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Aus: Ausgabe vom 20.02.2020, Seite 5 / Inland
Arbeitswelt

Ökonomie durch Mindestlohn gestärkt

Aktuelle Untersuchungen zeigen positiven Effekt der gesetzlichen Lohnuntergrenze
Von Bernd Müller
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Unter anderem im Baugewerbe grassiert Ausbeutung per Lohnbetrug

Als vor fünf Jahren in der Bundesrepublik der erste gesetzliche Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde eingeführt wurde, war der Aufschrei groß. Kapitalnahe Ökonomen meinten, dem Land stehen deshalb Arbeitsplatzverluste im großen Stil bevor. Hans-Werner Sinn, ehemals Leiter des Münchner Ifo-Instituts, hatte beispielsweise vor dem Verlust von einer Millionen Arbeitsplätzen gewarnt. Doch wie eine aktuelle Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) und des University College London (UCL) zeigt, ging die Entwicklung in eine andere Richtung.

Studienautor Christian Dustmann vom UCL erklärte dazu laut einer Mitteilung vom Dienstag: »Entgegen der Bedenken, die die Debatte im Vorfeld der Einführung eines landesweiten Mindestlohns in Deutschland geprägt haben, stellen wir nicht fest, dass der Mindestlohn zu einem Beschäftigungsrückgang geführt hat«. Statt dessen habe er sich volkswirtschaftlich sehr positiv ausgewirkt, denn er habe »die gesamte Produktionseffizienz durch die Umverteilung von Arbeitnehmern von weniger produktiven zu produktiveren Betrieben erhöht«. In Regionen mit einem zuvor vergleichsweisen niedrigen Lohnniveau mussten vor allem kleine Betriebe mit bis zu drei Beschäftigten oftmals aufgeben.

Die Beschäftigten wurden aber in der Regel nicht arbeitslos dadurch; sie wechselten in größere Betriebe, »die mehr Vollzeitarbeitsplätze anbieten, mehr qualifizierte Arbeitskräfte beschäftigen, einen höheren Lohnaufschlag für vergleichbare Arbeit zahlen, und die größer sowie stabiler sind«. Besonders in den Regionen Nord- und Ostdeutschlands wirkte der Mindestlohn aufgrund des niedrigen Lohnniveaus stärker. Dort sei der Anteil von Kleinstbetrieben zurückgegangen, während die Betriebsgrößen insgesamt zunahmen. Verallgemeinern dürfe man die Ergebnisse aber nicht, meinte Matthias Umkehrer, Mitautor der IAB-Studie, laut Mitteilung. Man müsse bedenken, »dass der Mindestlohn eingeführt wurde, als die deutsche Wirtschaft sehr gut lief«. Unter anderen Rahmenbedingungen hätte der Mindestlohn auch eine andere Wirkung entfalten können.

Eine weitere Folge war zudem, dass die Lohnungleichheit abgenommen hat. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Durch den Mindestlohn hätten vor allem die zehn Prozent der Beschäftigten mit den niedrigsten Löhnen profitiert, erklärte Studienautor Markus M. Grabka laut Mitteilung des DIW vom 12. Februar. Die positiv anmutenden Ergebnisse des DIW werden aber sofort wieder relativiert. DIW-Wissenschaftlerin Alexandra Fedorets erklärte: »Unsere Beobachtung der fallenden Ungleichheit bezieht sich auf die Stundenlöhne«. Damit sich der Trend aber auch in den Monatslöhnen widerspiegele, »wäre es wichtig, dass über die Zeit hinweg die bezahlte Arbeitszeit gerade im Niedriglohnsektor nicht zurückgeht«.

Von den knapp 7,7 Millionen Personen, die im Niedriglohnsektor arbeiten, hätten im Jahr 2018 immer noch rund 2,4 Millionen Beschäftigte keinen Mindestlohn bezogen. Ziehe man nicht nur den vereinbarten Stundenlohn heran, sondern den tatsächlichen (inklusive Überstunden), dann seien es sogar 3,8 Millionen Beschäftigte. Das deute darauf hin, dass der Mindestlohn häufig auch mit Hilfe von Überstunden umgangen werde. Aus diesem Grund begrüßen auch die Autoren der DIW-Studie den Vorstoß der Bundesregierung, die Arbeitszeiten genauer erfassen und effektiver kontrollieren zu wollen. Als Reaktion auf ein Urteil des Europäischen Gerichtshofes bereitet das Bundesarbeitsministerium ein entsprechendes Gesetz vor. Das sei ein wichtiger Schritt, »unbezahlter Mehrarbeit bei Mindestlohnempfängern entgegenzuwirken«, sagte Studienautor Johannes Seebauer.

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