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Aus: Ausgabe vom 26.02.2020, Seite 12 / Thema
Unterwegs im Osten (Teil 5)

Abgewickelt, aussortiert

Das zum VEB Robotron gehörige Büromaschinenwerk »Ernst Thälmann« in Sömmerda zählte zu den größten Unternehmen Thüringens. Dann kam die Treuhand
Von Burga Kalinowski
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Der letzte macht das Licht aus. Ein Arbeiter der Robotron-Büromaschinenwerke AG in Sömmerda (20.9.1990)

Das Jahr 2019. Deutschland und seine Daten: 1949 Gründung der DDR, 1989 »Wende« und Ende. Eine dritte Jahreszahl muss immer mitgedacht werden: 1939, der Überfall auf Polen, Zweiter Weltkrieg, Holocaust. Will man die historische Beziehungskette vollständig, gehört auch 1919 dazu: das Jahr der verratenen Novemberrevolution. Das ganze 20. Jahrhundert trägt Narben aus Zeiten der Verbrechen und Verluste, Elend, Tod und Schmerz. Und Hoffnungen. Jede Zahl führt ins Heute. Auf der Suche nach der gewesenen Zeit: 70 Jahre, 30 Jahre. Was bleibt, was verändert das Leben, was vergisst man nie? Letzter Teil unserer Serie über den Osten. (jW)

Im November musste ich passen und der Redaktion sagen, dass dieser Teil von »Unterwegs im Osten« über Robotron in Sömmerda nicht kommt. Ein Krankheitsfall in der Familie. Gut, sagte der zuständige Redakteur, dann mach es später. Drei Monate ist das her. Inzwischen ist einiges passiert in Thüringen. Bei meiner Recherche im Spätsommer war die Welt dort zwar auch nicht in Ordnung, längst schon schwer AfD-verseucht, wie die Landtagswahlen im Oktober 2019 zeigen sollten, aber noch gab es keinen Handschlag zwischen der sogenannten bürgerlichen Mitte und dem Faschisten Björn Höcke sowie seiner Gefolgschaft. Die wurden nun dank CDU und FDP zu Königsmachern des östlichen Bundeslandes und verhinderten vorerst einen Ministerpräsidenten aus den Reihen der Partei Die Linke. Wegen der existierenden Unvereinbarkeitsbeschlüsse und der Abgrenzung nach links, heißt es und klingt wie 50er-Jahre-Programmatik. Oder nach den 60ern oder 70ern. Jedenfalls nach der Zeit, in der ehemalige KZ-Häftlinge im Westen keine Wiedergutmachung erhielten, wenn sie Kommunisten waren, in der stramme Nazis in der bürgerlichen Mitte nicht nur ein gemütliches Plätzchen fanden, sondern als CDU-Mitglieder in Regierungsämter aufstiegen und in Verwaltung und Behörden braune Spuren legten, die bis heute nachwirken. Es waren jene Zeiten, in denen der jüdische Staatsanwalt Fritz Bauer aus Frankfurt sagte: »Wenn ich mein Dienstzimmer verlasse, betrete ich feindliches Ausland«. Jahre, in denen die kommunistische Partei in Westdeutschland verboten, die NPD zugelassen, die DDR nicht anerkannt und nachträglich als Strafe für ihre pure Existenz am 31. August 1990 mit dem Einigungsvertrag über den Tisch gezogen wurde – aber so richtig. So war das eben. Kalter Krieg. Und der hat nach 1990 keineswegs aufgehört.

Abgrenzung nach links

Seit ein paar Wochen also die Neuauflage im Thüringer Landtag. Es war nur eine Frage der Zeit – und es wurde Zeit, dass das sichtbar wurde. Das Abstimmungsverhalten bei der Wahl des Ministerpräsidenten am 5. Februar markiert die Frontlinie: Keine Zusammenarbeit mit diesen Kommunisten! Die im übrigen keine sind. Egal, da sei der Höcke vor oder so was ähnliches. Nicht, dass mit »Rot-rot-grün« unter Bodo Ramelow sozialistische Politik in Thüringen Einzug gehalten hätte – das glaubt doch keiner. Es stimmt schon, was SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil in einer Talkshow über Ramelow sagte: Der könnte auch gut bei uns sein. Doch allein der Gedanke an eine mögliche antikapitalistische Politik treiben CDU und FDP – je nach Ausgangslage auch SPD und die Kretschmann-Grünen – auf die Barrikaden. Da kann man Verstärkung gut brauchen und nimmt aus politischer Verwandtschaft und Bekanntschaft, was sich bietet: Personal aus der guten alten Zeit und neue frische, machtgeile Kämpfer oder smarte Anwälte und Gern-zu-ihren-Diensten-Mittelständler. Das Ganze präsentiert sich als bürgerliche Mitte. Ob Anmaßung oder Dümmlichkeit – sie können nicht anders: Wir schützen unseren kapitalistischen Markenkern, könnte ihre Losung heißen. Und so sitzen sie über Demokratie und Werte plappernd in der Falle des Parteiensystems: Abgrenzung nach links. Hauptargument: Die nehmen’s von den Reichen. Das ist ganz böse. Dann lieber die Augen rechts! Und irgendwann Marsch. Bis dahin Kreide fressen.

Gleichgültig, wer noch alles zurück- oder antritt oder sich eine neue Finte ausdenkt: In Thüringen geht es weiter mit Kungelei und Wählerverarschung. Das allerneueste heißt historischer Kompromiss, soll Ramelow endlich ins Amt bringen und der CDU im Gegenzug Zeit zum Aufpäppeln geben.

In Thüringen hat man also zu tun und auch auf Bundesebene rappelt es: Dort werkelt man an einer CDU-Sonderausgabe der Selbstfindung. Ein Sonderparteitag wurde ausgerufen. Vier Glamourboys aus NRW sind gerade im Kandidatencasting für die künftige Partei-und Staatsführung. Von wem wird man später sagen können, das ist er, der Mann, der nach der Mutti kam? Was soll man dem Land nun wünschen?

Was muss man aus dem Landtag in Erfurt nun noch befürchten? Der normale Bürger jedenfalls hat genug. »Als Thüringer muss man sich schämen. Charakterlose Menschen! Für Macht und Karriere machen die alles.« Reinhard Müller, einer meiner Gesprächspartner aus Sömmerda, reagiert empört. Eigentlich ist Müller ein ruhiger Mann, aber das ist zuviel: »Zur Wahl sollen wir gehen, dann Schnauze halten und vergessen. Aber das Volk ist damit nicht einverstanden.« Das konnte man sehen bei der großen Demo am 15. Februar auf dem Domplatz in Erfurt. Müllers sind extra hin gefahren. Für »Kein Pakt mit Faschisten – nirgends und nirgendwo!« versammelten sich Tausende Menschen und zeigten Flagge gegen die AfD und deren Schmierentheater, gegen den Missbrauch demokratischer Regeln durch CDU- und FDP-Politiker. »Dafür kriegen die noch ihre Quittung«, meint Müller. Doch nach schnellen Neuwahlen sieht es nicht aus. An denen hat die CDU kein Interesse. Klar, mit aktuellen Umfragewerten von circa 13 Prozent lässt sich kein Blumentopf gewinnen und kein eigener Ministerpräsident. Hektisch werden alle Register gezogen, um Neuwahlen zu verschieben. Am besten auf den Sankt-Nimmerleinstag – als könnte sie das retten. So schnell vergessen die Leute nun auch nicht. Aber Hilfe naht. Superman Ramelow zauberte den historischen Kompromiss aus dem Ärmel: Er stellt sich am 4. März 2020 erneut im Landtag zur Wahl – und Neuwahlen finden erst in 13 Monaten statt. Soviel Rücksichtnahme auf die Oppositionspartei CDU muss sein, gelle.

Erwin Pomrehn, auch er aus Sömmerda, erzählt vom Anruf seines Sohnes, der in Kanada lebt. »Da lachen sie über Thüringen. Eigentlich ist es traurig.« Andererseits wundert er sich nicht: »Kein Anstand. Das ist die Arroganz der Macht. Abgrenzung nach links ist son Ding von der West-CDU, die bestimmt, wer in den demokratischen Himmel kommt.« Nichts begriffen nach 30 Jahren. Weit weg von der Wirklichkeit. Das wird so sein, solange die DDR immer noch als Ochsenziemer benutzt wird, um Politiker und vor allem Bürger zur Durchsetzung von Partei- und Karriereinteressen vor sich her zu treiben. Es ist peinlich in der manipulativen Schlichtheit und besorgniserregend als Symptom intellektueller Magersucht.

Sömmerdaer Chronik

Pomrehn arbeitete früher wie Reinhard Müller auch bei Robotron in Sömmerda. Bei der Recherche zur Geschichte des Betriebs stieß ich im vergangenen Jahr im Internet auf eine Seite über das Büromaschinenwerk »Ernst Thälmann« Sömmerda. Sie trägt den Titel »Onkel Toms Hütte«. Merkwürdig. Ein DDR-Betrieb und der Titel des 1852 erschienenen Romans von Harriet Beecher Stowe über das Leben afroamerikanischer Sklaven in den USA – wie geht das zusammen? Als Kontakt gibt es eine Nummer in Bayern. Anruf und ein erstes Gespräch mit Thomas Steinhäußer, der die Website eingerichtet hat.

Am Telefon erzählt der gebürtige Thüringer die Geschichte dazu. Zu den vielen Büchern seiner DDR-Kindheit gehörten Mark Twains Geschichten über Tom Sawyer und Huckleberry Finn und eben auch »Onkel Toms Hütte«. Der Name gefiel dem Informatiker, und so kommt es, dass man darunter fast alles über Robotron in Sömmerda erfährt. Eine Industriegeschichte, die auch zur Familiengeschichte der Steinhäußers gehört. Nicht die einzige in Sömmerda und Umgebung.

Es war die Idee seines Vaters Fritz, die Chronik des Betriebes zu schreiben, erklärt mir Thomas Steinhäußer. Es hätte mit der Wende zu tun. »Aus tiefstem Herzen wollte er diese Gesellschaft. Auf den Schock hat er mit Arbeit reagiert. Die DDR war sein Land – die Chronik seine Art, sich mit diesem Bruch auseinanderzusetzen. Er hat nie gedacht, dass es so kommt. Er hat es nicht gewollt.« 1990 verlässt Fritz Steinhäußer das Werk und geht in Rente. Er hat bei Rheinmetall eine Kaufmannslehre gemacht, nach dem Krieg an den Maschinen gearbeitet, hat studiert, war wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Forschung.

Das Büromaschinenwerk Sömmerda, früher Rheinmetall, gehörte ab dem 1. Januar 1978 zum Kombinat VEB Robotron. Das Kombinat mit seinen Zweigbetrieben war der größte Computerhersteller der DDR und einer der bedeutendsten Produzenten von Informationstechnologie im sozialistischen Lager. Im Jahr 1989 beschäftigte das Kombinat DDR-weit 68.000 Mitarbeiter, der Umsatz lag bei 12,8 Milliarden Mark der DDR. Stammbetrieb war der VEB Robotron-Elektronik Dresden.

Wer von der digitalen Revolution in der DDR spricht, kommt an Robotron nicht vorbei. Schon in den 1950er Jahren begründete eine kleine Gruppe von Ingenieuren und Technikern die Informatik in der DDR. In den 1960er Jahren erfolgte die Ablösung der Elektromechanik durch die Elektronik. Der entsprechende Regierungsbeschluss zur »Entwicklung und Einführung der elektronischen Datenverarbeitung in der DDR« wurde 1964 erlassen. Eine wissenschaftlich-technische Herausforderung. Sie veränderte Strukturen, erforderte neue Denk- und Arbeitsweisen, wurde für Planwirtschaft und Politik ein ständiges Problem und blieb es bis zum Ende der DDR. In diesen Jahren schließen Reinhard Müller, Erwin Pomrehn und Uwe Straubel ihre Lehre ab und erleben den wissenschaftlichen und technischen Entwicklungsschub aus der Nähe.

Im Produktionsprofil des Werkes Sömmerda dominieren elektronische Abrechnungsautomaten, daneben Tischrechner, Schreibtechnik und Zusatzgeräte für die elektronische Datenverarbeitungsanlage »Robotron 300«.

Mikroelektronik wird zur Schlüsseltechnologie. Sie soll leistungsfähige Mikrochips für die Computerproduktion bei Robotron liefern. »Solange man den Chip nicht kaufen konnte, musste man selber bauen«, erklärt Thomas Steinhäußer. Chips standen auf der westlichen Embargoliste für den gesamten Ostblock. Also Eigenbau. So kam es 1988 zum Ein-Megabit-Chip. Seine Entwicklung war eine große Leistung der DDR-Wissenschaftler, aber an eine Massenproduktion war nicht mehr zu denken. Es ist fast ein Symbol: Viel gewollt, eine Menge erreicht, es am Ende aber nicht geschafft.

Im Blick zurück war es für die Beteiligten dennoch eine Zeit des Aufbruchs. Pomrehn, Straubel und Müller arbeiten in der Abteilung Technologie, heute Arbeitsvorbereitung. »Wir hatten gut zu tun, und wir hatten viel Freiheit bei der Zusammenarbeit mit den Konstrukteuren, die wir weiße Wolke nannten wegen ihrer Kittel und ihrer Sonderstellung. Die konnten kommen und gehen, wie sie wollten. Hauptsache, sie machten ihre Arbeit: neue Geräte entwickeln. Es waren die Anfänge der Elektronik«, erinnert sich Müller. »Wir waren junge Kollegen, die Arbeit interessierte uns, wir spielten gemeinsam Volleyball – und aus Sportsfreunden sind Freunde geworden. 45 Jahre schon.«

Das ganze Leben haben sie bei Robotron gearbeitet – bis ihnen ihre Arbeit genommen wurde. Dafür kam die Freiheit unter Fahnen und Fähnchen aller möglichen Parteien. Nun hatten sie formal die Wahl und eigentlich keine. Ich frage mich, was wohl passiert wäre oder passieren würde, wenn auf Wahlzetteln solche Sachen stünden wie: sichere Arbeitsplätze, bezahlbare Wohnungen, kostenlose Sport-und Kulturmöglichkeiten, keine Kinderarmut, Vergesellschaftung des Bodens und natürlich herkömmliche Freiheiten. Leider kommt das alles nie zusammen.

Kein Traumland

Kam es auch nicht in der DDR. Keiner meiner Gesprächspartner beschreibt die DDR als ihr Traumland. Sie erzählen von Problemen im Betrieb oder vom Ärger im Alltag. Uwe Straubel zum Beispiel hat sich stets geärgert, wenn die Produktion ins Stocken und der Plan ins Wanken kam, weil die Betriebskampfgruppe mal wieder eine Übung angesetzt hatte, und die Leute fehlten dann bei der Arbeit. Müller weiß noch sehr genau, »unsere monatlichen Parteiversammlungen waren reine Produktionsberatungen: Materialfragen, Zulieferprobleme, Stückzahlen, Arbeitskräftemangel. Am Ende des Monats ging es immer rund um die Uhr.«

Erwin Pomrehn hatte Zoff mit dem Innenministerium. Hartnäckig und ergebnislos schrieb er Eingaben an den Minister, es mögen doch fürs Grenzgebiet die Besucherregelungen vereinfacht werden. Er wohnte in einem Grenzort, da konnte niemand schnell mal vorbeikommen. »Das hat mich geärgert«, sagt er. In den vom Minister unterschriebenen Antwortbriefen habe immer gestanden: Die politische Lage lässt Änderungen nicht zu. Das hat ihn erst recht geärgert. 1989 war das alles kein Thema mehr. Insgesamt habe er aber vorrangig gute Erinnerung an das DDR-Leben. Er wolle nicht übertreiben, sagt er, doch von heute aus betrachtet, ging es meistens um Sinn und Effekt der Arbeit, natürlich auch um die persönliche Lohntüte, um Anerkennung der Leistung, um den Mehrwert für alle. Reich wurde da keiner, zufrieden viele.

Manche Sachen geraten auch in Vergessenheit. Wer erinnert sich schon an die Einweihung des Betriebssportzentrums 1968 an der Bahnstrecke nach Kölleda. Über 2.000 Mitglieder betrieben dort in 19 Sektionen Sport. Jeder konnte umsonst rein, großzügige Förderung war selbstverständlich, ebenso wie der Stolz des gesamten Betriebs auf seine Olympiasieger und Weltmeister, die dort trainierten: auf die Rudererin Bianka Schwede, die im Kombinat als Sekretärin arbeitete, oder auf den Fußballspieler Hartmut Schade, der mit der DDR-Mannschaft 1976 die Goldmedaille holte und im Endspiel gegen Polen das erste Tor schoss.

Wer weiß noch, dass Sömmerda zwölf Kinderkrippen und Kindergärten hatte. Und: »Frauenförderungspläne«!!! Uwe Straubel sagt das mit mehreren Ausrufezeichen. Es klingt amüsiert und anerkennend wie: Was die alles fürn Zeug gemacht haben! Keine Quoten – einfach nur Bedingungen geschaffen, damit Frauen Lust und Mut bekamen auf Qualifizierungskurse an der Betriebsakademie, auf ein Ingenieurshochschulstudium, auf Karriere nicht trotz, sondern mit Familie. Natürlich gab es auch eine Sparkasse, eine Poliklinik und einen Zahnarzt auf dem Werksgelände. »Eigentlich hatte jeder größere Produktionsbereich eine Arztpraxis. War vernünftig und sparte im Notfall Zeit«. Praktisch für die Leute, stellt Straubel fest.

Ob vergessene Selbstverständlichkeiten, ob kleine Geschichten oder große Ereignisse – im Erinnern wird DDR-Alltag sichtbar und vielfarbig. Das, was wichtig war und in der Geschichte bleibt, in der großen und in der persönlichen.

Keine Knechte mehr

»Meine Eltern sind nach dem Krieg als Umsiedler in den Südharz gekommen. Sie waren arme Schlucker, dann kam die Bodenreform, und sie hatten ein Stück Land. Als sie in die LPG gegangen sind, haben sie Lohn gekriegt für ihre Arbeit. Sie waren keine Knechte mehr und wurden nicht geduckt. 1956 haben sie sich ein Haus gebaut, für 17.000 DDR-Mark. Darauf waren sie stolz. Sie waren keine Sozialisten, aber sehr zufrieden mit ihrem DDR-Leben.« Erwin Pomrehn war sechs Jahre alt, als die Familie ihr Haus bezog. Es ist ein besonderes Ereignis gewesen und eine wichtige Erinnerung geworden – Bezugspunkt für das Leben der Familie und eine Geschichte zum Nachdenken. »Ich habe die Bodenreform ungeheuer gut gefunden. Junker und Gutsbesitzer hatten den Krieg mitfinanziert, von Verbrechen und Gewalt profitiert. Für mich bleibt die Enteignung eine gerechte Sache.« Er sagt es sehr entschieden. Mit dieser Sicht hätte Erwin Pomrehn – wäre er in der CDU – schlechte Karten und fiele in die Schublade »Unvereinbarkeit«. Die gleiche Doktrin, die die Thüringer Regierung zur Zeit lahmlegt, schließt ihn, seine Lebensgeschichte und seine Erfahrungen aus dem Kreis der wahren Demokraten aus.

Reinhard Müller, 1949 geboren, wächst im Kyffhäuserkreis auf, lernt nach der zehnklassigen Polytechnischen Oberschule Werkzeugmacher in Sömmerda. Die Lehrstellen waren begehrt. Es gab zwei Klassen hauptsächlich mit Jungs, aber auch Mädchen waren schon dabei. Nach Armeezeit und einem ersten Fachstudium arbeitet er im Betriebsteil Drucktechnik. Das Büromaschinenwerk war der größte Hersteller von Druckern in der DDR und einer der größten in Europa. Exporte gingen in alle Himmelsrichtungen. »Quelle war auch Kunde bei uns und wollte günstig kaufen.« Anfangs, erinnert sich Reinhard Müller, »hinkten wir etwas hinterher und mussten aufholen. Das war spannend und wirklich eine Herausforderung für Intelligenz, Fachwissen, Kreativität. Mir machte die Arbeit Spaß, weil wir mitreden und eingreifen konnten und zum Beispiel auch in Nestfertigung statt am Band produzierten.« Leider wäre das später wieder eingeschlafen. Neulich habe er Aufnahmen von der Bandproduktion im Daimler-Motorenwerk bei Kölleda gesehen. »Die Arbeiter saßen da wie dressierte Affen.« Moderne Ausbeutung. Zumindest haben sie Arbeit. Noch. Die Daimler AG hat angekündigt, weltweit Personal »abzubauen«, um Kosten zu sparen – ein verlogenes Wort für rausschmeißen.

Eine Erfahrung, die am Ende alle Mitarbeiter bei Robotron gemacht haben. »Ich war dabei bis zum bitteren Ende. Nach der Währungsunion wurde unser Werk von der Treuhand privatisiert und prompt kam die Liquidation.« Am 1. Januar 1992 war der VEB Robotron Sömmerda erledigt. Es standen 13.000 Leute auf der Straße. Viele haben bis heute nicht wieder Fuß gefasst.

Volkseigen

Notwendige Erklärung: VEB bedeutet Volkseigener Betrieb. Im Alltag kommt der Begriff heute nicht mehr vor, in Schulen oder im Zuge der Geschichts»aufarbeitung« nur als politisches Pfuiwort. Volkseigene Betriebe entstanden als Ergebnis politischer, sozialer und sozialistischer Umgestaltung nach dem Zweiten Weltkrieg in der SBZ, Sowjetische Besatzungszone. 1949 im Oktober entstand aus ihr die DDR. Sie war der im Mai 1949 proklamierten Bundesrepublik ein Dorn im Auge. Sie ist es nach allem, was man so hören und lesen kann im Jahr der Jubiläen, immer noch – eine Brutstätte von Gerechtigkeitsvorstellungen und Wünschen nach Gleichheit, Solidarität, Selbstbestimmung. Die Enteignung des Kapitals, die Vergesellschaftung der Produktionsbetriebe gehören dazu. Das war die gesellschaftspolitische Hauptleistung der DDR – und gemeint ist nicht der kleine Bäckerladen an der Ecke. Die Volkseigenen Betriebe bildeten das ökonomische, soziale und politische Rückgrat der DDR, wirtschafteten mal mehr, mal weniger gut, machten Miese, litten unter bürokratisierter Planung, investierten Millionen in betriebliche Bildungs-, Sport-, Kultur- und Kindereinrichtungen, manche Produkte made in GDR schafften es auch auf den Weltmarkt. 41 Jahre lang waren Grund und Boden, Betriebe und Humankapital der Verwertung und privaten Profitmaximierung entzogen. 1990 war Schluss damit. VEB und ähnliches wurden auf verschiedenen Wegen ganz schnell abgeschafft, als die parlamentarische Demokratie 1990 mit Tschingderassabum in den Osten einzog – im Gefolge die Lobbyisten von Konzernen, Banken und Immobilienfirmen einschließlich passender Politiker.

Die sorgten unter anderem dafür, dass die Geschäfte juristisch unanfechtbar über die Bühne gingen. Rechtsstaatlich wurde das genannt. Wer wagt noch zu meckern, wenn es doch »rechtsstaatlich« zuging. Also bitte! Historisch einmalig war der Gewinn. Für die komplexe Vernichtung einer Volkswirtschaft per Reprivatisierung geriet ein neues Wort in Mode: Abgewickelt. Es kaschiert Habgier, Brutalität und Rücksichtslosigkeit. Kapitalismus eben. Auch bei Robotron ging es ruckzuck. Am 1. Juni 1990 wurde die Aktiengesellschaft »Robotron Maschinenwerk Sömmerda« gebildet. Die Treuhand übernahm.

Als Reinhard Müller hörte, dass Berater von McKinsey kämen, wusste er, was abgeht. Er hat noch das Bild vor Augen: Betriebsversammlung vor dem Betriebsgebäude. Der Treuhandmann erzählt was von Chancen. Man müsste nur die Ärmel hochkrempeln und umdenken. »Der wusste nicht mal, was wir gemacht haben! Eure Produkte werden nicht gebraucht, sagte der! Was wir gemacht haben, wurde in die Tonne getreten! Von heute auf morgen wertlos.«

Uwe Straubel war irgendwie zwiegespalten – einerseits neugierig, andererseits fühlte er sich hilflos. Ja, so könnte man es sagen: Aufbruch und Angst – wie geht es jetzt weiter.

Erwin Pomrehn erzählt eine kuriose Geschichte. »Ich bin Aktivist der letzten Stunde. 1991, als die das Werk zugemacht haben, wurde ich ausgezeichnet. Ausgerechnet! Das ist so wie ›Der letzte macht das Licht aus‹ – das war schwer. Für alle.« Die Kündigung kam am gleichen Tag. Es hat gedauert, bis er mit der »Wende« zurechtgekommen ist. Für ihn und seine Frau kamen keine guten Zeiten, obwohl es manchmal so ausgesehen hat. Heute geht es ihm und seiner Familie gut. Er hat eine kleine Tannenbaumplantage am Rande des Dorfes.

Thomas Steinhäußer kündigt zum 1. Oktober 1990 seine Tätigkeit beim Ministerium für Staatssicherheit, Hauptabteilung 3, funktechnische Aufklärung in Gosen und geht nach Sömmerda. Mit Unterstützung seines Vaters bekommt er Arbeit im Werk. Im November 1991 wird ihm wie allen anderen Arbeitern und Angestellten in Sömmerda gekündigt. Er wird noch viele Bewerbungen schreiben, schließlich in Bayern Arbeit finden und sein zweites Zuhause. Am Ende unseres Gesprächs kenne ich ein bisschen den Lebenslauf von Thomas Steinhäuser: Elternhaus, Schule, Freunde, Sport und Physikstudium, Stasi für kurze Zeit. »Doch, können Sie schreiben. Das ist nur in den neuen Bundesländern ein Aufreger. Hier in Bayern interessiert das nicht.«

Bilanz

Wochen danach fahre ich nach Sömmerda und lerne seine Freunde und Kollegen kennen: Reinhard, Erwin, Uwe. Kaffee und Kuchen im Garten von Müller. Ja, sagen sie, der Thomas – ein feiner Kerl, guter Sportler, im Dreisprung war er Spitze, auch international. Ohne Doping.

Die Themen wechseln – schnell sind wir im Damals und gleich wieder im Heute. Reden über die DDR dreißig Jahre nach ihrem Ende. Die Erinnerung geht zurück zu den Anfängen.

Bilanz ist allgemein eine nach bestimmten Kriterien gegliederte, summarische Gegenüberstellung von Wertkategorien. Seit dreißig Jahren leben wir nun in Zeiten der Bilanzen – der individuellen und der historischen. Für manche ist es ein Dickicht aus miteinander verwachsenen Erfahrungen. Andere vergleichen: Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen. Keine Bilanz ohne Verluste. Besonders wenn ein Land untergeht. Von Ausgleich kann keine Rede sein. Stets die Frage: Was steht unterm Strich?

Zu Weihnachten verkauft Erwin Pomrehn Weihnachtsbäume. »Eine schöne Sache«, sagt er. Er ist mit seinem Leben zufrieden. Mit dem Lauf der Geschichte nicht.

Der erste Teil der Serie »Unterwegs im Osten« von Burga Kalinowski über die von Rechten überlaufene thüringische Gemeinde Guthmannshausen erschien in der Ausgabe vom 7./8. September 2019, der zweite Teil über den Widerstand der Kalikumpel in Bischofferode am 19. September 2019, der dritte Teil über die Gründung der DDR am 7. Oktober 2019, der vierte Teil über Heimerziehung in der DDR in der Ausgabe vom 9./10.11.2019.

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