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Aus: Ausgabe vom 31.12.2020, Seite 12 / Thema
Gegner des deutschen Militarismus

Verfolgt, verdrängt, vergessen

Zum 75. Todestag des Pazifisten, Antifaschisten und Ökonomen Oskar Stillich
Von Helmut Donat
An old French couple visiting their former house in the devastat
Im Ersten Weltkrieg hinterließ das deutsche Militär in Frankreich und in Belgien buchstäblich »verbrannte Erde« (ein französisches Ehepaar auf den Trümmern ihrer einstigen Behausung)

Am 31. Dezember 1945 ist der Nationalökonom, Pazifist und Antifaschist Oskar Stillich – unbemerkt von der deutschen Öffentlichkeit – an den Folgen jahrelanger Unterernährung gestorben. Bis heute ist er weithin vergessen, obwohl oder gerade weil er wichtige Einsichten zur deutschen Politik und Geschichte publiziert hat. Er teilt das Schicksal vieler anderer Deutscher, die als Opfer der »zweiten Schuld« (Ralph Giordano) anzusehen sind. Die Erinnerung an sie und ihr Lebenswerk ist systematisch von denen ausgelöscht worden, die nach 1945 alles taten, um ihre Schuld, ihre Mitschuld oder ihr Mitläufertum kleinzureden – oder sich als Historiker, Politiker, Journalisten etc. daran beteiligten, dem Mainstream, die Vergangenheit zu verdrängen, Genüge zu tun.

Pazifist der ersten Stunde

Oskar Stillich, am 26. September 1872 als Sohn eines niederschlesischen Mühlenbesitzers geboren, gehört zu den deutschen Pazifisten der »ersten Stunde«. Noch während seines Studiums in den 1890er Jahren beteiligte er sich am Aufbau der »Münchner Friedensvereinigung«. Stillich ist vor allem als Dozent, Redakteur, Journalist und Autor zahlreicher Bücher und Schriften hervorgetreten. Er war ein eifriger Förderer des Volkshochschulgedankens und, nach seiner Promotion, seit 1902 an der »Humboldt-Akademie« in Berlin beschäftigt, der größten deutschen Volkshochschule im Kaiserreich und in der Weimarer Republik. Seine Lehrtätigkeit verband er mit wissenschaftlicher Forschung, die sich auf verschiedene Gebiete erstreckte. Abgesehen von vielen Artikeln und Aufsätzen in Zeitungen und Zeitschriften hat Stillich mehr als sechzig Bücher und Broschüren verfasst: zu Themen der Sozial-, Staats-, Wirtschafts-, Handels- und Finanzwissenschaften, des Geld-, Bank-, Börsen- und Aktienwesens, des Sozialismus, der politischen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts und zur historischen Entwicklung der politischen Parteien Deutschlands. Des weiteren machte er auf soziale Missstände aufmerksam: 1899 mit der Schrift »Die Spielwaren-Hausindustrie des Meininger Oberlandes«, 1902 mit der ersten wissenschaftlichen Studie über »Die Lage der weiblichen Dienstboten in Berlin«. In seinen Arbeiten schilderte er die elende Situation und Ausbeutung der Heimarbeiter des Thüringer Waldes sowie die der Berliner Dienstboten.

Dass Stillich in seinen Büchern die Position der Sozialdemokraten und Gewerkschaften vertrat, störte zwar viele nicht, doch rief er damit auch Gegner auf den Plan. So erregte er etwa mit seinem Werk über die Grundsätze und die historische Entwicklung der deutschen »Konservativen« das Missfallen des preußischen Generals Colmar von der Goltz. Als glühender Anhänger des Alldeutschtums und typischer Vertreter der preußisch-neudeutschen »Macht-geht-vor-Recht-Politik« wollte er in Stillichs 1908 erschienenem Buch eine politisch-programmatische Tendenzschrift gegen die Konservativen sehen und gegen ihn vorgehen. Aber dieser erste Versuch, Stillich aus seinem Lehramt zu vertreiben, scheiterte am Widerstand der Dozentenschaft.

Den Krieg begriff Stillich als Minderung des Reichtums des Volkes. 1915 attackierte er in der Friedens-Warte die Profite der deutschen Schwer- und Kriegsindustrie. Als Mitbegründer der pazifistischen »Zentralstelle Völkerrecht« setzte er sich 1916 für einen raschen Verständigungsfrieden ein. Im Januar 1918 wandte er sich mit der Schrift »Deutschlands Zukunft bei einem Macht- und bei einem Rechtsfrieden« gegen den Annexionismus und alldeutsche Weltherrschaftsansprüche.

Stillichs Kriegsbilanz: »Von dem Gelde, das der Krieg direkt und indirekt verschlungen hat, hätten allen Familien der kriegführenden Länder – die Familie zu vier Personen gerechnet – Einfamilienhäuser gebaut werden können. Es ist gar nicht auszudenken, wie der allgemeine Wohlstand hätte zunehmen können, wenn der Weltkrieg vermieden worden wäre.« Stillich fragte: Wer ist eigentlich für die gewaltige Zerstörung von zahllosen Glücksmöglichkeiten, für all die Not und das Elend, das der Krieg über die Völker gebracht hatte, verantwortlich? Entgegen damals wie heute weit verbreiteten und dümmlich-rechtfertigenden Sichtweisen wie die von »Schlafwandlern« (Christopher Clark) konstatierte er kurz und knapp: »Deutschland trägt (…) den entscheidenden Schuldanteil an diesem größten Verbrechen der Weltgeschichte.«

1919 forderte Stillich eine »Sozialisierung der Banken«. »Die Ursachen unserer Wirtschafts- und Finanznot« – so auch der Titel einer 1920 erschienenen Schrift – und der Ruin der deutschen Wirtschaft waren nach seinem Urteil auf die bis zur Erschöpfung aller Kräfte mobilisierte Kriegsbereitschaft zurückzuführen und nicht auf die Deutschland auferlegten Wiedergutmachungsleistungen. Damit widersprach er der schon zu diesem Zeitpunkt weitverbreiteten Behauptung, die schlechte deutsche Wirtschaftslage sei eine Folge des Versailler Vertrags; nein, vielmehr sei sie das Ergebnis des Krieges.

Gerechte Beurteilung von Versailles

Insbesondere mit seinen Veröffentlichungen über dieses Vertragswerk übte Stillich auf große Teile der deutschen Friedensbewegung, des linksrepublikanischen Lagers sowie auf Teile der Gewerkschaften nachhaltigen Einfluss aus. Er ist der einzige deutsche Gelehrte, der sich in den 1920er Jahren in mehreren Schriften mit dem Versailler Frieden beschäftigt und sich für eine gerechte Beurteilung des Vertragswerkes ausgesprochen hat. Neben einer Reihe von Artikeln sind drei Publikationen zu nennen: »Der Friedensvertrag im Spiegel deutscher Kriegsziele«, »Katechismus des Friedensvertrages für Jugend und Volk« (beide 1922) und »Deutschland als Sieger« (1924).

Stillich wandte sich gegen die Politik der Nationalisten und Militaristen, welche die Ergebnisse des Weltkriegs rückgängig und Deutschland erneut »stark und wehrhaft« machen wollten. Das war leichter gesagt als getan. In Tausenden von Büchern, Broschüren, Artikeln, Reden und Ausstellungen wurde dem deutschen Volk die Parole vom »Schanddiktat« eingehämmert und für die Not und das Elend der Deutschen der sogenannte imperialistische Gewaltfrieden verantwortlich gemacht. Nicht der von deutscher Seite aus bewusst inszenierte Angriffs- und Eroberungskrieg, sondern die Folgen des Krieges wurden zum Übel erklärt. Stillich erkannte: Die Propaganda gegen Versailles war das große Mittel, die Kriegsschuld von 1914 zu verschleiern. Und von allen Parteien der Weimarer Republik wurde die Propaganda gegen das Vertragswerk unterstützt und geschürt. Sei es in der Form einer Revisionspolitik auf diplomatischer Ebene oder in der Spielart der wüstesten Hetze.

Stillichs nüchterne Analyse des Friedensvertrags offenbart: Die immer noch weit verbreitete Auffassung, »Versailles« sei schuld an dem Aufkommen und Erstarken der faschistischen Bewegung in Deutschland, stellt den Geschichtsverlauf geradezu auf den Kopf. Vielmehr war die Wirkung der Propaganda gegen die »Ketten von Versailles«, verbunden mit dem Ziel, die verlorengegangene Machtstellung Deutschlands wiederzuerlangen, so tiefgreifend, dass sie weit über die der NSDAP oder den Deutschnationalen zugehörenden Teile der Bevölkerung hinausreichte. Insofern hat die Revisions- und Hasspropaganda gegen Versailles viele Deutsche geistig im Kriegszustand belassen und damit den Nazis den Boden bereitet. Der Glaube, Deutschland sei zu Unrecht für die Folgen des Krieges haftbar gemacht worden, war für die Propaganda der Nazis so nötig wie die Luft zum Atmen.

Auch in seiner in zwei Auflagen erschienenen Schrift »Der Friedensvertrag von Versailles im Spiegel deutscher Kriegsziele« verdeutlichte Stillich, dass dieses Dokument nicht gar so ungerecht war, wie damals und heute behauptet wurde und wird. Er verglich es Vertrag mit den Verträgen, die Deutschland im Jahre 1918 der Sowjetunion und Rumänien – im wahrsten Sinne des Wortes – diktiert hatte. Der »Friede von Bukarest« habe sich eindeutig daran orientiert, Rumänien unter deutsches Joch zu bringen. Im »Frieden von Brest-Litowsk« wurde der Sowjetunion ein Drittel des Gebietes des früheren Zarenreiches abgenommen. Ein »deutscher Friede« hätte sich, wäre das Kaiserreich als Sieger aus dem Weltkrieg hervorgegangen, vom Versailler Vertrag der Entente-Mächte unterschieden wie die Nacht zum Tage. Vor allem diejenigen, die vor und nach Unterzeichnung des Vertrags gegen den Deutschland auferlegten »Schmachfrieden« geschrien hätten, besäßen dazu weder die politische Legitimation noch das moralische Recht. Denn gerade sie seien es gewesen, die alles dafür getan hätten, die Vereinbarungen von Bukarest und Brest-Litowsk zu einer unübersehbaren Demonstration der Gewalt zu machen. Nichts hätten diese Kreise unterlassen, um einem »deutschen Frieden« im Westen den gleichen Stempel aufzudrücken.

Die Lasten des Versailler Vertrags seien »gewiss hart«, aber nicht »unerträglich«. Wenn von deutscher Seite behauptet würde, es sei unmöglich, jährlich zwei Milliarden Goldmark als Wiedergutmachung zu zahlen, so entspreche das nicht den Tatsachen. Zum Beweis seiner These brachte Stillich den Verbrauch an alkoholischen Getränken und Tabak zur Sprache. Allein was das deutsche Volk 1920 vertrunken und verraucht habe, hätte ausgereicht, um die für dieses Jahr geforderte Reparationssumme zu zahlen. Zur Besinnung mahnend, stellte Stillich fest: »Nun führe ich diese Beispiele nicht deshalb an, um daraus die Folgerung zu ziehen, dass wir in Zukunft Wasser trinken und kein Geld mehr in Rauch aufgehen lassen sollen. Diese Zahlen beweisen vielmehr, dass der nicht notwendige Konsum heute in Deutschland weit über das hinausgeht, was die Entente als Wiedergutmachungssumme jährlich fordert. Es ist lächerlich zu behaupten, das deutsche Volk sei außerstande, diese Summe zu bezahlen. Es braucht nur ihm wichtig erscheinenden Luxus wesentlich einzuschränken, und die Möglichkeit der Zahlung ist gegeben. Die Schwierigkeit liegt hier nicht darin, was vorhanden ist, sondern darin, wie es für die Zwecke der Wiedergutmachung herangezogen wird (…) Es kommt darauf an, wie wir aus unserer Wirtschaft (…) unter Schonung des Menschen denjenigen Effekt durch eine rationalisierte Produktion herausholen, der nötig ist, nicht nur unseren eigenen Bedarf zu decken, sondern auch die geforderten Reparationssummen zu leisten. Das ist nicht eine Frage des Könnens, sondern des Wollens. Solange der Wille auf bloße Negationen eingestellt ist, auf den Schrei nach Revanche, auf das Ressentiment, verzetteln und vergeuden wir unsere Kraft.« Was Stillich forderte, war im Grunde nichts anderes als eine Revision der Revisionspropaganda gegen den Versailler Vertrag.

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Oskar Stillich, geboren am 26. September 1872, gestorben am 31. Dezember 1945

In einem seiner Vorträge führte Stillich 1923 in Pirmasens aus, dass die Wiedergutmachungen Deutschlands sich nicht auf einen Ersatz des Kriegsschadens bezogen. Damit widersprach er den von der deutschen Presse und zahlreichen Politikern in die Welt gesetzten Behauptungen, die Reparationen seien »Kriegsentschädigungen« und in der geforderten Höhe nicht bezahlbar. Keineswegs, so Stillich, sei die von Deutschland erwartete Summe zu hoch angesetzt. Daraufhin brüllten ihn die Zuhörer nieder.

Ungeheures Zerstörungswerk

Was aber wollten sie nicht hören? Sie waren nicht willens, sich vor Augen führen zu lassen, worauf die Wiedergutmachungen beruhten, die Deutschland aufzubringen hatte. Keineswegs sollte die Weimarer Republik für die gesamten Kriegsschäden aufkommen. Das hätte kein Land der Welt jemals ersetzen können. Wofür also sollte Deutschland Reparationen leisten? Neben Aufwendungen in Goldmark ging es um Sachlieferungen von Kohle und Telegrafenstangen an Frankreich und Belgien. Warum gerade Kohle? Und warum gerade Holz? Der Autor dieses Beitrags hat im Laufe der vergangenen vier Jahrzehnte viele Menschen danach gefragt. Bis auf einen Historiker, der inzwischen verstorben ist, wusste es keiner. Ich möchte behaupten, dass von 50.000 Deutschen, wenn überhaupt, es nur einer weiß. Die anderen tappen im dunkeln bzw. werden im dunkeln gelassen. Verwunderlich ist das nicht. Zwar weisen die deutschen Geschichtsbücher unserer Tage wohl auf die Lieferungen von Kohle und Holz an Frankreich und Belgien hin, doch über die Ursachen der Wiedergutmachungsleistungen erfährt man nichts. Warum also die Reparationen?

Im Oktober 1918 ordnete die Oberste Heeresleitung an, auf dem Rückzug der deutschen Truppen Nordfrankreich regelrecht zu verwüsten. Obstplantagen wurden böswillig zerstört, kein Baum blieb stehen. Die Deutschen setzten französische und belgische Kohlenbergwerke in sinnloser und verbrecherischer Weise unter Wasser. Bereits 1917 hatte man den etwa 125 Kilometer langen und 15 Kilometer breiten, nördlich und südlich der Somme, etwa zwischen Arras und Soissons gelegenen Geländestreifen unter dem Deckwort »Alberichbewegung« im Zuge einer Frontbegradigung planmäßig in eine öde, tote Wüste verwandelt. Häuser, Ortschaften, Gärten, Bäume – nichts blieb verschont. Die Wiedergutmachungen gründeten sich vor allem auf diese Politik der »verbrannten Erde«.

Führen wir uns einige Zahlen vor Augen: In Nordfrankreich sind fast 21.000 Fabriken vollständig zerstört worden, dazu gehörten sämtliche der Metallindustrie, der elektrischen und der Maschinenindustrie; des weiteren sind 4.000 Textil- und 4.000 Nahrungsmittelfabriken planmäßig zerschlagen oder ihrer Einrichtung beraubt worden, die man entweder nach Deutschland verbracht oder an Ort und Stelle kaputtgemacht hat. Auf Geheiß der Obersten Heeresleitung sind sämtliche Bergwerke in Nordfrankreich unter Wasser gesetzt worden; man brauchte zehn Jahre und mehr, um sie wieder in Betrieb zu nehmen. 1.659 Gemeinden und kleinstädtische Ansiedlungen bzw. Flecken wurden vollkommen dem Erdboden gleichgemacht; von 707 Flecken sind drei Viertel, von 1.656 Gemeinden wenigstens 50 Prozent zerstört worden. 319.269 Häuser wurden dem Erdboden gleichgemacht, 313.675 Häuser teilweise zerstört. Das ergibt mehr als 630.000 Häuser. Hinzu kommen 8.000 Kilometer Eisenbahnstrecken, fast 5.000 Brücken, 52.000 Kilometer Straßen. 3.800.000 Hektar Land mussten wieder urbar gemacht bzw. wieder aufgebaut werden, davon 1.740.000 Hektar bebautes Land. Die Verringerung der Gesamtkohlenförderung Frankreichs betrug nach 1918 etwa 50 Prozent, statt 42 Millionen nur noch 21 Millionen Tonnen.

Wer das Gebiet von einem Ende zum andern durchreiste, war geradezu entsetzt. Ein Teil der Zerstörungen ging auf Beschießungen und Kriegshandlungen zurück. Aber ein unglaublich großer Schaden ist mit Vorbedacht herbeigeführt worden in der Absicht, wesentliche Produktionsmittel zu zerstören. Das gilt ebenso für Belgien. Das Land nahm unter den Industrienationen der Welt 1914 den vierten Platz ein. Es hat diesen Rang infolge der deutschen Verwüstungen nie wieder zurückerlangt. Es stellt sich die Frage: Warum das alles? Die Antwort darauf gab der preußische General Moritz von Bissing, zwischen 1914 und 1917 »Generalgouverneur« von Belgien. Auf der ersten Versammlung der deutschen wirtschaftlichen Mission für Belgien erklärte er am 19. Juli 1915: »Das Ziel ist, dass Belgiens sich erholende Industrie der deutschen Industrie keinen Abbruch tue.«

Deshalb also wurden große Fabriken mutwillig zerstört, Maschineneinrichtungen zerschlagen oder komplizierte, nur schwer ersetzbare Maschinensysteme geraubt. Mit Dynamit sprengte man Brücken und feste Fundamente, mit Explosivgas machte man wichtige Apparate kaputt, um der französischen und belgischen Industrie zu schaden. Zahlreiche Maschinen und Einrichtungen wurden abgebrochen, um Deutschland mit Metall zu versorgen. Die französische Flachsindustrie, einer der wichtigen Produktionszweige in Frankreich, wurde so gut wie vernichtet. Das führte dazu, dass Deutschland, vor 1914 von Frankreich in Höhe von 8,5 Prozent seines Bedarfs versorgt, nach 1918 rund 50 Prozent des Flachsbedarfs an Frankreich lieferte. Verbrecherisch war auch der Umgang mit den absichtlich gesprengten Hochöfen und Walzwerken in Belgien; die Deutschen ließen ein Trümmerwerk zurück, damit die belgische Industrie nach Ende des Krieges Jahre brauchen sollte, um mit Deutschland wieder in Wettbewerb treten zu können. Betrachtet man die deutsche Lage, ist festzustellen: Die Gebäude in Deutschland hatten keinen Schaden erlitten; die Fabriken waren unversehrt geblieben. Gleich nach Kriegsende war es dort möglich, Waren herzustellen und an die Welt zu verkaufen. Die Konkurrenten in Belgien und Frankreich sahen sich indes vor die Tatsache gestellt, dass etliche ihrer Fabriken und Werkstätten zerstört und ihre Maschinen geraubt worden waren. Mit anderen Worten: Leistete Deutschland keine oder nur geringe Reparationen für die von ihm mutwillig begangenen Zerstörungen, so wäre dies darauf hinausgelaufen, dass die Sieger den Preis der Niederlage bezahlt und die Unterlegenen die Frucht des Sieges geerntet hätten.

Die Versailles-Rezeption in der Bundesrepublik war und ist weitgehend geprägt von der Auffassung, der Vertrag habe die Nazis stark gemacht und Deutschland sei ungerecht behandelt worden. Auch in den anlässlich des 100. Jahrestages der Unterzeichnung des Vertrags veröffentlichten Büchern von deutschen Historikern findet sich kein Anflug von den Erkenntnissen Oskar Stillichs. Nicht einmal sein Name wird genannt, lediglich seine Publikation über den »Friedensvertrag im Spiegel deutscher Kriegsziele« findet sich im Literaturverzeichnis des viel rezipierten Werks »Die große Illusion« von Eckart Conze. Mehr nicht.

Den Nachlass versteckt

Wie bereits 1912 scheiterte 1925 der Versuch deutschnationaler Kreise, den Privatgelehrten aus dem Dozentenamt der Berliner Humboldt-Akademie zu vertreiben. Mit seinem anonym veröffentlichten Reihenwerk des »Deutsch-völkischen Katechismus« klärte Stillich seit 1929 darüber auf, in welchem Ausmaß große Teile des deutschen Volkes längst vor dem Wahlerfolg der NSDAP von 1930 von völkisch-rassistischem Ungeist durchtränkt waren und in welchen Parteien, Vereinen, Verbänden und Orden sich die kriegstreiberischen und republikgefährdenden Kräfte organisiert hatten. Drei der auf zehn geplanten Bände sind bis 1933 erschienen. Der vierte über die »Deutschvölkische Religion« war druckfertig, konnte aber wegen der Machtübergabe an die Nazis und Deutschnationalen nicht erscheinen. Ebenso sind viele Vorarbeiten zu weiteren Aspekten des deutschvölkischen Denkens erhalten geblieben – Materialien, die offenbaren, in welchem Ausmaß sich Antisemiten, Rechtsextremisten und Rassisten gerade auf den völkischen Ungeist berufen – so wie heute der formal aufgelöste »Flügel« der AfD.

Gleichwohl hat die Bundeszentrale für politische Bildung es im August 2019 abgelehnt, die Veröffentlichung bzw. Wiederveröffentlichung von Stillichs Arbeiten über die weitverzweigten Ausformungen des deutschvölkischen Denkens zu unterstützen, »versagen wir uns doch in aller Regel«, so die Begründung, »eng biografischen Zugriffen auf die Zeitgeschichte«.

1933 verlor Stillich sein Lehramt. Trotz eines Rede- und Schreibverbotes setzte er sich in einer Reihe von Arbeiten mit den Auswirkungen des Faschismus auf das Denken und Handeln des deutschen Volkes auseinander. Diese Analysen verdeutlichen, »dass der Ungeist des Nationalsozialismus nicht an die Herrschaftsperiode des Dritten Reichs gebunden war, sondern sich schon vorher in der Mentalität zahlreicher und einflussreicher Deutscher ausprägte« (so der Völkerrechtler und Pazifist Hans Wehberg) und – so ist hinzufügen – auch heute nicht vollends überwunden ist. Gleichwohl stieß Stillichs Vorhaben, nach dem Zweiten Weltkrieg mit seinen Studien über die Ursachen und Folgen der Naziherrschaft einen Beitrag zur Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit zu leisten, auf taube Ohren. Als sein Sohn Stephan im Sommer 1953 die Manuskripte an das Institut für Zeitgeschichte (IfZ) in München sandte, erhielt er Ende September die Mitteilung, »sich noch etwas gedulden zu wollen«. Danach schob man die Sache auf die lange Bank – und tat nichts. Zu den behandelten Themen gehören u. a.: »Die Militarisierung der Sprache und des Volkes«, »Rassentheorie«, »Reagrarisierung Deutschlands«, »Hitlers Verrat an der Kunst und Kritik an dessen Reden«, »Der Nationalsozialismus und das Heilige« – alles auf hohem wissenschaftlichen Niveau und gut lesbar.

Erst als Stephan Stillich im Januar 1957 an die Studien seines Vaters erinnerte, nahm sich nach nunmehr fast vier Jahren erstmals ein Mitarbeiter und Historiker des IfZ der Abhandlungen an und wartete Anfang April 1957 mit dem Bescheid auf, in dem – an Ausflüchten reich – eine Veröffentlichung wegen »der Unvollkommenheit der Manuskripte« und einer zuvor notwendigen gründlichen Überarbeitung abgelehnt wurde. Doch damit nicht genug. Als ich von Stephan Stillich im Sommer 1978 erfuhr, dass sich die Studien im IfZ befänden, wandte ich mich an das Institut und bat um Einsicht. Die Antwort war für uns beide überraschend: Es seien im Archiv des IfZ keine Arbeiten von Oskar Stillich vorhanden. Auch eine Nachfrage und weiteres Suchen erbrachten nichts. Die Manuskripte blieben verschwunden. Wir wollten den Fall gerade öffentlich machen, als eine Sekretärin des IfZ am 12. April 1979 mitteilte: »Die auf Ihre Anfragen Nov. 78/Jan. 79 hin ausgelösten intensiven Recherchen erbrachten gestern völlig überraschend einen Erfolg: Ein schon längst ausgeschiedener Mitarbeiter des Hauses gab (…) drei Bündel mit Aufzeichnungen Oskar Stillichs zurück.« 25 Jahre lang hat also ein Historiker des IfZ die über die Nazizeit hinweg geretteten Studien bei sich zu Hause aufbewahrt. Ohne unsere Beharrlichkeit wären die Manuskripte wohl für immer den Blicken der Öffentlichkeit entzogen worden und verloren gewesen. Eine Entschuldigung für das Fehlverhalten ist nicht erfolgt. Die kritischen Studien hätten, in den 1950er Jahren publiziert, zu einer wichtigen, vielleicht sogar wegweisenden Debatte über die Ursachen und Folgen des Naziregimes führen können. Das aber wollten das IfZ bzw. jene, die damals im Institut mit Stillichs Manuskripten befasst waren, offenbar vermeiden.

Oskar Stillichs Schriften über den Versailler Vertrag sowie der erste Band seines »Deutschvölkischen Katechismus« (Titel: »Begriff und Wesen des Deutschvölkischen«) sind abrufbar auf der vom Donat Verlag eingerichteten Website Oskarstillich.de. Dort werden in den nächsten Monaten weitere Schriften Stillichs erscheinen, so auch die vom IfZ abgelehnten Abhandlungen über »Die Militarisierung der Sprache und andere Studien zum Dritten Reich«.

Helmut Donat schrieb an dieser Stelle zuletzt am 8. Dezember über pazifistische Offiziere nach dem Ersten Weltkrieg.

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Debatte

  • Beitrag von Ines H. aus C. (31. Dezember 2020 um 09:48 Uhr)
    Vielen Dank, dass solche Menschen und ihre Ideen vor dem Vergessen bewahrt werden. Manchmal verdrängen wir, dass konsequent humanistisches Denken auch außerhalb des Marxismus existiert, und stoßen dessen Anhänger vor den Kopf, statt ihnen zuzuhören und mit ihnen um gemeinsame Ziele und Aufgaben zu disputieren.

    Agnes Schleicher, Chemnitz
  • Beitrag von Marco O. aus B. (31. Dezember 2020 um 12:25 Uhr)
    Auch von mir vielen Dank dafür.

    Vieles war mir nicht bekannt.

    Selbst im DDR-Geschichtsunterricht wurde das Ausmaß der Zerstörungen in Belgien, Frankreich und den Niederlanden nicht in dem Maß thematisiert.

    Seine Argumente erschließen sich angesichts der Zerstörungen.
    • Beitrag von Josie M. aus J. (31. Dezember 2020 um 19:08 Uhr)
      Auch von mir vielen Dank! Ja, die Schriften von Oskar Stillich wären in der Nachkriegszeit des Zweiten Weltkriegs eine große Hilfe zur »Ehrlichmachung« der BRD gewesen und ohnehin ein »gefundenes Fressen« für uns »68er«.

      Josie Michel-Brüning, Wolfsburg

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