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Aus: Ausgabe vom 28.02.2020, Seite 2 / Inland
Castortransporte in der BRD

»Werden an Bahngleisen aktiv, soviel steht fest«

Bündnis plant Proteste gegen Castortransporte vom englischen Sellafield nach Biblis in Hessen. Ein Gespräch mit Irene Berger*
Interview: Henning von Stoltzenberg
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Neue Castortransporte werden im März erwartet – Proteste auch (Anti-AKW-Aktion, Grohnde, 2.2.2020)

Anfang Februar fanden in verschiedenen Städten Proteste gegen bevorstehende Castortransporte in die BRD statt. Wann genau soll der Atommüll zurück nach Deutschland gebracht werden?

Die Genehmigung für den ersten Castortransport wurde kürzlich erteilt und gilt ab dem 1. März. Es ist also wahrscheinlich, dass die Castorbehälter mit hochradioaktivem Inhalt im März erst von der sogenannten Wiederaufbereitungsanlage in Sellafield mit dem Schiff zu einem deutschen Hafen – vermutlich Nordenham – gefahren werden und von dort per Bahn weiter nach Biblis in Hessen zum dortigen AKW. Atommüll aus den hiesigen AKW wurde vor etwa 15 Jahren auch nach La Hague und Sellafield gebracht. Auch damals schon blockierten wir die Transporte.

Warum kommen die hochradioaktiven Abfälle wieder zurück?

Nun wird behauptet, es sei »deutscher« Müll und »unsere« Verantwortung, sich darum zu kümmern. Aber sind es nicht die Betreiber, die den Müll produzierten? Konzernmüll wird so zu einem gesamtgesellschaftlichen Verantwortungsproblem umdeklariert. Es bringt nichts, Atommüll von hier nach dort zu verschieben, das schafft nur zusätzliche Gefahren. Die Verantwortlichen wollen damit den Eindruck erwecken, sie täten etwas. Aber es muss endlich aufgehört werden, im Uranabbau, in AKW, Urananreicherungsanlagen, Brennelementefabriken und Plutoniumfabriken neuen Atommüll zu produzieren! Sichere Lagerung von Atommüll kann und wird es nämlich nicht geben.

Sie sprechen von »einer Rückkehr der Debatte um Laufzeitverlängerungen unter dem Deckmantel des Klimaschutzes«. Was meinen Sie damit?

Aktuell gibt es immer wieder Stimmen, wonach die AKW doch länger laufen sollten. Begründet wird dies heute damit, AKW würden weniger CO2 produzieren als Kohlekraftwerke. Damit soll eine Laufzeitverlängerung politisch und gesellschaftlich durchsetzbar werden. Die Begründungen ändern sich, das Interesse bleibt das gleiche: Die AKW so lange wie möglich zu betreiben – bei einem geschätzten Reingewinn von einer Million Euro am Tag ist das keine Überraschung. Ich halte es für absolut unverantwortlich, eine hochriskante »Dinosauriertechnologie« durch eine andere zu ersetzen. AKW brauchen mehrere Tage zum Rauf- und Runterfahren, sind als Ergänzung zur Nutzung erneuerbarer Energieträger völlig ungeeignet. Außerdem sind der Abbau des Urans und die Transporte alles andere als CO2-neutral. Es geht den Konzernbossen im wesentlichen darum, eine Energiewende zu verhindern und dabei Macht und Profit bei den alten Energieriesen wie RWE und EON zu lassen. Dies wäre nämlich durch eine Dezentralisierung der Energieversorgung gefährdet.

Inwieweit sind Sie mit weiteren Umweltorganisationen und Klimagruppen vernetzt?

Wir sind mit verschiedenen Gruppen vernetzt, beispielsweise arbeiten auch »Ende Gelände« und einige andere Klimagerechtigkeitsgruppen im Bündnis gegen den Castor mit. Viele von uns sind darüber hinaus auch im Widerstand gegen Kohlekraftwerke, Kreuzfahrtschiffe oder den Autoverkehr unterwegs, da ergibt sich die Zusammenarbeit fast automatisch. Und letztendlich wollen wir gemeinsam eine Gesellschaft, in der Energie dezentral, erneuerbar und vergesellschaftet »erzeugt« wird. Und wir müssen natürlich den Kapitalismus überwinden, um unsere Natur zu erhalten. Darüber hinaus müssen wir mit eigenen Alternativen dem gesellschaftlichen Rechtsruck entgegenwirken – für eine lebenswerte Welt.

Was ist im Vorfeld und während der Castortransporte geplant?

Gegen den Castor hat sich ein breites Bündnis gegründet, auch, um eine Diskussion über Laufzeitverlängerungen direkt zu verhindern. Mit dabei sind lokale Initiativen, aber auch größere Zusammenschlüsse wie die »AG Schacht Konrad« oder eben »Ende Gelände«, die sonst vor allem Kohlekraftwerke im Fokus haben. Da der Castortransport bald ansteht, konzentrieren wir uns jetzt vor allem darauf, zum »Tag X« zu mobilisieren und Protest vor Ort zu organisieren. Wir haben eine Art Alarmliste, und spätestens, wenn es losgeht, werden Anlaufpunkte veröffentlicht, so dass Menschen auch spontan kommen können. Wir werden entlang der Bahngleise aktiv werden, soviel steht fest.

Irene Berger* ist Sprecherin des Bündnisses »Castor stoppen!«

Infos: www.castor-stoppen.de

* Irene Berger ist ein Pseudonym, der richtige Name ist der Redaktion bekannt.

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