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Aus: Ausgabe vom 22.02.2020, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage
Geschichtsrevisionismus in Japan

Kampf um Nanjing

Japans »Geschichtskrieg« um das von seiner Armee verübte Massaker in der damaligen Hauptstadt Chinas. Ein Besuch bei Streitern für die Wahrheit
Von Igor Kusar, Tokio
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Der Sozialdemokrat Ryohei Hirayama fordert mit seinen Mitstreitern seit 2012, dass Nagoyas rechter Bürgermeister seine Aussage, das Massaker habe nie stattgefunden, zurücknimmt (Dezember 2019)

Während des Zweiten Japanisch-Chinesischen Kriegs (1937–1945) richteten japanische Truppen im Zeitraum von Dezember 1937 bis Januar 1938 in Nanjing unter chinesischen Kriegsgefangenen und der Bevölkerung ein Blutbad an (»Massaker von Nanking«). 82 Jahre später scheinen die revisionistischen Rechten den innerjapanischen Kampf um die Deutungshoheit für sich zu entscheiden.

An einem Januartag besteige ich in einem Vorort von Tokio den Zug, um westwärts in die japanischen Alpen zu fahren. Reisen in die Provinz sind hierzulande stets Begegnungen mit einer anderen Zeit und einer anderen Welt – wo Japan noch es selbst sein kann. Mein Besuch gilt dem Historiker Tokushi Kasahara, einem der letzten bedeutenden Spezialisten für die Geschichte des Massakers von Nanjing in Japan. 82 Jahre ist es nun her, dass die japanische Armee wochenlang in der damaligen Hauptstadt der Republik China wütete und Teile davon in Schutt und Asche legte. Und noch immer ist die Geschichtsschreibung zu dem Überfall in Japan heftig umkämpft. Das reicht bis hin zur blanken Leugnung des Massakers in rechten, nationalistischen Teilen der Bevölkerung. Dabei seien Zweifel ausgeschlossen, sagt Kasahara. Die japanische Armee und Marine selbst hatten die Massenmorde an Chinesen fein säuberlich zu Papier gebracht. Die Dokumentation ist teilweise erhalten geblieben. Wir sitzen an einem Kotatsu (beheizter Tisch) auf Kasaharas Anwesen inmitten von Reben und Reisfeldern. Der jugendlich wirkende emeritierte Professor spricht schnell, ohne zu stocken. Man merkt rasch, dass er auf dem Gebiet bewandert ist.

Schwer heilende Wunde

Nach der Eroberung von Shanghai im November 1937 wandten sich Teile der japanischen Armee nach Westen. Der Fall von Nanjing, so der damalige Irrglaube, würde der Nationalen Armee von ­Chiang Kai-shek das Genick brechen. Der Feldzug war eine Ad-hoc-Mission ohne Kriegserklärung. Eine Versorgung der Soldaten fehlte, die Japaner raubten sich den Proviant von der einheimischen Bevölkerung und hinterließen eine Schneise der Zerstörung zwischen Shanghai und Nanjing. Am zwölften Dezember war die Hauptstadt umzingelt, an den folgenden Tagen begannen die Massaker. Die Japaner machten Jagd auf die fliehenden und zersprengten chinesischen Truppen. Vom Oberkommando kam der klare Befehl, alle gefangengenommenen Soldaten zu ermorden. Sie wurden zu Hunderten oder Tausenden zusammengeführt und erschossen. »Diese Exekutionen bilden den Kern des Nanjing-Massakers«, sagt Kasahara. Etwa 80.000 Menschen sollen dabei umgekommen sein, darunter auch Zivilisten.

Neben diesen Hinrichtungen, die internationales Recht brachen, begingen die Japaner Greueltaten in schwer vorstellbaren Dimensionen, durch die das Nanjing-Massaker auch international Aufmerksamkeit erhielt. Viele japanische Soldaten vergingen sich an einheimischen Frauen und ermordeten diese nach der Vergewaltigung. Chinesen wurden bei lebendigem Leib verbrannt, Nasen und Ohren wurden ihnen abgetrennt und schwangeren Frauen der Fötus herausgerissen. Kasahara glaubt nicht, dass solche Schandtaten die Regel waren. Doch auf chinesischer Seite haben sie eine schwer heilende Wunde hinterlassen. Kasahara schätzt die Gesamtzahl der Opfer auf 100.000 bis 200.000.

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Der »Nanjing-Vorfall« ist im Kriegs- und Militärmuseum Yushukan in Tokio nur eine verharmlosende Randbemerkung wert. Dafür stapeln sich in der Buchhandlung die Werke rechter Autoren. (Dezember 2019)

Das Nanjing-Massaker war das erste große Gemetzel, das die Japaner während ihres Invasionskriegs in China verübten. Es war nicht vorgesehen, Gefangene wie Menschen zu behandeln, wie es die Haager Landkriegsordnung von 1907 festhielt, die auch Japan unterzeichnet hatte. »Ihre Kriegstaktik hatte sich seit dem Mittelalter, als sich die ›streitenden Reiche‹ bekämpften, kaum geändert«, erklärt Kasahara. Auch damals fielen Armeen mordend, sengend und plündernd in Feindesland ein, selbst die Zivilbevölkerung wurde nicht verschont. Frauen wurden vergewaltigt oder verschleppt, die Männer abgeschlachtet. Diese »feudalen Praktiken« und die »kulturelle Rückständigkeit« gehören zu den Gründen für die große Aversion der japanischen Progressiven und Linken gegen das Vorkriegsjapan. Deshalb wehren sie sich mit allen Mitteln gegen Angriffe auf die heutige liberale, pazifistische Verfassung, die die Nachkriegsordnung schützt.

Sehnsuchtsort Vorkriegsjapan

Für die Rechten jedoch und die konservative Elite, die heute in der Regierung sitzt, ist und bleibt das Vorkriegsjapan Sehnsuchtsort. Doch ein politisch und militärisch starkes Japan braucht zu seiner Legitimation eine makellose Geschichte, auf die – nach den Worten von Premierminister Shinzo Abe – »die Bevölkerung stolz sein kann«. Deshalb ist die Geschichtsschreibung auch in Japan stark politisiert und hart umkämpft. Um zu gewinnen, ist den Rechten jedes Mittel recht. Nicht nur beim Nanjing-Massaker versuchen sie die Bevölkerung mit Lügenmärchen einzulullen oder die Verbrechen als Erfindung der Chinesen darzustellen, die mit ihren Schmutzkampagnen Japan vor der Weltgemeinschaft schlechtmachen wollten. Kleine Unstimmigkeiten in der Argumentation der Progressiven werden aufgebauscht und dienen den Rechten dazu, das gesamte Beweismaterial in Frage zu stellen. Oder sie behaupten unverblümt, die Japaner seien zu solchen Grausamkeiten gar nicht fähig, da sie von Bushido geprägt seien, dem Verhaltenskodex der Samurai, der verlangt, Schwache zu schützen.

Besonders für die führenden Politiker des rechten Lagers steht bei diesem »Geschichtskrieg« einiges auf dem Spiel. Japan hatte seine Elite nach dem Zweiten Weltkrieg größtenteils nicht ausgetauscht. Und da sich die japanischen Politiker immer häufiger nach dem Erbhofprinzip rekrutieren, sitzen zurzeit die Nachkommen der Kriegsverantwortlichen an den Schaltstellen der Macht, angeführt von keinem Geringeren als Abe, dem Enkel des einst als Hauptkriegsverbrecher inhaftierten späteren Premierministers Nobusuke Kishi. Diese Leute sind darauf erpicht, das Erbe ihrer Vorfahren in Ehren zu halten. »Jeder seriöse Geschichtsunterricht über den Zweiten Weltkrieg ist deshalb automatisch auch eine Kritik an der jetzigen nationalkonservativen Regierung«, sagt Kasahara. Auf jede Phase einer den historischen Fakten verpflichteten Erinnerungspolitik folgte deshalb eine Gegenreaktion der ressentimentgeladenen Rechten mit Kritik am angeblich »masochistischen, antijapanischen Bildungssystem«.

Zuletzt war dies in den 1990er Jahren der Fall. Die japanische Politik beugte sich nach Ende des Kalten Kriegs der Kritik an ihrer Geschichtsmanipulation aus China und Südkorea und erlaubte es den Historikern, in den Schulbüchern unter anderen Kriegsvergehen auch das Nanjing-Massaker ausführlicher zu behandeln. Sofort organisierten sich konservative Kreise aus Politik und Gesellschaft zum Gegenschlag, übten Druck auf die Verlage aus und erreichten, dass diese – oft in Selbstzensur – von Darstellungen der Kriegsverbrechen Abstand nahmen. Heute sei das Nanjing-Massaker im Geschichtsunterricht fast schon zu einem Tabuthema geworden, Druck und Kontrolle der Politik und der rechten Medien verstärkten sich, und die einst mächtige linke Lehrergewerkschaft, die für die korrekte Darstellung historischer Ereignisse im Unterricht kämpfte, habe fast jeglichen Einfluss verloren. Kasahara gerät in Rage, als er mir das erzählt, es macht ihn betroffen. Unter den jüngeren Historikern würden sich kaum mehr Spezialisten für das Nanjing-Massaker finden. Die Angst, keine Stelle zu finden, sei zu groß.

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Geistiger Hort des japanischen Militarismus: Das Yushukan-Museum auf dem Gelände des Yasukuni-Schreins für die Kriegstoten. Von vielen wird als Affront empfunden, dass namhafte Politiker ihn regelmäßig besuchen (Dezember 2019)

Rechte Leugner

Mittlerweile ist die Verharmlosung oder gar Leugnung des Kriegsverbrechens sogar in der Politik salonfähig geworden, auch in Abe-nahen Kreisen. Die vom Premier protegierte frühere Verteidigungsministerin Tomomi Inada von der Regierungspartei LDP sorgt regelmäßig mit geschichtsrevisionistischen Äußerungen für Furore, wenn auch nur in der linken Presse. Ein bekannter Nanjing-Leugner ist Takashi Kawamura, der Bürgermeister von Nagoya, mit 2,3 Millionen Einwohnern immerhin die viertgrößte Stadt Japans. Im Februar 2012 ließ er sich zur Behauptung hinreißen, ein Nanjing-Massaker habe es nie gegeben.

Doch sein Statement blieb nicht unwidersprochen. Einige Monate nach der Äußerung gründete sich eine kleine Bürgerinitiative, die von Kawamura verlangte, die Aussage zu widerrufen. Zweimal im Monat stellen sich ihre Mitglieder im Verwaltungsbezirk von Nagoya auf, um ihrer Forderung Nachdruck zu verleihen. An einem Dezembertag 2019 treffe ich vor dem Rathaus, einem wuchtigen Bau aus dem Jahr 1933, den Sozialdemokraten Ryohei Hirayama und den Historienautor Hiroshi Ito. Sie sind dabei, ihr Megafon auszupacken. »Sehen Sie sich das Beispiel Deutschland an«, ruft Ito wenig später einer Fenstergalerie entgegen, hinter der er womöglich Kawamura vermutet. »Da werden Auschwitz-Leugner bestraft. Doch Sie weigern sich, Ihre Aussage von 2012 zurückzunehmen.« Währenddessen verteilen zwei Mitstreiter Flugblätter an Passanten. Doch das Interesse am Kampf um die Geschichte ist gering, kaum jemand bleibt stehen, nur ein chinesisches Touristenpärchen dankt am Ende den Rednern. »Die Rechte hat es geschafft, das Nanjing-Massaker aus der öffentlichen Wahrnehmung zu löschen«, sagt Ito. Und die wenigen Interessierten würden mehr und mehr dazu tendieren, den Geschichtsrevisionisten Glauben zu schenken. Die Rechte scheint den Streit um die Deutungshoheit dank konservativer Medien und ihrer Dominanz im Internet zu gewinnen.

Dem Nanjing-Massaker wurde in Japan nie die einschneidende Bedeutung zugemessen, die in Deutschland Auschwitz oder dem Holocaust zukommt. Dafür liege Nanjing zu weit weg von Japan, meint Kasahara, während die Judenvernichtung innerhalb des Nazistaats stattgefunden habe. Die Japaner hatten immer Schwierigkeiten damit, sich in die Lage der Opfernationen des Zweiten Weltkriegs hineinzuversetzen, und sehen sich bis heute selbst eher als Leidtragende und Erben von Hiroshima und Nagasaki. Das führt dazu, dass es Japans Entschuldigungen, die es zwischendurch durchaus gibt, an Enthusiasmus und Empathie fehlt. Sie verfangen weder in China noch in Südkorea. Vielmehr verstärken die Agitationen der Rechten den Eindruck, Japan wolle sich der Vergangenheit nicht stellen. Wegen der Geschichtsfälschung spricht China Japan den Status einer Kulturnation ab und versteht sich selbst – in Abgrenzung zum Inselstaat – als Wahrer der Nachkriegsordnung, die auf dem Kampf gegen den Faschismus fußt. Solche Kritik trifft die japanische Politik ins Mark, da sie sich gerne als Teil der »westlich-demokratischen Wertegemeinschaft« betrachtet.

Ungleicher Kampf

Es sind solche Reaktionen auf den japanischen Revisionismus und der Druck aus dem Ausland, die Kasahara Hoffnung geben. Sie könnten in Zukunft wieder für eine Wende in der Erinnerungspolitik sorgen. Doch im Moment tobt ein ungleicher Kampf. »Früher, in den späten 1990er Jahren etwa«, erzählt Kasahara,»stritt ich mich mit revisionistischen Vertretern der Zivilgesellschaft, etwa mit Nobukatsu Fujioka.« Der Professor der Universität Tokio hatte 1996 den »Verein zur Erstellung neuer Geschichtslehrbücher« mitgegründet, um die japanische Geschichtsschreibung »reinzuwaschen«. Doch danach gelang es den Rechten, sich mehr und mehr in der Politik und der Regierungspartei LDP festzusetzen.

Heute sitzen die Gegner von Kasahara im Regierungsviertel. Als etwa 2015 die UNESCO beschloss, die Materialien zum Nanjing-Massaker auf Antrag Chinas in das Weltdokumentenerbe aufzunehmen, war es die japanische Regierung, die den Protest dagegen anführte. Vordergründig störte sie sich daran, im Vorfeld nicht konsultiert worden zu sein. Doch ihre heftige Reaktion und die vorübergehende Aussetzung der Zahlungen an die UNESCO zeugen vom revisionistischen Gedankengut, das in der Regierung vorherrscht. Trotz eines übermächtigen Gegners will Kasahara jedoch nicht aufgeben. Zurzeit schreibt er an einem Buch über die Geschichte der japanischen Verfassung und hofft auf bessere Zeiten.

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