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Aus: Ausgabe vom 24.02.2020, Seite 7 / Ausland
Aufarbeitung in Chile

Keine Gerechtigkeit für die Opfer

Chiles Regierung verschleppt die Aufarbeitung der Verbrechen in der »Colonia Dignidad«
Von Santiago Baez
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Sektenarzt Hartmut Hopp in der »Colonia Dignidad« im Jahr 1999

In Chile haben Angehörige der in der »Colonia Dignidad« Gefolterten und Ermordeten der Regierung des südamerikanischen Landes vorgeworfen, die Aufklärung der Verbrechen zu verschleppen. Wie der linke Rundfunksender Radio Nuevo Mundo am 14. Februar berichtete, kritisieren die Mitglieder verschiedener Opfervereinigungen insbesondere Justizminister Hernán Larraín. Dieser sei verantwortlich dafür, dass die Ermittlungen nicht vom Fleck kämen.

Zuvor hatte bereits die Deutsche Welle in einem ausführlichen Bericht auf die schleppende Aufklärung hingewiesen und den Politologen Jan Stehle mit den Worten zitiert, dass es eine Verhöhnung der Opfer sei, wenn »ein früherer großer Verteidiger der Colonia Dignidad heute Justiz- und Menschenrechtsminister ist«. Larraín bremse und verzögere Initiativen und Zusammenkünfte zur Untersuchung der ehemaligen Foltersekte.

Die »Colonia Dignidad« (Kolonie Würde) war 1961 von Paul Schäfer in Zentralchile eröffnet worden. Der Gründer einer christlichen Sekte hatte sich zuvor den westdeutschen Strafverfolgungsbehörden entzogen, die gegen ihn wegen der Vergewaltigung von mindestens zwei Kindern ermittelt hatten. Rund 150 Anhänger begleiteten ihn nach Südamerika, nicht alle freiwillig. So soll er Minderjährige nach Chile verschleppt haben, deren Eltern sie auf einer Chorfreizeit wähnten. Finanzieren konnte Schäfer seine Flucht mit rund 900.000 D-Mark, die er von der Bundeswehr als Preis für ein bis dahin von ihm betriebenes Erziehungsheim erhalten hatte.

Schon in den 1960er Jahren wurde bekannt, dass die Bewohner der »Colonia Dignidad« unter sklavenähnlichen Bedingungen festgehalten wurden und Zwangsarbeit leisten mussten. Nach dem Putsch 1973 und der Errichtung einer faschistischen Militärdiktatur verschärfte sich die Situation weiter. Schäfer stellte die Einrichtungen seiner Sekte der Geheimpolizei DINA zur Verfügung, die dort Oppositionelle folterte und ermordete. Nach Schätzungen von Menschenrechtsorganisationen sollen mindestens 100 Menschen auf dem Gelände der »Colonia Dignidad« umgebracht worden sein.

Die Deutsche Welle erinnerte am 17. Februar in ihrem spanischsprachigen Programm daran, dass der Bundestag schon vor zweieinhalb Jahren einen gemeinsamen deutsch-chilenischen Untersuchungsausschuss beschlossen hatte, zu dessen Aufgaben die Untersuchung der Verbrechen, die Einrichtung einer Gedenkstätte und die juristische Unterstützung bei Exhumierungen und der Klärung von Eigentumsfragen gehören sollte. Die eingesetzte Kommission sei jedoch seit rund einem Jahr nicht mehr zusammengekommen, zuletzt wurde eine Sitzung im vergangenen Jahr wegen der anhaltenden Proteste in Chile abgesagt. Damit ist auch die Auszahlung von Hilfsgeldern für die Opfer der Foltersekte ins Stocken geraten. Im vergangenen Mai hatte der Bundestag die Einrichtung eines Fonds beschlossen, aus dem die Opfer und ihre Angehörigen jeweils bis zu 10.000 Euro erhalten sollten.

Bis heute genießen die noch lebenden Täter der »Colonia Dignidad« den Schutz deutscher Behörden. Im vergangenen Mai, nur wenige Tage vor dem Bundestagsbeschluss, stellte die Staatsanwaltschaft Krefeld die Ermittlungen gegen den ehemaligen Sektenarzt Hartmut Hopp ein. In Chile war dieser wegen Beihilfe zum Kindesmissbrauch zu fünf Jahren Haft verurteilt worden, hatte sich aber 2011 rechtzeitig nach Deutschland abgesetzt. Weil das Grundgesetz die Auslieferung von Deutschen an andere Länder verbietet, beantragten die chilenischen Behörden daraufhin, dass er die Haftstrafe in Deutschland verbüßen solle. Das lehnte das Düsseldorfer Oberlandesgericht im September 2018 letztinstanzlich ab, weil das Verhalten Hopps nach deutschem Recht nicht strafbar gewesen sei.

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