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Aus: Ausgabe vom 25.02.2020, Seite 11 / Feuilleton
Literatur

Die einzige Antwort

Eine Erinnerung an den politischen Schriftsteller Karl May
Von Harald Justin
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Kritisierte Sklavenhandel in Afrika und Amerika: Karl May

Wer seine Rede mit den Worten »Das wird man wohl doch noch sagen dürfen« beginnt, beschließt sie meist mit einem Schwall Hetze gegen Andersgläubige, Schwule, Frauen und Linke. Hinnehmen muss man derlei nicht.

Wer wusste das besser als Karl May, der am 25. Februar 1842 geboren wurde? Der Mann lieh seine Stimme den amerikanischen Ureinwohnern im Kampf gegen die weißen Landräuber, geißelte den Völkermord am »roten Mann«, prangerte die Kolonialpolitik der Briten in China an, kritisierte den Sklavenhandel in Afrika und Amerika. Und als er in der Geschichte »Kanada Bill« den Präsidenten Abraham Lincoln als frühen Haudrauftrapper gegen Bösewichter agieren lässt, ist er Hollywoods »Abraham Lincoln Vampirjäger« (2012) meilenweit voraus.

Das Zarentum in Russland charakterisierte May als Unterdrückersystem, stellte sich auf die Seite der Mexikaner und ihres »Indianerpräsidenten« Benito Juárez im Kampf gegen französisch-österreichische Okkupanten, dankte in seiner letzten Rede den Juden für ihren Beitrag zur Weltkultur und träumte in den von nationalistischer Kriegshetze trunkenen Vorkriegsjahren gemeinsam mit Bertha von Suttner vom Weltfrieden. Mays Engagement ist in seinen Büchern nachzulesen, die offizielle Werkausgabe zählt mittlerweile mehr als 90 Bände.

Vortrefflich antirassistisch ist nicht zuletzt die Szene aus der 1895 erschienenen Erzählung »Kapitän Kaiman«: Bei »Mutter Dodd in Hoboken«, einer New Yorker Kneipe, treffen sich seefahrende Angehörige aller Nationen. An einem der Tische sitzen »Runner, Loafers oder Rowdies«, kurz, Halunken, und tragen, so May, »eine politische Ansicht zur Schau, die in jener Zeit, kurz vor Ende des Bürgerkriegs, für New York etwas gewagt erscheinen mochte«. Einer von ihnen ruft also: »Die Nigger sind keine richtigen Menschen; sie sind halb Mensch und halb Tier und passen nur zur Peitsche. Der Teufel hole den Norden, der aus ihnen Gentlemen machen will.« Einer der Trinkgesellen pflichtet ihm bei: »Gentlemen? Das soll ihm so leicht nicht werden! Der Süden hat seine Rechte, die er nicht hergibt, und wenn ich zu befehlen hätte, so kämen alle Niggerfreunde an den Strick. Mutter Dodd, alte Hexe, noch ein Glas!« Auf diesen Mix von rassistischer Hetze inklusive N-Wort und Frauenbeschimpfung gibt es natürlich nur eine Antwort der Kneipenbetreiberin. Die Männer werden mit Nachdruck vor die Tür gesetzt. Danke, Karl!

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