Gegründet 1947 Donnerstag, 2. April 2020, Nr. 79
Die junge Welt wird von 2267 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 18.02.2020, Seite 16 / Sport
Rodeln

Stimmt das Material?

Nach den Rodel-WM in Sotschi hadern einige Deutsche mit ihren Schlitten
Von Uschi Diesl
Rodel_Weltmeistersch_64385269.jpg
Macht sich Gedanken: Felix Loch am Sonnabend im Zielbereich

Als die besten Rodler der Welt am Wochenende um Gold fuhren, hatte Felix Loch seinen Schlitten längst abgestellt. Die Formschwäche des einstigen Dominators aus Berchtesgaden hielt auch bei der WM im russischen Sotschi an. Loch landete auf Rang neun, sah noch zu, wie der neue Weltmeister Roman Repilow auf seiner Heimbahn durchs Ziel raste, dann polterte der 30jährige los: »Es ist sehr, sehr ärgerlich, es hat einfach nicht funktioniert, meine Starts waren miserabel«, erklärte er im ZDF: »Aber auch mit unserem Material stimmt etwas nicht, so können wir nicht weitermachen. Sonst fahren die anderen uns weiter um die Ohren.« Die Variante der Redewendung, in der einem etwas um die Ohren fliegt, ließ sich an diesem Tag allerdings kaum auf den Oberhofer Johannes Ludwig anwenden, der das Podest in dem Rennen nur um zwei Hundertstelsekunden verpasste und damit bewies, dass Lochs Krise durchaus eine persönliche ist. Silber und Bronze gingen an Österreich, Jonas Müller landete vor Exweltmeister Wolfgang Kindl.

Ganz von der Hand zu weisen sind Probleme des gesamten deutschen Rodelteams allerdings auch wieder nicht, zumindest, wenn man die frühere Vormachtstellung zum Maßstab nimmt. Bei den Frauen lag die deutsche Hoffnungsträgerin Julia Taubitz am Sonnabend nach dem ersten Durchgang auf dem vierten Rang, es drohte ein historisches Debakel. Eine Rodel-WM ohne deutsche Frau auf dem Podest hatte es zuletzt 1960 in Garmisch-Partenkirchen gegeben. Mit Bahnrekord im zweiten Lauf schob sich die 23jährige Oberwiesenthalerin dann aber noch auf den Silberrang hinter der Russin Jekaterina Katnikowa, deren Landsfrau Wiktoria Demtschenko Bronze gewann. Unter dem Strich blieben die deutschen Rodler damit erstmals seit 1993 in Calgary bei einer WM ohne Goldmedaille in den Einzeldisziplinen.

Versöhnlich stimmten die Teamwettbewerbe. Im Doppelsitzer verteidigten Toni Eggert/Sascha Benecken (Ilsenburg/Suhl) am Sonnabend ihren Titel, die Olympiasieger Tobias Wendl/Tobias Arlt (Berchtesgaden/Königssee) holten Bronze. Silber ging an das russische Team Alexander Denisew/Wladislaw Antonow. Und zum Abschluss der Wettbewerbe am Sonntag gewannen die Deutschen dann auch die Team-Staffel. Taubitz, Ludwig, Eggert und Benecken lagen am glücklichen Ende 0,321 Sekunden vor Lettland und 0,344 Sekunden vor den USA. Top­favorit Russland unterlag allerdings nur, weil Starterin Katnikowa das Touchpad im Ziel verfehlte und sich dadurch der Startbügel für Einzelweltmeister Repilow nicht öffnete. »Leider hat der Gastgeber daneben geschlagen, dadurch war es etwas glücklich für uns«, sagte Bundestrainer Norbert Loch, Vater von Felix. »Aber wir hätten einen harten Kampf geliefert.«

Im übrigen habe sich bestätigt, »dass wir bei den Männern etwas hintendran sind«, erklärte der Trainer. »Die anderen sind an uns herangerückt. Da ist auch viel technisches Equipment aus Deutschland weggegangen.« Rodelikone Georg Hackl, heute als Trainer in Berchtesgaden auch mit dem Materialsektor befasst, hielt die Schlitten der Russen und Österreicher sogar für schneller: »Da haben wir offensichtlich einen Rückstand«, sagte er.

Ob das nun stimmt oder nicht, in Peking 2022 wird mit Taubitz zu rechnen sein, möglicherweise kehren auch die Olympiasiegerinnen Natalie Geisenberger und Dajana Eitberger bis zu den Winterspielen in China aus ihren Babypausen zurück. Bei den Männern sieht es weniger rosig aus. Seit Jahren hat es kein Nachwuchsrodler mehr in die Weltspitze geschafft. »Die Quantität ist nicht das Problem«, sagte Hackl dazu. Ohne Felix Loch wird es in dieser Situation schwierig, und der hatte am Sonntag nicht mal Lust, Zweifel an seiner Teilnahme an den nächsten Winterspielen auszuräumen. »Man macht sich Gedanken«, sagte er bloß, »wir bringen jetzt mal die Saison zu Ende, dann schauen wir weiter.«

Mehr aus: Sport

Jetzt drei Wochen gratis im Probeabo!