte: Demonstration am »Equal Pay Day« 2014 in Berlin

Die berufliche, wirtschaftliche und soziale Situation von Frauen ist in der Bundesrepublik im Durchschnitt weiterhin schlechter als die von Männern. Zu diesem wenig überraschenden Schluss kam das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung, das am Mittwoch einen Report über Fortschritte beziehungsweise Stagnation in Sachen Gleichstellung vorgelegt hat.

Die Auswertung aktueller Daten anhand von 29 Indikatoren zeige einerseits: »Bei schulischer und beruflicher Qualifikation haben Frauen weitgehend mit den Männern gleichgezogen. Die Erwerbsbeteiligung von Frauen liegt aktuell um knapp acht Prozentpunkte niedriger – vor knapp 30 Jahren war die Differenz noch fast dreimal so groß«, erklärte die Stiftung zu der Publikation im Vorfeld des Internationalen Frauentags am 8. März. Ein wesentlicher Grund für fortbestehende Unterschiede sei die ungleiche Aufteilung der unbezahlten sogenannten Sorgearbeit, etwa bei familiärer Kinderbetreuung, der Pflege von Angehörigen oder im Haushalt. »Bei Frauen macht unbezahlte Arbeit nach den neuesten verfügbaren Zahlen 45 Prozent an der Gesamtarbeitszeit aus. Bei Männern sind es hingegen nur 28 Prozent, auch wenn Männer zum Beispiel bei der Pflege langsam mehr Aufgaben übernehmen.«

Um Familie und Erwerbsarbeit unter einen Hut zu bringen, arbeiteten Frauen gut viermal so häufig in Teilzeit wie Männer – zu nämlich zu 46 Prozent gegenüber gut elf Prozent im Jahr 2018. Von den Beschäftigten, die ausschließlich einen Minijob hätten, seien 62 Prozent weiblich. Dieses Ungleichgewicht trage auch wegen geringerer Karrieremöglichkeiten dazu bei, »dass der durchschnittliche Stundenlohn von Frauen knapp 21 Prozent unter dem von Männern liegt«.

Eine weitere Ursache für den »Gender Pay Gap«, die Einkommenslücke zwischen den Geschlechtern, seien »sehr stabile geschlechtsspezifische Präferenzen bei der Berufswahl«, verbunden damit, dass »typisch weibliche« Berufe, etwa im Pflege- und Gesundheitsbereich, meist schlechter bezahlt würden als technische Berufe, in denen Männer dominieren. So verdienten 25 Prozent der weiblichen Beschäftigten mit Vollzeitstelle weniger als 2.000 Euro brutto im Monat – bei den Männern seien dies 14 Prozent.

Der gesetzliche Mindestlohn habe dazu beigetragen, dass der Abstand bei den Entgelten in den letzten Jahren immerhin »etwas kleiner« geworden sei. Im Jahr 2009 hatten Frauen pro Erwerbsarbeitsstunde im Durchschnitt noch 23 Prozent weniger verdient. Deutlich größer ist erwartungsgemäß die Lücke beim Alterseinkommen, das bei Frauen im Durchschnitt um 53 Prozent unter dem der Männer liegt – gesetzliche Rente, betriebliche und private Alterssicherung zusammengerechnet. Auch das ist immerhin ein Fortschritt im Vergleich zu 1990, als der »Gender Pension Gap« noch bei 69 Prozent gelegen hatte: »Diese Entwicklung zeigt beispielhaft: Der Rückstand der Frauen wird in wichtigen Bereichen kleiner«, erklärte am Mittwoch die WSI-Forscherin Dr. Karin Schulze Buschoff, die die Studie zusammen mit Dr. Yvonne Lott vom WSI sowie Svenja Pfahl und Dietmar Hobler vom Berliner Forschungs- und Beratungsinstitut Sowitra erstellt hat. Zum Leben reicht es dennoch für viele Seniorinnen nicht. Fortschritte in Sachen Gleichstellung würden meist nur langsam erreicht. Schneller voran gehe es, wenn die Politik mit Investitionen beziehungsweise verbindlichen Regeln für Dynamik sorge, so die Wissenschaftlerinnen und der Wissenschaftler. Das gelte etwa für die Ganztagesbetreuung von Kindern, wo sich die Quote bei drei- bis sechsjährigen zwischen 2007 und 2017 knapp verdoppelt und bei Kindern unter drei Jahren sogar fast verdreifacht habe – »freilich ohne den noch deutlich höheren Betreuungsbedarf von Eltern bislang abdecken zu können«.

»Verpflichtende Vorgaben für Geschlechteranteile in Vorständen« sind nach Analyse der Forscherinnen und des Forschers ebenso nötig wie ein erweiterter Geltungsbereich der Geschlechterquote in Aufsichtsräten. Neben Empfehlungen, die einer überschaubaren Anzahl von Karrierefrauen nützen, spricht das Forscherteam aber auch solche aus, die geeignet sind, um »die Gleichstellung von Frauen und Männern auf breiter Linie wirksam zu fördern«. Darunter sowohl »stärkere Anreize für Männer, Sorgearbeit zu übernehmen, etwa durch eine schrittweise Erweiterung der Partnermonate im Elterngeld auf sechs Monate« als auch duch »finanzielle Aufwertung von frauendominierten Berufen im Sozial-, Erziehungs- und Gesundheitsbereich, um diese für beide Geschlechter attraktiver zu machen«.

Der wichtigste Punkt zur Vermeidung des Burnout-Syndroms, das die Weltgesundheitsorganisation 2019 erstmals als Krankheit definiert hat, ist aber der Vorschlag, Arbeitsplätze »in kurzer Vollzeit« zu schaffen und sich von der »Überstundenkultur« abzuwenden. Voraussetzungen dafür seien eine ausreichende Personalbemessung, verbindliche Vertretungsregelungen und Beförderungskriterien, die sich nicht an der Präsenz am Arbeitsplatz beziehungsweise Überstunden orientieren, so das Forscherteam.

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