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Aus: Ausgabe vom 28.02.2020, Seite 10 / Feuilleton
Pop

Dissonanz und Verzweiflung

Erschöpfter Papa: King Krules müdes Album »Man Alive!«
Von Christina Mohr
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Scheint hauptsächlich um sich selbst zu kreisen: King Krule

Selten hat man ein Album gehört, das so sehr einem Ablauf zu folgen scheint, das Auf- und Zusammenbruch in Echtzeit abbildet. »Man Alive!«, viertes Album von Archy Marshall als King Krule, beginnt mit unruhig treibendem Indiepop (»Cellular« und »Supermarché«) frickelig-aufgekratzt, die Stimmung pendelt zwischen unternehmungslustig und wütend. Die synkopischen, dunklen HipHop-Beats von »Stoned Again« führen direkt in die Nacht der Londons, wo Archy zu Hause ist – oder besser war: Denn inzwischen ist ein Kind da, sein eigenes, dessen Geburt im vergangenen Jahr King Krule ziemlich aus den Schuhen hob. Aber jetzt ist er fein damit, zog zu seiner Kleinfamilie raus nach Nordwestengland, genießt es, mit dem Baby zusammenzusein. Heißt aber auch: Bisher ungeahnte Zustände der Erschöpfung bestimmen nun das Leben des einstigen Alleinherrschers, unterwandern kreative Prozesse, hebeln sie aus und lenken ab. »Man Alive!« fadet in den letzten drei, vier Tracks schlichtweg aus, die Kraft ist weg: Lasst mich in Ruhe, ich will nur noch schlafen. Absolut nachvollziehbar. Und dass King Archie auf seine eigene krude Weise Familiensinn hat, zeigte er ja schon vor ein paar Jahren mit dem Album »A New Place 2 Drown«, das er mit seinem Bruder Jack aufgenommen hatte, inklusive Begleitbuch und eines Videos, in dem sich die beiden dabei filmen ließen, wie sie von ihrer Mutter die Haare geschnitten bekommen.

»The Ooz«, King Krules hochgelobte dritte Platte, lässt sich durchaus als Coming-of-Age-Dokument lesen, Depression und Auflösungserscheinungen amalgamierten zu einem bipolaren Brocken, zu dem man teilweise sogar tanzen oder aufgestachelt mitsingen konnte. Das ist bei »Man Alive!« kaum möglich. Viele Mosaiksteinchen des King-Krule-Trademark-Sounds sind noch vorhanden: nervöse Synthies, nach vorn geschubste Schrammelgitarren und -bässe, Einsprengsel wie Radioansagen, Telefonklingeln, Urban field recordings – aber King Krule verzichtet weitgehend darauf, aus all diesen Teilen Songs zu formen.

»Man Alive!« ist ein Hörspiel der Dissonanz und Verzweiflung, aus gruselig verhallten Stimmfetzen entsteht nur hin und wieder ein angedeuteter Refrain oder eine Strophe. War »6 Feet Beneath the Moon« ein hypermodernes Mashup-Mixtape, zusammengestellt aus Jazz und HipHop, Folk und Punk, eklektisch und doch ganz klar aus einer Hand und vor allem einer Stimme (Archys gleichzeitig uralter und kindlicher nämlich), in der sich allerdings schon die Aufmerksamkeitsdefizite des herumstromernden City-Slackers abzeichneten, ist »Man Alive!« in Gänze zu dunkel und schlaff, als dass man wirklich dranbleiben könnte. Zumal King Krule hauptsächlich um sich selbst zu kreisen scheint und ganz bewusst auf politische Beobachtungen und Einschätzungen verzichtet.

In einem Interview verriet er letztens, dass er über seine veränderte Situation als Vater auch deshalb sehr froh ist, weil er sich nun auf die »wirklich wichtigen Dinge« konzentrieren müsse, wie eben ein Kind zu ernähren. Tracks wie »Alone, Omen 3«, das buchstäblich müde »Perfecto Miserable« oder die erste Single »(Don’t Let the Dragon) Draag On« beschreiben den Rückzug ins Private: »Guess this ain’t the world that I dreamt of / How many hits can one room take? / How many days can one whole make? / I wrap myself inside my duvet« – für die Außenwelt sind nur kurze, blitzlichtartige Schnappschüsse drin. Ist okay, Archie, aber klar ist auch: Dein Baby wird schnell größer werden.

King Krule: »Man Alive!« (Young Turks/XL/Beggars/Indigo)

Live: 8. März, Columbiahalle, Berlin

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