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Aus: Ausgabe vom 21.02.2020, Seite 12 / Thema
Psychologie

Verdrängter Klassiker

Nicht nur von historischem Interesse – die vergriffene Originalfassung von Wilhelm Reichs »Massenpsychologie des Faschismus« ist neu aufgelegt worden
Von Andreas Peglau
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Potentielle faschistische Massenbasis: Vom »autoritären Miniaturstaat der Familie« zugerichtete Kinder und Jugendliche (Wien, März 1938)

Am 14. Juli 1886 bekannte Friedrich Engels in einem Brief an Franz Mehring, er und Marx hätten »die Art und Weise« des Zustandekommens von »politischen, rechtlichen und sonstigen ideologischen Vorstellungen und durch diese Vorstellungen vermittelten Handlungen« vernachlässigt. Bis auf die randständig gebliebene »Kritische Theorie« klafft diese Lücke bis heute im Marxismus: Kindheit, Erziehung, Sozialisation, Psyche, Motive, Bewusstsein, erst recht unbewusste Prozesse spielen hier keine qualifizierte Rolle. Aber wie ließe sich jemals ein Gemeinwesen errichten, in dem »die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist« und in dem gilt: »Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen« – wenn nicht systematisch erforscht und einbezogen wird, was genau ein freies Individuum auszeichnet, welche Bedingungen es benötigt, um frei zu sein, über welche Fähigkeiten Menschen verfügen, und welche Bedürfnisse sie antreiben?

Entgegen den eigenen Interessen

Die dafür zuständige (tiefen-)psychologische Wissenschaft gilt jedoch vielen Linken als Ablenkung vom »Eigentlichen«, vom Klassenkampf. Individuelles wird vielfach als Gegensatz zum Politischen verstanden. Menschen werden mit Vorliebe als unbeschriebene Blätter betrachtet, auf welche die jeweilige Gesellschaft eben ihren Text schreibt, irgendwie, irgendwann.

Doch wenn dem so wäre, weshalb brachten dann Jahrzehnte an »realem Sozialismus« keine nachhaltigen Eintragungen auf diesen Blättern zustande? Wieso hat die Mehrheit der DDR-Bürgerinnen und -Bürger 1990 die kapitalistische Pseudofreiheit gewählt statt den Versuch, den eigenen Staat sinnvoll umzugestalten? Wie ist es möglich, dass sich Menschen – auch heute wieder – entgegen ihren objektiven Interessen verhalten, verlogenen Politikern und offen reaktionären Parteien hinterherrennen oder freiwillig Systemen zuarbeiten, in denen sie manipuliert, ausgebeutet, unterdrückt oder gar in den Tod geschickt werden?

Zu den wenigen, die fundiert auf derartige Fragen antworteten, gehört Wilhelm Reich (1897–1957). Er war, bis er 1930 von Wien nach Berlin zog, einer der kreativsten und wichtigsten Mitstreiter Sigmund Freuds. In Deutschland wurde er zum meistgelesenen psychoanalytischen Autor nach Freud. In Österreich hatte ihn die Kommunistische Partei im Herbst 1930 als Kandidaten für den Nationalrat aufgestellt. In Berlin umgehend KPD-Mitglied geworden, gehörte er alsbald zum Führungsgremium der KP-nahen Sexualreformbewegung und war als Lehrer an der Marxistischen Arbeiterschule (MASCH) tätig.

Im Spätsommer 1933 veröffentlichte Reich im dänischen Exil die »Massenpsychologie des Faschismus«, ein Meilenstein innerhalb dessen, was heute Rechtsextremismusforschung genannt wird. Psychoanalytische Bücher, die eine auch nur annähernd so gründliche Aufarbeitung psychosozialer Wurzeln rechter Bewegungen bieten wie Reichs »Massenpsychologie« und Erich Fromms »Anatomie der menschlichen Destruktivität« (1973) sind bis zum heutigen Tag nicht erschienen.

Zwischen 1933 und 1941 war Reich der einzige Psychoanalytiker weltweit, der sich offen und öffentlich gegen den Faschismus wandte, ab 1935 auch gegen den Stalinismus. Eine bemerkenswerte Gestalt also in der Geschichte von Wissenschaft und Arbeiterbewegung, von der jedoch nur noch ein kümmerliches Zerrbild existiert. Wie kommt das?

»Undurchsichtige Schleimhaut«

Ein konformistischer Kommunist war Reich zu keinem Zeitpunkt. Nachdem er 1932 in seinen Publikationen Kritik an Friedrich Engels’ Auffassungen über den Ursprung der Familie geäußert und seinen Genossen bescheinigte hatte, ihnen stecke die bürgerliche Sexualmoral »viel tiefer in den Knochen, als wir alle glauben«, geriet er ins Kreuzfeuer der Kritik. Binnen Kürze war in Gestalt der ZK-Funktionäre Ernst Schneller, Wilhelm Pieck und Ernst Grube die höchste Parteiebene einbezogen. Nach der Machtübergabe an die NSDAP wurden die Differenzen unüberbrückbar. Gemäß der Kommunistischen Internationale handelte es sich bei der Hitlerdiktatur um die »Vorstufe« einer »großen Umwälzung«. Reichs Urteil fiel anders aus. Der erste Satz seiner »Massenpsychologie« lautete: »Die deutsche Arbeiterklasse hat eine schwere Niederlage erlitten und mit ihr alles, was es an Fortschrittlichem, Revolutionärem, Kulturgründendem, den alten Freiheitszielen der arbeitenden Menschheit Zustrebendem gibt.«

Am 21. November 1933 erfuhr Reich aus der dänischen KP-Zeitung Arbejderbladet von seinem Hinauswurf aus den kommunistischen Organisationen. Als Begründung wurde dort unter anderem benannt: »die Herausgabe eines Buches mit konterrevolutionärem Inhalt« – gemeint war die »Massenpsychologie«.

1933/34 wurde diese Schrift von Trotzkisten, Freidenkern, dänischen Sozialdemokraten, Anarchisten und Mitgliedern der Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) positiv rezensiert. In der Neuen Weltbühne vom Dezember 1933 bestätigte Ludwig Marcuse: »Reich sucht (…) das theoretische Fundament für eine realistische (…) Propaganda gegen den Faschismus. Er ist, wohl mit vollem Recht, der Ansicht, dass der Marxismus in seiner heutigen theoretischen Gestalt eine solche Propaganda nicht fundieren kann.«

Ganz anders urteilten erwartungsgemäß die kommunistischen Blätter. Am 7. Januar 1934 ließ sich dem in Prag erscheinenden Gegen-Angriff entnehmen, »dass der vorübergehende Erfolg Hitlers allerhand Kleinbürger, die sich – wie Reich – für Kommunisten halten, mitgerissen hat«. Am 30. April 1934 ergänzte die Deutsche Volkszeitung: Die »Massenpsychologie« gebe »völlig die Position des internationalen Trotzkismus« wieder. Der »Sexualprediger« Reich überziehe »den Klassencharakter des Faschismus mit einer undurchsichtigen Schleimhaut gehemmter Sexualität«.

1936 tauchte Reich – der zwischen 1933 und 1936 Kontakt zu Leo Trotzki hatte – auf einer von Komintern-Generalsekretär Georgi Dimitroff abgezeichneten Liste mit »trotzkistischen und anderen feindlichen Elementen« auf. 1937 denunzierte ihn der Komintern-Funktionär und spätere SPD-Politiker Herbert Wehner neben drei Dutzend weiteren (Ex-)Genossen beim NKWD als den »Trotzkisten Reich (lebt in Norwegen)«. Eine Rehabilitierung Reichs innerhalb der kommunistischen Bewegung erfolgte nie.

»Missbrauch der Psychoanalyse«

Der Internationale Psychoanalytische Vereinigung (IPV) und die Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft (DPG) strichen Reich bereits im Juli 1933 klammheimlich aus ihren Mitgliederlisten. Die DPG hatte sich sofort den neuen Herren in Berlin angedient – und die IPV unterstützte sie dabei nach Kräften. Mit dem populären Antifaschisten Reich als Mitglied wäre das undurchführbar gewesen. Der DPG-Vorsitzende Felix Boehm berichtete, im Frühjahr 1933 seien »in öffentlichen Anlagen und Straßen Zehntausende von Zetteln verteilt und angeklebt worden (…) mit dem Inhalt: ›Schützt unsere Jugend vor der Reichschen Kulturschande!‹«.

Der Ausschluss Reichs wurde im August 1934 auf demselben IPV-Kongress öffentlich gemacht, bei dem der Anpassungskurs der »arischen« Analytiker abgesegnet wurde. In der Eröffnungsrede versuchte der britische IPV-Präsident Ernest Jones, Reich und andere linke Analytiker zu stigmatisieren: »Der Versuch, eigene soziale Ideen im Namen der Psychoanalyse zu verbreiten, (…) ist ein Missbrauch der Psychoanalyse, den ich entschieden rügen und zurückweisen möchte.«

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Der Psychoanalytiker Wilhelm Reich im norwegischen Exil (Oslo 1935)

Karl Landauer erwähnte 1934 als einziger Psychoanalytiker öffentlich die »Massenpsychologie«. In der Zeitschrift für Sozialforschung lobte er, Reich gebe sich »mit Schlagworten wie Verneblung der Massen und Massenpsychose nicht zufrieden«. Ansonsten konzentrierten sich Reichs Exkollegen darauf, seine Verdienste zu leugnen und ihm schwere seelische Störungen anzudichten. So gelang allmählich die Umdeutung eines der profiliertesten Freud-Schüler in eine querulatorisch-psychotische Randfigur der Geschichte der Psychoanalyse.

Reichs sozialkritisches Werk spielt im Mainstream der Psychoanalyse keine Rolle, angemessene Diskussionen der »Massenpsychologie« sucht man dort vergebens. Dies entspricht einem grundsätzlichen Trend: Der Anpassungskurs gegenüber dem Faschismus und die zeitgleich in den USA erfolgende Medizinalisierung der Freudschen Lehre entzogen den auf Gesellschaftskritik und -veränderung ausgerichteten analytischen Strömungen ihre Basis – bis heute. Zu keinem Zeitpunkt hat die IPV versucht, Reich zu rehabilitieren.

Zerstörer »der Sittengesetze«

Selbstverständlich trugen auch Faschisten dazu bei, Reich – der als »jüdischer Kommunist« perfekt ihrem Feindbild entsprach – zur Unperson zu machen. Nachdem seine Wohnung durchsucht und er am 2. März 1933 im Völkischen Beobachter als Zerstörer »der Sittengesetze« attackiert worden war, flüchtete Reich aus Deutschland. Am 10. Mai 1933 gehörte er neben Sigmund Freud zu den vier Psychoanalytikern, deren Schriften in Berlin verbrannt wurden. Noch im selben Monat standen Reichs sämtliche Veröffentlichungen auf dem NS-Index, zwei Jahre, bevor Freuds Schriften dasselbe Schicksal ereilte. Observierung, Ausweisung und – nach dem Anschluss Österreichs an Nazideutschland – Ausbürgerung folgten sowie die Vorbereitung eines Hochverratsprozesses gegen ihn und den mit ihm befreundeten Willy Brandt, den späteren Bundeskanzler. Im Mai 1935 gab der Deutsche Reichsanzeiger das Verbot aller seit 1932 erschienenen Druckerzeugnisse Reichs bekannt. Als das Propagandaministerium bald darauf die erste »Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums« erstellte, waren sämtliche Arbeiten Reichs aufgeführt. Bereits im März 1934 war die »Massenpsychologie des Faschismus« ins Verzeichnis der Deutschen Bücherei in Leipzig eingetragen worden: als Publikation, die nicht mehr öffentlich genutzt und erwähnt werden durfte.

Es ist nach alldem kein Wunder, dass die Erstausgabe dieses Buches nahezu vollständig in Vergessenheit geriet. Bezieht sich jemand auf Reichs »Massenpsychologie«, ist fast durchweg die 1946 erschienene, englischsprachige dritte Auflage gemeint, die seit 1971 in Deutsch vorliegt. Doch diese dritte Auflage unterscheidet sich gravierend vom Original.

1933 war es Reichs erklärtes Ziel, Elemente aus Psychoanalyse und Marxismus zu etwas Neuem zu verschmelzen, das er »Sexualökonomie« nannte. Als er sich 1942, seit drei Jahren in den USA lebend, der Überarbeitung der »Massenpsychologie« zuwandte, hatte er sich von Freud und Marx und erst recht von jeder Art Parteipolitik distanziert und seinem Wirken einen neuen Schwerpunkt gegeben: die Erforschung von Lebensenergie, die er »Orgon« nannte. Er suchte nun nach Formulierungen, die sich auch auf den Stalinismus sowie auf alle autoritär-despotischen, patriarchalischen Systeme anwenden ließen. Doch viele dieser Formulierungen waren nicht geeignet, den Kapitalismus, die Weimarer Republik und die nationalsozialistische Bewegung mit derselben Exaktheit abzubilden wie in der ersten Buchauflage. Obwohl die 1946er Ausgabe eine bemerkenswerte Weiterführung darstellt, die Lektüre des Originaltextes ersetzt sie nicht.

Verdrängt statt verwendet

Auch in aktuellen Publikationen zu Autoritarismus, Faschismus, Holocaust, zur NS-Täterforschung und zum Rechtsextremismus findet Reichs Schrift selten Erwähnung. Das ist erstaunlich, weil sich dessen Auffassung des Faschistischen als autoritär, nationalistisch, rassistisch – insbesondere antisemitisch –, militant und (Männer-)Gewalt verherrlichend, hochgradig deckt mit als gültig erachteten Definitionen des »Rechtsextremismus«. Und es ist bedauerlich, weil Reich einige unverzichtbare Aspekte in die Debatte einbrachte – wie die gegenseitige Abhängigkeit von Führern und Geführten und die Mitverursachung von rechten Orientierungen durch lust- und körperfeindliche Religionen, durch Unterdrückung von Kindern, Frauen und Sexualität, kurz: durch das Patriarchat. Erst die autoritäre, gefühls- und sexualitätsunterdrückende Sozialisation machte aus psychisch noch recht gesunden Säuglingen zahme Untertanen, Rassisten und zerstörungswillige Fanatiker – und damit: potentielle Faschisten. Letzteren Vorgang beschreibt Reich so:

»Die moralische Hemmung der natürlichen Geschlechtlichkeit des Kindes macht ängstlich, scheu, autoritätsfürchtig, gehorsam, im bürgerlichen Sinne brav und erziehbar; sie lähmt, weil nunmehr jede aggressive Regung mit schwerer Angst besetzt ist, die auflehnenden Kräfte im Menschen, setzt durch das sexuelle Denkverbot eine allgemeine Denkhemmung und Kritikunfähigkeit; kurz, ihr Ziel ist die Herstellung des an die privateigentümliche Ordnung angepassten, trotz Not und Erniedrigung sie duldenden Staatsbürgers. Als Vorstufe dazu durchläuft das Kind den autoritären Miniaturstaat der Familie, an deren Struktur sich das Kind zunächst anpassen muss, um später dem allgemeinen gesellschaftlichen Rahmen einordnungsfähig zu sein. (…) Ist nämlich die Sexualität durch den Prozess der Sexualverdrängung aus den naturgemäß gegebenen Bahnen der Befriedigung ausgeschlossen, so beschreitet sie Wege der Ersatzbefriedigung verschiedener Art. So zum Beispiel steigert sich die natürliche Aggression zum brutalen Sadismus, der ein wesentliches Stück der massenpsychologischen Grundlage desjenigen Krieges bildet, der von einigen wenigen aus imperialistischen Interessen inszeniert wird.«

Das erlaubt einen bedeutsamen Schluss: Ließe sich dafür sorgen, dass diese Art von Sozialisation nicht mehr stattfindet, hätten faschistische Systeme keine Massenbasis und rechte Bewegungen keine Chance. Psychisch gesunde Menschen wollen weder unterdrücken noch unterdrückt werden. Sie ertragen keine Diktatur, erst recht nicht, wenn diese so brutal ausgeübt wird wie im Faschismus.

Autoritäre Charaktere

Aber was verstand Reich 1933 überhaupt unter »Faschismus«? Reich sah den Faschismus als eine bis weit ins Proletariat hineinwirkende »Mittelstandsbewegung«. Objektiv nutze diese Bewegung jedoch den reaktionärsten Kreisen der Großbourgeoisie, werde nicht zuletzt von deren Angst vor einer sozialistischen Revolution angetrieben. Zugleich sei Faschismus der zugespitzte Ausdruck massenhafter autoritärer Charakterstrukturen, die Führung und weite Teile der Geführten verbinde.

Mittels der Rassenideologie, der »theoretische(n) Achse des deutschen Faschismus«, werde nicht nur versucht, »imperialistischen Tendenzen einen biologischen Mantel umzuhängen«. Der Judenhass helfe zugleich dem einzelnen Nationalsozialisten, seine psychosexuellen Blockaden zu ignorieren: Habe die christliche Religion seit Jahrhunderten das Sexuelle »als eine internationale Eigenschaft des Menschentums, von dem nur das Jenseits erlösen könne«, angefeindet, so verlege nun der »nationalistische Faschismus das Sexualsinnliche in die ›fremde Rasse‹«. Der Nationalsozialist bekämpfe also im Feindbild des Juden auch seine eigene verleugnete Sexualität. Da sich diese Verleugnung wiederum nicht auf NSDAP-Mitglieder beschränke, sei Faschismus auch »das Aufbäumen einer sexuell ebenso wie wirtschaftlich todkranken Gesellschaft gegen die (…) Tendenzen des Bolschewismus zur sexuellen ebenso wie ökonomischen Freiheit«.

Reich beschrieb somit Faschismus als psychisches, soziales, ökonomisches sowie politisches Phänomen und ordnete ihn zugleich in umfassendere geschichtliche Zusammenhänge ein. Ein dauerhafter Schutz vor faschistoiden Entwicklungen war für ihn deshalb ohne psychologisch-psychoanalytisches Verständnis gesellschaftlicher Prozesse, ohne gravierende Veränderungen in Erziehung, Bildung, Sexualität, ohne Überwindung patriarchaler Normen nicht denkbar. Daraus schloss er im März 1934, im Nachwort zur zweiten Auflage der »Massenpsychologie«: »Versucht man die Struktur der Menschen allein zu ändern, so widerstrebt die Gesellschaft. Versucht man die Gesellschaft allein zu ändern, so widerstreben die Menschen. Das zeigt, dass keines für sich allein verändert werden kann.«

Von aktueller Bedeutung

Der gegenwärtige politische Rechtsruck hat Reichs Klassiker neue Brisanz verliehen. Mittels seiner Thesen ließe sich zu den Wahlerfolgen rechter Parteien wie folgt argumentieren: Die emanzipatorische Linke glaubt an das Gute, Soziale im Menschen. Sie propagiert daher Solidarität, Fairness usw., letztlich Freiheit und Gleichheit. Aber sie ignoriert, dass die allermeisten von uns durch in der Kindheit beginnende, unterdrückende, entfremdende, autoritäre Sozialisation psychisch deformiert wurden und werden. Das macht tendenziell unsozial, unfair, unsolidarisch, destruktiv. Es erzeugt Angst vor Freiheit und vor Konfrontation mit bestehender Macht, sorgt dafür, dass statt dessen nach Sündenböcken für das unbefriedigende Dasein gesucht wird, die attackiert werden können, ohne sich selbst zu gefährden. 1933 waren es Juden und Kommunisten, heute sind es insbesondere Flüchtlinge. Die Langzeituntersuchungen der Leipziger »Mitte«-Studien zu autoritären und rechtsextremen Einstellungen ergaben in den Jahren 2016 bzw. 2018: 80 Prozent der Deutschen haben mindestens einzelne fremdenfeindliche Einstellungen. Autoritäre Aggression, das Nach-unten-treten-Wollen der autoritär strukturierten Charaktere kennzeichnet knapp 70 Prozent der deutschen Bevölkerung.

Genau dort setzt die Rechte – unbewusst – an. Das heißt: Während die Linke sich an einen idealen Menschen wendet, den es in der Realität kaum gibt, holt die Rechte die Massen in ihren autoritär-destruktiven Charakterstrukturen ab – und gewinnt. Reich schrieb: »Nur dann, wenn die Struktur einer Führerpersönlichkeit mit massenindividuellen Strukturen breiter Kreise zusammenklingt, kann ein ›Führer‹ Geschichte machen.«

Andreas Peglau ist Diplom-Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut und Psychoanalytiker.

Wilhelm Reich: Massenpsychologie des Faschismus. Der Originaltext von 1933. Psychosozial-Verlag, Gießen 2020, 280 S., 32,90 Euro

Am Montag, den 24. Februar, 20.15 Uhr, stellt Herausgeber Andreas Peglau die Neuauflage von Wilhelm Reichs »Massenpsychologie des Faschismus« in der Berliner Tucholsky-Buchhandlung vor: Tucholskystr. 47, 10117 Berlin. Der Eintritt kostet fünf Euro.

Debatte

  • Beitrag von Dieter R. aus N. (21. Februar 2020 um 08:20 Uhr)
    Wilhelm Reich – Licht und Schatten. Sein Werk über die psychologischen Aspekte des Faschismus war in der Tat überfällig und beinhaltet wichtige, heute noch hochaktuelle Erkenntnisse. Das Problem war wohl, dass er es zum falschen Zeitpunkt als »Seiteneinsteiger« mit politischer Priorität einforderte, als Kommunisten bereits im KZ einsaßen und existentieller Widerstand absoluten Vorrang hatte. Später ersetzte er in der 2. Auflage durchgängig alle »Klassenformulierungen« durch allgemein sozialdemokratische. Mit der Orgontheorie, die von kosmischer Energiestrahlung auf die Penishaut ausgeht, setzte er seinen Wandel fort, der schließlich in mehr oder weniger esoterischen Gefilden endete. Trotz alledem ist die Massenpsychologie des Faschismus, wie gesagt, gerade heutzutage wichtiger Wegweiser zum Verständnis der allgemeinen Rechtsentwicklung.
  • Beitrag von Dr. rer. nat. Harald W. aus H. (21. Februar 2020 um 12:55 Uhr)
    "Wieso hat die Mehrheit der DDR-Bürgerinnen und -Bürger 1990 die kapitalistische Pseudofreiheit gewählt statt den Versuch, den eigenen Staat sinnvoll umzugestalten? "

    "Weil sich das volk DOCH IMMER GLEICH ELEND BEFINDET und RECHT wetterWENDISCH ist " hatte Spinoza wie immer "hellsichtg" "vorewrinnert".

    Reichs "funsamewn in re": wirklich die HERRSCHAFT DER PRIESTER, die mit der Todesdrohung Kadavegehorsam (Himmel Hölle) erzwingen und in der Tat eine recht REPREESSIV CHRITLICHE SEXAUALMORAL (in Differen zu den meisten andern Völkern, sogar den asiataische Despotien!!. ) als Untertanen eines Militätradels in beschleingt geldwqirschsatrm, vestädteunfhg, Industrialisierung - mit dse ewinziog repressiv erfolgtreichen aber doch grotrenschlechchte Kaptaalismsuvariante.

    WA hätte alle so viel besewr laufe könne, wen man die offensicht ERSETZUNG DER KIRCHE , de REVOLUTION DE KIRCHREN dutch Volendung d Aufklärung (Spinpzas "ANti-Tholgiue Metaphysik) nach dem 1. wElrkreg bewusst voin kommunsaiutscger Seire berieben hätte (Einstein, de WISSEWNSACHSATR!; udn duie Amnthposphemn Freimauer (Goethe, Mozart duir Künstler , Nietzscheauch) glei' mit im Boot!°) .

    So auch der Grundtenor im Anti_Ödipus. Der "durchgeführte Naturalismus Spinozas - der als absloter Ratioamlsimus der Zerstörung ds Vernunft, wei Liuckas richtg den Fascgsmus §"kulktrell." fasste, getadezu "offiziell" etkettoietrt im Wege steht - weitausa vernünftiger als Max WEbe Prosteatantismus - wiure von Reuich gut "in bedrängt Lage, das muss man schon sagen, drufdch de Bioenergie ersetzt, die so die Gegektödlcoh dUzcdringu von Spinpoza Attributenlrehere unfd unend,.oicew Modi mir RELIGUIN sder WAHRHET - doe deo Revilzinä#rte auh cvin Wirkjlchkeoru besseltew - verhinderte. Dz Bionegfie ist "unterkomlex" wie der sich auch um Spinoza, STRUKTRALISMUS hesrtumdrückende Luhman wih mei wprde. DE Kreg ist dr GROSSE VEREINFACHER - wa sKJLaaenkampfthertiker marx?enge swohl nu noich DEUTLICH GENUG betoinzt hatten!
  • Beitrag von Rudolf J. aus G. (22. Februar 2020 um 16:04 Uhr)
    Reich hat auch in der 68er-Bewegung eine große Rolle gespielt. Sein Ansatz hat uns damals sehr geholfen, ein tieferes Verständnis für viele bis dahin kaum verständliche private und politische Vorgänge und Verhaltensweise zu entwickeln. Die Tatsache, dass da jemand auf der Grundlage seiner kommunistischen Weltanschauung zu derartigen Einsichten und Ergebnissen kam, hat uns sehr geholfen, unser Verhältnis zum GOM (Good Old Marxism) zu entspannen (ähnlich wie Jahre später das epochemachende Werk von Lucien Sève: »Marxismus und Theorie der Persönlichkeit«). Reichs Erkenntnisse bildeten auch einen der Ausgangspunkte der antiautoritären Bewegung - als umfassende und theoretisch begründete Erziehungsphilosophie - deren privat und politisch äußerst positiven Auswirkungen bis heute spürbar sind, auch wenn ihr Ursprung meist nicht mehr gewusst wird.

    Rolf Jüngermann, Gelsenkirchen

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Manfred Lotze, Hamburg: Erhellend Was für ein erhellender Themenbeitrag! Mit »Verdrängter Klassiker« wird aufgeklärt, warum so viele Prekarier, resignierte, verarmte, entwürdigte Menschen, rechtsextrem, also die AfD wählen. Reich, Fro...
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