Probeabo abschließen und weiterempfehlen
Gegründet 1947 Donnerstag, 9. April 2020, Nr. 85
Die junge Welt wird von 2267 GenossInnen herausgegeben
Probeabo abschließen und weiterempfehlen Probeabo abschließen und weiterempfehlen
Probeabo abschließen und weiterempfehlen
Aus: Ausgabe vom 22.02.2020, Seite 12 / Thema
Historische Soziologie

Kitt der Klassengesellschaft

Rassismus muss als ein soziales Verhältnis begriffen werden
Von Wulf D. Hund
The_Slave_Trade_by_Auguste_Francois_Biard.jpg
»Sklavenhandel«. Stahlstich nach einem Gemälde von François-Auguste Biard. Das Bild inszeniert 1840 eine orientalistisch und pornotropisch geprägte Szenerie

In der deutschsprachigen Diskussion wird Rassismus häufig als »Vorurteil« behandelt: von »Einheimischen« gegen »Ausländer«, »Einwanderer« und »Fremde« oder von »Weißen« gegen »People of Color«. Außerdem gelten die jeweiligen Vorurteile oft weitgehend als Bestandteil einer rechten Ideologie. Bei ihrer Bestimmung spielt in der Regel der Bezug auf die Kategorie »Rasse« eine zen­trale Rolle. Wenn der nicht klar auszumachen ist, heißt es eben, die diskriminierten anderen würden – zum Beispiel als Muslime – »rassisiert«.

Alle drei Herangehensweisen sind unzureichend, häufig problematisch und gelegentlich auch einfach falsch. Rassismus ist die längste Zeit seines Bestehens ohne »Rassen« ausgekommen. Die Vorstellung von diesen entstand erst im Gefolge des Kolonialismus, und ein entsprechendes Begriffssystem wurde nicht vor der Moderne entwickelt. Historisch hat sich Rassismus sehr unterschiedlicher Formen der Diskriminierung bedient (und das hat sich bis heute nicht geändert).

Vergemeinschaftung der Ungleichen

Dabei ging es immer darum, dass sich die unterschiedlichen Gruppen und Klassen herrschaftlich geschichteter Gesellschaften als Gleiche betrachten konnten. Ihre Vergesellschaftung war fragil und durch soziale Ungleichheit geprägt. Das erzeugte Unzufriedenheit und Widerstand. Schon früh wurde dem mit Erzählungen über die Funktionalität sozialer Unterschiede begegnet. Sie porträtierten Gesellschaft als Körper mit unterschiedlichen Gliedern und Organen, als Haus mit verschiedenen Stockwerken oder als Schiff mit einer Mannschaft, Offizieren und einem Kapitän.

Derlei Bilder wurden regelmäßig von Legenden begleitet, die eine Bedrohung solch vermeintlicher Gemeinschaftlichkeit beschworen. Durch Dominanz und Macht geprägte Vergesellschaftung kommt nicht ohne solch negative Dimension aus. Sie soll soziale Ungleichheit durch rassistischen Egalitarismus überdecken. Rassismus ist ein soziales Verhältnis, das seinen selbst diskriminierten Mitgliedern durch die radikale Ausgrenzung anderer die Vorstellung von Gemeinschaft erlaubt. Die Zusammengehörigkeit der Ungleichen erzeugt Untermenschen.

Ansätze zur Analyse dieser Beziehung sind zu Beginn des 20. Jahrhunderts gleich mehrfach aus unterschiedlichen Perspektiven gemacht worden. Der schwarze Bürgerrechtler, Soziologe und Mitbegründer der National Association for the Advancement of Colored People (NAACP), William Edward Burghardt Du Bois, meinte, die »Vorherrschaft der weißen Rassen« beruhe darauf, dass selbst noch »die Slums der weißen Gesellschaft in jedem Fall und unter allen Umständen höherstehend als jede farbige Gruppe« galten. Außerdem fügte er hinzu, dass »die weiße Gruppe der Arbeiter, auch wenn sie niedrige Löhne bekommt, durch eine Art von öffentlichem und psychologischem Lohn entschädigt« werde.

Vergleichbare Überlegungen wurden von einem der Mitbegründer der akademischen Soziologie in Deutschland, Max Weber, angestellt. Er bezog sich auf den Kontext »ethnischen Gemeinschaftsbewusstseins«. Das vermittelt ihm zufolge neben der Vorstellung von Zugehörigkeit auch die von »ethnischer Ehre«. Bei ihr handle es sich um eine »Massenehre«, die unabhängig vom sozialen Status zugänglich wäre. Zur Illustration verwies Weber auf die armen Weißen im Süden der Vereinigten Staaten, deren »soziale ›Ehre‹ schlechthin an der sozialen Deklassierung der Schwarzen« hängen würde.

Dass solche Beziehung zwischen Klassenlage und Rassismus auch unabhängig von vermeintlichen Rassenunterschieden gelten könnte, vermutete zur gleichen Zeit Sigmund Freud. Er sprach die Verbindung von Ausbeutung und Herrschaft sowie die daraus entstehenden sozialen Spannungen und deren Ableitung durch nach außen gerichtete Aggression an. Dem sozialen Widerstand der arbeitenden Klassen ließe sich durch eine »Identifizierung der Unterdrückten mit der sie beherrschenden und ausbeutenden Klasse« entgegenwirken. Ermöglicht würde das durch einen »Vergleich mit anderen Kulturen« und die ihm innewohnende »Berechtigung, die Außenstehenden zu verachten«.

Gegen Ende des 20. Jahrhunderts hat der US-amerikanische Gewerkschafter und Kommunist Theodore W. Allen eine wichtige Definition beigetragen. Am Beispiel der Kolonisierung Irlands durch England beschrieb er Rassismus als ein soziales Verhältnis, in dem »alle Mitglieder der unterdrückten Gruppe auf einen undifferenzierten Status reduziert werden, einen Status unterhalb desjenigen eines jeden Mitglieds jeder Klasse« der Unterdrücker. Angehörige vielfältig geschichteter und differenzierter Gesellschaften, in denen es elementare Klassenstrukturen und fortwährende Auseinandersetzung um soziale Positionen und Ressourcen gibt, können sich dadurch als Gemeinschaft fühlen, dass sie sich anderen gegenüber als einheitliche und überlegene Gruppe begreifen.

Sozial konstruierte Minderwertigkeit

Du Bois’ »psychologischer Lohn«, Webers »ethnische Ehre«, Freuds »Verachtungsberechtigung« oder Allens »Desozialisierung« bezeichnen allesamt mehr als nur »Vorurteile«. Sie gehen auch nicht einfach in »Ideologie« auf. Tatsächlich sind sie Ausdruck eines sozialen Verhältnisses. Und das ist keineswegs an »Rassen« gebunden, sondern hat historisch unterschiedliche Formen rassistischer Diskriminierung entwickelt. Der dafür schließlich geprägte Begriff Rassismus ist erst spät entstanden. Bei seiner Formulierung standen die zeitgenössischen, an Rassen orientierten Verhältnisse Pate.

Aber solcher Modernismus gilt auch für den Klassenbegriff. Er ist kaum älter als der Rassenbegriff. Das hat Marx und Engels nicht gehindert, ihn zu einem berühmten, epochenübergreifenden Statement zu benutzten: »Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen«, heißt es im »Manifest der Kommunistischen Partei«. Gleichzeitig wird aber auf die historischen Besonderheiten von Klassenverhältnissen verwiesen, in denen sich »Freier und Sklave, Patrizier und Plebejer, Baron und Leibeigener, Zunftbürger und Gesell« und schließlich »Bourgeoisie und Proletariat« gegenüberstehen.

Diese antagonistischen Klassen haben sich mit Hilfe rassistischer Unterdrückung anderer auf unterschiedliche Weise als höher­stehende Gemeinschaft begriffen: als »Kultivierte« (gegenüber »Barbaren«), »Reine« (gegenüber »Unreinen«), »Erwählte« (gegenüber »Verdammten«), »Zivilisierte« (gegenüber »Wilden«) und schließlich »Weiße« (gegenüber »Farbigen«). Die angebliche Minderwertigkeit der anderen war sozial »konstruiert«, aber keine ideologische Chimäre. Sie wurde den Betroffenen als sozialer Charakter aufgezwungen. Das hatte für diese zwar unterschiedliche, immer aber herabwürdigende und dabei nicht zuletzt auch materielle soziale Konsequenzen.

Aus europäischer Perspektive betrachtet, zeigte sich das schon in der Antike; und dort besonders deutlich, weil die entsprechenden Verhältnisse durch offene Gewalt bestimmt waren und die mit der Legitimation dieser Zustände beschäftigten Philosophen kein Blatt vor den Mund nahmen.

Platon erzählte den Athenern, sie seien alle Verwandte von edler Abkunft, aber die Götter hätten ihrem Blut je nach ihrer sozialen Funktion Silber, Bronze oder Eisen beigemischt. Die zwischen ihnen bestehende Ungleichheit würde jedoch vor ihrer gemeinsamen Überlegenheit gegenüber den Barbaren verblassen. Aristoteles erklärte Barbaren zu geborenen Sklaven. Ihnen gegenüber könnten sich selbst die freien Unterschichten als Herrenmenschen fühlen.

Der Herrschaftscharakter dieses Verhältnisses wurde unumwunden ausgesprochen. Aristoteles wusste, dass der Natur mit Gewalt nachgeholfen werden musste: Wer zum Sklaven geboren war, das aber nicht sein wollte, durfte unter Zwang versklavt werden. Aristoteles wusste auch, dass Sklaven Menschen waren: Obwohl er sie mit unvernünftigen Tieren verglich, empfahl er gleichzeitig, sie ethnisch heterogen zusammenzusetzen, damit sie sich nicht untereinander zum Widerstand verabredeten. Er wusste ferner, dass Sklaverei ein soziales Verhältnis war: Würden die Sklaven nicht versklavt, so könnte man sogar mit ihnen befreundet sein. Und er wusste schließlich auch, dass die angeblich unfähigen Sklaven gut ohne ihn zurechtkommen konnten: Selbst Sklavenhalter, legte er in seinem Testament verschiedene Formen der Freilassung seiner Sklaven fest und gestand so ein, dass sein Tod das ihnen zugeschriebene Schicksal beendete.

Mangelnde Sichtbarkeit

Nicht zuletzt wusste Aristoteles, dass die Sichtbarkeit des angeblich natürlichen Sklavenstatus zu wünschen übrig ließ. Die Natur versagte bei der Aufgabe, die Körper von Freien und Sklaven deutlich zu unterscheiden. Ihre Kenntlichmachung beruhte vor allem auf sozialer Kontrolle und bediente sich darüber hinaus der Stigmatisierung durch Kleiderordnungen, Tätowierung oder Brandmarkung.

Unbenannt-1.jpg
Verteidigung der Rasse. Die faschistische Zeitschrift propagierte einen »italienischen« Rassismus und illustrierte 1938 auf dem Cover ihrer ersten Ausgabe eine doppelte »Rassentrennung«, die mit Italiens imperialistischen Politik in Afrika und der Radikalisierung des Antisemitismus korrespondierte

Das galt auch noch zu Beginn der modernen Sklaverei. Im transatlantischen Sklavenhandel galt dunkle Haut zunächst keineswegs als angeborenes Differenzkriterium zwischen Sklaverei und Freiheit. Afrikanische Herrscher und europäische Händler waren vielmehr Partner bei diesem Geschäft. Sklavinnen und Sklaven legte man in Ketten und Halseisen. Sie wurden aber auch gebrandmarkt.

Das »Schwarzwerden« der Sklaverei führte schließlich in einem mehrhundertjährigen Prozess zur Verschmelzung rassistischer Ausgrenzung und dunkler Hautfarbe. Sie wurde zu einem doppelten Signifikanten, der nicht nur einen körperlichen Unterschied bezeichnete, sondern auch als Stigma diente und ein soziales Verhältnis zum Ausdruck brachte. Das damit verbundene System der Diskriminierung verbreitete sich im Zuge des Kolonialismus weltweit und wurde durch den Übergang zum Imperialismus gestützt. Seine Etablierung als Wissenschaft erlaubte es, nach der Abschaffung der Sklaverei physische durch epistemische Gewalt zu ersetzten. Sie hatte materielle soziale Konsequenzen.

Das dadurch bestimmte rassistische System war zwar wesentlich durch »Weißsein« gekennzeichnet. Doch wurde es immer von anderen Rassismen begleitet und stand nicht allein. Ein älterer Rassismus war im Kern religiöser Natur, speziell ausgeprägt im Antisemitismus. Der spielte in der deutschen Geschichte eine besonders intensive Rolle, die mit der Entwicklung des Kapitalismus noch verstärkt wurde. Schon die Rassentheorie der Aufklärung hatte mit diesem Parallelismus Probleme. Kant versuchte sie dadurch zu lösen, dass er die Juden zwar der weißen Rasse zurechnete, sie gleichzeitig aber zu geschichtsunfähigen Orientalen erklärte. Ein Jahrhundert später beklagte einer der Hauptexponenten des politischen Antisemitismus im Kaiserreich, Theodor Fritsch, dass Juden sich körperlich nicht von der übrigen deutschen Bevölkerung unterschieden und deswegen schwer zu identifizieren wären.

Was den Klassenbezug des Antisemitismus anbelangt, so lieferte Eugen Dühring dafür eine demagogische Version. Er hatte eine Zeitlang soviel Einfluss auf die Arbeiterbewegung, dass sich Friedrich Engels zu einer umfangreichen Kritik, dem »Anti-Dühring«, veranlasst sah. Dühring lobte das (»deutsche«) »Racenbewusstsein«, weil es »den Juden zeigt, dass es noch einen (…) größeren Gegensatz gebe, als den von Arbeiter und Bourgeois« und weil es »alle Unterschiede (…) zwischen den streitenden Ständen und Classen« überbrücken würde.

Ganz in diesem Sinne wurde der Antisemitismus auch vom deutschen Faschismus instrumentalisiert. Seine rassistische Politik betraf mit Juden und Slawen vor allem Angehörige der sogenannten weißen Rasse. Ihnen gegenüber war »Weißsein« kein hinreichendes Unterscheidungskriterium. Die italienischen Faschisten haben das auch bildlich verdeutlicht. Sie bezogen den Begriff Rassismus positiv auf sich selbst. 1938 veröffentlichten sie in der ersten Nummer der neu gegründeten Zeitschrift La Difesa della Razza (Die Verteidigung der Rasse) ihr Manifest »Razzismo Italiano«. Auf dem Umschlag fanden sich mehrere Rassismen vereint. Das Schwert der Rassenpolitik, das an Roms glorreiche Geschichte erinnern sollte, hieb mitten durch die weiße Rasse. Diese Bildrhetorik entsprach den beiden Bezugspunkten einer Politik, die durch antisemitischen und kolonialen Rassismus gekennzeichnet war.

»Weiße« und andere Rassismen

Gleichzeitig ließ die Politik des japanischen Imperialismus keinen Zweifel daran, dass Rassismus nicht nur von »Weißen« ausging. Das Land war zwar nach dem Sieg über Russland im Mai 1905 in der Seeschlacht bei Tsushima als »Champion« der farbigen Rassen gefeiert worden. Tatsächlich hatte es aber eine lange eigene rassistische Tradition, und sein wachsender Imperialismus verband sich mit rassistischer Politik.

Vor und nach dem Zweiten Weltkrieg kämpfen antikoloniale Befreiungsbewegungen um die Unabhängigkeit ihrer Länder. Dabei wurden auch rassistische Strategien eingesetzt. Frantz Fanon hat darauf nachdrücklich hingewiesen. Demnach nutzten die Kolonisierten den Rassenbegriff subversiv, um ihre »Eigentümlichkeit« zu betonen. Dabei sei ihr Kampf zunächst »national« und durch »antirassistischen Rassismus« gekennzeichnet; er könne aber, wenn er von der nationalen Bourgeoisie instrumentalisiert wird, »das Gesicht eines äußerst vulgären Rassismus« annehmen.

Dass der Rassenbegriff zum Instrument des Widerstands gemacht werden kann, ändert nichts an seiner begrenzten Eignung als Grundlage der Rassismustheorie. In der Kritik des modernen Rassismus zeigte sich das zunächst in der mangelnden Vermittlung von Antisemitismus und Kolonialrassismus und setzt sich mittlerweile bei der unzureichenden Behandlung nicht rassenbezogener Rassismen fort. Das gilt auch für den wachsenden Rassismus gegen Migranten, die nach Arbeit oder Zuflucht suchen.

Sie bilden in der Regel eine nicht homogene multiethnische Gruppe. In Deutschland stammen erhebliche Teile aus Osteuropa und aus der Türkei. Letztere hat während des Kemalismus ihr Wissenschaftssystem mobilisiert, um ihre Bevölkerung als Teil der weißen Rasse auszuweisen. Heute gibt es dort unterschiedliche Spielarten des Rassismus, unter anderem gegen Kurden, Juden und Araber. Im arabisch geprägten Nahen Osten arbeitet ebenfalls eine große Zahl von Migranten, von denen viele aus dem Süden und Südosten Asiens kommen und denen erheblicher Rassismus entgegengebracht wird. Außerdem gibt es dort einen starken Antisemitismus und Rassismus gegen Schwarze. Andererseits sind Menschen aus dem Nahen Osten im Westen mit unterschiedlichen Spielarten des Rassismus konfrontiert. Vergleichbar vielschichtige Verhältnisse lassen sich von hier aus in alle Himmelsrichtungen verfolgen.

Leerstelle im Marxismus

Eine Rassismusanalyse, die solcher Komplexität gerecht werden will, muss rassistische Diskriminierung in ihrer jeweiligen Verbindung mit sozialen Strukturen untersuchen und dabei deren historische Entwicklung berücksichtigen. Klassenübergreifende rassistische Identitätsstiftung hat sich historisch unterschiedlicher Mittel bedient und macht das nach wie vor. Ihre Funktionsweise ist bislang nicht hinreichend untersucht. Das ist nicht zuletzt ein Versäumnis marxistischer Gesellschaftstheorie.

Im Werk von Marx und Engels ist Rassismusanalyse eine Leerstelle. Das hatte weitreichende Auswirkungen auf die Entwicklung der marxistischen Theorie. Sie beschäftigte sich lange Zeit nur unzureichend mit den zentralen Varianten des zeitgenössischen Rassismus: dem Antisemitismus und dem Kolonialrassismus. Die Sozialistische Internationale versagte bei ihrer Analyse wie ihrer Bekämpfung. Die Kommunistische Internationale machte zwar den Kampf gegen den Kolonialismus zum Programmpunkt, entwickelte aber keine Rassismustheorie. Das zeigte sich sowohl bei ihrem Umgang mit der Rassenfrage als auch mit dem Zionismus.

In den entsprechenden Diskussionen spielte das Verhältnis von »Klasse« und »Rasse« eine bedeutende Rolle. Wachsende Teile des antikolonialen und antiweißen Widerstands setzten auf einen kritisch gewendeten Rassenbegriff. Mit seiner Hilfe plädierten sie für den Kampf der »farbigen Rassen« gegen »weißen Chauvinismus«. In der Folge kam es zum Bruch zwischen »Class first«- und »Race first«-Positionen.

Der konnte in den theoretischen Debatten des 20. Jahrhunderts nicht überwunden werden. Eine Vermittlung zwischen beiden Kategorien gelang nicht. Statt dessen beschuldigten sich die Angehörigen der verschiedenen Lager gegenseitig eines ökonomisch verengten oder rassisch aufgeladenen Ansatzes. In der Folge trat die Klassenfrage immer mehr in den Hintergrund und wurde schließlich durch verschiedene Mischungen aus poststrukturalistischen, postkolonialen, postmarxistischen und immer mehr auch identitätslogischen Argumenten ersetzt.

Die schon zu Beginn des letzten Jahrhunderts formulierten Perspektiven der Rassismusanalyse stehen deswegen nach wie vor auf der Agenda. Das Plädoyer für eine sozialstrukturell orientierte Analyse rassistischer Vergesellschaftung hat seitdem nichts an Bedeutung verloren. Die vielzitierte Äußerung eines stellvertretenden Betriebsratsvorsitzenden der IG Metall in Sachsen macht das ebenso gespenstisch wie nachdrücklich deutlich. Auf das Thema »Flüchtlinge« angesprochen, erklärte er: »Die müssen raus« – und fügte hinzu: »Ich hätte kein Problem damit, jetzt mal Buchenwald wieder aufzumachen, einen Stacheldraht ringsrum, die dort rein, wir dort draußen.«

Wulf D. Hund ist Professor (i. R.) für Soziologie an der Universität Hamburg. Sein Forschungsschwerpunkt liegt auf der historischen Analyse von Rassismen. Von ihm erschien zuletzt: »Wie die Deutschen weiß wurden. Kleine (Heimat)Geschichte des Rassismus« (2017) und »Rassismus und Antirassismus« (2018). Eine Anzahl seiner Texte kann unter https://uni-hamburg.academia.edu/WulfDHund abgerufen werden.

Ähnliche:

*** Drei Wochen gratis, das Probeabo der jungen Welt: www.jungewelt.de/testen ***