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Aus: Ausgabe vom 21.02.2020, Seite 1 / Titel
Angriffe auf Shishabar und Café

Mörderischer Rassenwahn

Zehn Tote nach Massaker in Hanau. Täter erschießt sich selbst. Er soll Sportschütze und den Behörden nicht bekannt gewesen sein
Von Claudia Wangerin
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Projektil in unmittelbarer Nähe des Tatorts am Heumarkt in Hanau

Nach ersten Verlautbarungen war Tobias Rathjen, der am Mittwoch abend in Hanau neun Menschen aus offenkundig rassistischen Motiven getötet hat, bevor er seine eigene Mutter und sich selbst erschoss, weder dem Verfassungsschutz noch der Polizei bekannt. Hessens Innenminister Peter Beuth (CDU) erklärte am Donnerstag laut einem Bericht der Nachrichtenagentur AFP, der 43jährige Bankkaufmann sei nach seinen Informationen Sportschütze gewesen und habe legal Waffen besessen. Weil es »Anhaltspunkte für eine fremdenfeindliche Motivation« gebe und der Verdacht einer terroristischen Gewalttat bestehe, ermittle in dem Fall die Bundesanwaltschaft.

Die ersten Schüsse waren nach Polizeiangaben gegen 22 Uhr in der Shisha-Bar »Midnight« am Heumarkt gefallen, darauf folgte ein Angriff auf einen Kiosk mit Café. Außer der Mutter des Täters, der ein Youtube-Video und ein wirres rassistisches »Manifest« hinterließ, hätten alle Ermordeten einen Migrationshintergrund, berichtete am Donnerstag die Deutsche Presseagentur unter Berufung auf Sicherheitskreise – dies gelte auch für vier der fünf Personen, die bei den Angriffen verletzt worden seien.

»Unter den Toten befinden sich auch mehrere Opfer kurdischer Herkunft«, erklärte der kurdische Dachverband Kon-Med (Konföderation der Gemeinschaften Kurdistans in Deutschland). Die Hinterbliebenen versammelten sich demnach im Kurdischen Kulturzentrum Hanau, »wo zahlreiche Menschen in dieser schweren Stunde an ihrer Seite stehen und ihren Schmerz teilen«. Der türkische Botschafter in Berlin, Ali Kemal Aydin, zählte »fünf türkische Staatsbürger« unter den Toten. Die Bundesanwaltschaft sprach am Nachmittag von »sowohl ausländischen als auch deutschen Staatsangehörigen« zwischen 21 und 44 Jahren, die von Rathjen getötet worden seien, bevor er auch seine 72jährige Mutter erschoss.

Viele in Deutschland lebende Kurden sind türkische Staatsbürger. Hinweise auf einen speziell antikurdischen Hintergrund gab es bisher nicht, dafür um so mehr auf einen pauschaleren Rassenwahn.

»Die politische Rhetorik der AfD und ihre Verharmlosung durch die Medien und Politiklandschaft bereiten den Nährboden für den rechten Terror in Deutschland«, erklärte Kon-Med.

Bereits fünf Tage vor der Tat hatte Rathjen ein Youtube-Video veröffentlicht, in dem er zwar nicht direkt eine eigene Gewalttat in Deutschland ankündigte, aber zum Kampf gegen mutmaßliche Verschwörer aus den USA aufrief und gegen Migranten aus arabischen Ländern sowie der Türkei hetzte. In den USA würden Kinder in unterirdischen Militäreinrichtungen misshandelt und getötet; auch satanische Rituale seien dort üblich. In einem Schreiben, das er neben dem Video hinterließ, äußerte Rathjen Vernichtungsphantasien gegen ganze Völker, deren Ausweisung aus Deutschland nicht zu schaffen sei. Das Video vom 14. Februar war am Donnerstag morgen noch im Netz zu sehen. Die Bundesanwaltschaft teilte am Nachmittag mit, es habe keine Verfahren mit politischem Bezug gegen den nicht vorbestraften Mann gegeben.

»Egal, wie wirr der Täter gewesen sein mag, die Auswahl der Opfer ist Ausdruck eines gesellschaftlichen Rassismus. Diesen Rassismus müssen wir bekämpfen«, erklärte die Bundestagsabgeordnete Martina Renner (Die Linke). Auch Politiker aus Bundes- und Landesregierungen reagierten am Donnerstag auf das Blutbad. »Rassismus ist ein Gift, der Hass ist ein Gift«, so Bundeskanzlerin Angela Merkel. »Dieser Tag ist ein tiefer Einschnitt«, sagte Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) in Hanau.

Am Abend sollten in mehreren Städten Spontandemos und Mahnwachen antirassistischer Gruppen und der kurdischen Community stattfinden.

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