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Aus: Ausgabe vom 22.02.2020, Seite 15 / Geschichte
Neonazis in der BRD

Neonazipartei in SA-Manier

Vor 25 Jahren wurde die Freiheitliche Deutsche Arbeiterpartei verboten
Von Bernd Langer
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Verbrennen einer FAP-Standarte vor dem Haus von Thorsten Heise bei der Antifademo im niedersächsischen Northeim am 4. Juni 1994

Anfang der 1970er Jahre ist die neue Ostpolitik der Bundesregierung beherrschendes Thema in der Bundesrepublik. Dabei geht es um die staatsrechtliche Anerkennung der DDR und der Oder-Neiße-Linie, ohne dass die Ansprüche auf diese Gebiete vollends aufgegeben würden. Die faschistische Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD), die 1969 den Einzug in den Bundestag knapp verpasst hatte, mobilisiert schon 1970 mit der Gründung der »Aktion Widerstand«, der sich viele rechtsradikale Zirkel anschließen, gegen die Ostpolitik. Sämtliche Veranstaltungen der »Aktion Widerstand« verlaufen gewalttätig, so dass sich die NPD bereits im folgenden Jahr gezwungen sieht, die Organisation aufzulösen. Wenngleich die Gruppierung nur kurze Zeit aktiv ist, bewirkt sie in der Szene einen Radikalisierungsschub und sorgt für einen Generationenwechsel. Daraufhin entstehen in der Bundesrepublik Wehrsportgruppen und Neonaziparteien nach dem Vorbild der NSDAP, Faschisten greifen zu terroristischen Mitteln.

Eine zentrale Rolle spielt der Anfang 1977 wegen seiner Gesinnung aus der Bundeswehr entlassene Michael Kühnen. Mit dem deutschstämmigen US-Amerikaner Gerhard »Gary« Lauck gründet er im selben Jahr den »SA-Sturm Hamburg« als Teil der NSDAP/AO (AO sowohl für Aufbau- als auch Auslandsorganisation). Über Lauck gelangt in den folgenden Jahren Hakenkreuz-Propagandamaterial aus den USA in die BRD. Darunter auch die Zeitschrift NS-Kampfruf, in der Kühnen später seine programmatische Schrift »Die zweite Revolution« veröffentlicht. Internationales Aufsehen erregt im Mai 1978 die von Kühnen, Christian Worch und anderen gegründete »Aktionsfront Nationaler Sozialisten« (ANS) mit der »Eselmaskenaktion« in Hamburg. Einige Neonazis tragen bei diesem Schaulauf entsprechende Masken, haben Schilder mit der Aufschrift »Ich Esel glaube noch, dass in deutschen KZs Juden ›vergast‹ wurden« umhängen und posieren so vor den Kameras von Journalisten. Nach wenigen Metern unterbindet die Polizei dieses Treiben. Doch die Filmaufnahmen werden als Sensationsnachrichten weltweit ausgestrahlt.

Abbild der NSDAP

1979 wird Kühnen wegen Volksverhetzung und Verbreitung von neofaschistischem Propagandamaterial zu einer vierjährigen Haftstrafe verurteilt. Noch während der Haft, am 26. Mai 1981, ermorden Neonazis ihren Kameraden, das ehemalige ANS-Mitglied Johannes Bügner, aufgrund »erwiesener Homosexualität« mit 20 Messerstichen und einem Kehlenschnitt. Kühnen distanziert sich von dieser Tat. Im Jahr 1983 vereinigt sich die ANS mit den »Nationalen Aktivisten« (NA) zur bundesweit agierenden ANS/NA, die noch im selben Jahr verboten wird. Mit diesem Verbot hatten die Neonazis gerechnet und nehmen Kontakt mit der Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei (FAP) auf. Die 1979 vom dem ehemaligen HJ-Führer und nachmaligen NPD-Funktionär Martin Pape in Stuttgart gegründete Partei ist bis zu diesem Zeitpunkt eine unbedeutende, regionale Erscheinung. Das ändert sich mit der Übernahme der FAP durch die verbotene ANS/ NA. Aus taktischen Gründen tritt Kühnen selbst nicht in die FAP ein, die schnell zur wichtigsten Neonazipartei der BRD wird.

1986 veröffentlicht Kühnen die Broschüre »Nationalsozialismus und Homosexualität«, die er dem ermordeten Bügner widmet. Ein direktes Outing findet sich darin zwar nicht, dennoch gilt der Text als öffentliches Bekenntnis Kühnens und führt zu einer erbitterten internen Auseinandersetzung. Zum Ende des Streits gilt Homosexualität zumindest in größeren Teilen der rechtsradikalen Szene nicht mehr als »perverse Entartung«. Kühnen stirbt 1991 an AIDS.

Der Programmatik Kühnens folgend, versucht die FAP ein möglichst getreues Abbild der NSDAP darzustellen. Es gibt Standarten sowie eine Art Parteiuniform, man trägt Schulterriemen, Gebietsdreieck und Feldmütze mit SS-Totenkopf. Das Äußere zeigt, dass es sich bei der FAP eher um einen Schlägerhaufen handelt, der sich in der Nachfolge der SA begreift. Parlamentarisch bleibt die Partei denn auch absolut bedeutungslos und erreicht Wahlergebnisse von meist unter einem Prozent. Zu ihrer Hochzeit, Anfang der 1990er Jahre, zählt die Partei maximal 1.000 Mitglieder.

Vorsitzender der FAP ist seit 1988 bis zu ihrem Verbot 1995 Friedhelm Busse (1929–2008), der sich 1944 als 15jähriger freiwillig zur SS-Division »Hitlerjugend« gemeldet hatte und im letzten Aufgebot als Panzerjäger in den Krieg gezogen war. Über die NPD ist Busse, der auch über Kontakte zur NSDAP/AO verfügt, an der Gründung der »Aktion Widerstand« beteiligt und wird kurz darauf wegen ständiger gewalttätiger Übergriffe aus der Partei ausgeschlossen. 1971 gründet er die Partei der Arbeit/Deutsche Sozialisten, die sich ab 1975 Volkssozialistische Bewegung Deutschland/Partei der Arbeit (VSBD/PdA) nennt. Die VSBD wird nach einer Schießerei mit zwei Toten Anfang 1982 verboten. Busse kommt für mehr als drei Jahre in den Knast und wird bald nach seiner Haftentlassung FAP-Vorsitzender.

Zu den frühen Zentren der neuen FAP zählt Südniedersachsen. Im Dorf Mackenrode bei Göttingen lebt der österreichische Frührentner Karl Polacek (1934–2014) in einem Haus, das ab Mitte der 1980er Jahre als Parteizentrum dient. Es gelingt Polacek, Einfluss auf die Skinhead-Szene zu gewinnen, zu deren Vertretern Thorsten Heise aus Northeim zählt.

Übertritt zur NPD

Der Aufbau der Neonazistrukturen trifft in Südniedersachsen jedoch auf den Widerstand der Antifabewegung. Mittels permanenter militanter Konfrontationen, deren Höhepunkt ein Frontalangriff auf das Haus während einer FAP-Schulung 1991 darstellt, mit Brandanschlägen, Demonstrationen und Aufklärungsarbeit gelingt es, die Neonazis in ihre Schranken zu weisen. Als Polacek 1992 nach Österreich abgeschoben wird, verlagert sich der Schwerpunkt der FAP nach Northeim zum Wohnhaus von Thorsten Heise. Dort findet 1994 eine Antifademo mit mehr als 3.000 Menschen statt. Anschließend durchsucht die Polizei das von Neonazis verbarrikadierte Anwesen von Thorsten Heise. Wenige Monate später, am 24. Februar 1995, wird die FAP durch das Bundesministerium des Innern verboten. Das Verbot wird aufgrund fehlender Parteieigenschaft – festgestellt vom Bundesverfassungsgericht – nach Vereinsrecht durchgeführt. Fast sämtliche Kader der FAP treten bald darauf (wieder) in die NPD ein.

Einen solchen bundesweiten Zusammenschluss wie die FAP hat die Neonaziszene bislang nicht wieder zustande gebracht. Heute existieren mit der Neonazisekte »III. Weg«, der Kleinstpartei »Die Rechte«, der diffusen Szene der »Freien Kameradschaften« und der erheblich geschrumpften NPD vier Fraktionen. Übrig geblieben ist auch Thorsten Heise, dem Ambitionen auf den NPD-Vorsitz nachgesagt werden.

»Erfolg misst sich am Ziel«

Samstag, 26. Oktober 1991, Mackenrode bei Göttingen. Im FAP-Zentrum im Siedlungsweg 23 fand ein Schulungswochenende statt. Die antifaschistische Aktion dagegen sollte deutlich machen, dass Polacek, Heise usw. ungestört weitermachen, dass der Medienrummel um die Prozesse bzw. Ausweisung Polaceks nur Propaganda der herrschenden Politik sind. (…)

Da der imperialistische Staat kein wirkliches Interesse an der Zerschlagung des Neofaschismus hat, werden seine Aktivitäten auf dem Feld des Antifaschismus nie über politische Kosmetik hinausgehen. Es wird immer nur darum gehen, dass entsprechende Politikerinnen und Politiker oder Regierungen antifaschistische Imagepflege betreiben. (…)

Die Aktion lief für uns erfolgreich ab. Die Machenschaften der Nazis sind öffentlich geworden. Bei der Auseinandersetzung auf der Straße trieben wir die Faschisten in ihr Haus zurück, obwohl sie mit geradegeschmiedeten Sensen, Mollies und ähnlichen Dingen gegen uns vorzugehen versuchten. Die Bevölkerung stand unserer Aktion sympathisierend gegenüber. Was sich an Äußerungen und an einem Punkt durch das Reichen von Steinen dokumentierte.

Die Nazis hatten 15 Verletzte zu beklagen, wir keinen einzigen. Unser Rückzug verlief nicht in wilder Panik, sondern gemeinsam und geordnet. (…) Die Aktion gegen das Schulungszentrum der FAP war ein richtiger und wichtiger politischer Schritt. (…) »Schlagt die Faschisten, wo ihr sie trefft« ist keine hohle Phrase.

Aus der Erklärung zu den Antifa­aktionen in Mackenrode bei Göttingen am 25. und 26. Oktober 1991

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