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Aus: Ausgabe vom 21.02.2020, Seite 15 / Feminismus
Suizid in Berlin

»Wir sind niemandes Ehre«

Frauenräte in Berlin trauern nach mutmaßlichem Selbstmord um kurdische Aktivistin
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Huriye Ucar nahm häufig an Demos der kurdischen Community teil (Symbolbild)

Huriye Ucar war 38 Jahre alt und im Frauenrat und in der kurdischen Community in Berlin aktiv. Sie sei beliebt gewesen und in ihrem Umfeld geschätzt worden, habe aber auch unter familiärem Druck gestanden, schrieb die kurdische Nachrichtenagentur ANF, als sie am Montag Ucars Tod meldete. Die Aktivistin sei am Sonntag abend aus dem siebten Stock eines Hauses in Berlin-Tempelhof gestürzt. »Es soll sich um Selbstmord gehandelt haben«, heißt es in dem Bericht. Nach Angaben des kurdischen Frauenrats Dest-Dan und ihres Umfelds habe Huriye Ucar unter dem Druck ihrer Familie und insbesondere ihres Bruders gestanden. Die Verwandtschaft soll sich gegen ihre Verlobung gestellt haben. Die ANF veröffentlichte Fotos, die die 38jährige auf Demonstrationen mit einem Halstuch in den kurdischen Nationalfarben Rot, Gelb und Grün zeigen.

»Frauenmorde und Suizide sind politisch«, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung der Frauenräte Dest-Dan, Jiyan und Binevs Edesa (jesidischer Frauenrat) sowie des »Netzwerks für geflüchtete Frauen* und Kinder« Flamingo e. V. aus Berlin. Die Gründe für diese Morde und Selbsttötungen seien »Krieg, Armut, Unterdrückung, Hoffnungslosigkeit und das patriarchale System«. Der Staat sei für diese Zustände mitverantwortlich.

»Wir sind niemandes Besitz, Ware und niemandes Ehre. Ihr könnt unsere Entscheidungen über unseren Körper, unsere Seele und unser Leben nicht antasten«, schreiben die Initiativen weiter. »Wir werden unseren Kampf gegen jegliche Gewalt gegen Frauen bis zum Ende fortsetzen. In der Vergangenheit wurden Hatun Sürücü, Semanur und Yeter und Dutzende Schwestern, deren Namen wir nicht kennen, von uns genommen, heute ist es Huriye. Huriye hat sich das Leben genommen, weil sie keinen Ausweg mehr sah. Als Fraueneinrichtungen werden wir diese Schwestern, die uns vom Patriarchat genommen wurden, nicht vergessen. Wir werden nicht zu den Frauenmorden schweigen.« (ANF/jW)

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