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Aus: Ausgabe vom 18.02.2020, Seite 10 / Feuilleton
Soul

»All my favorite colors«

Fettfrei, aber mit Soul: Die Black Pumas spielten am Sonntag in Köln
Von Frank Schwarzberg
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Demnächst bereit für größere Hallen: Adrian Quesada (l.) und Eric Burton

Das hat man selten, dass selbst die hartgesottenen Kameraleute (vom WDR) tanzen. Zu ansteckend ist das, was ein unverschämt charismatischer Sänger da am Sonntag in Köln 75 Minuten lang veranstaltet. Eric Burton (29) ist das Gesicht und die Stimme der Black Pumas. Ihre Erfolgsgeschichte kann sich hören lassen.

Burton machte Straßenmusik in Austin, Texas, als ein Freund von Multiinstrumentalist und Produzent Adrian Quesada (42) vorbeikam und ihm Quesadas Nummer gab. Burton rief erst an, als Freunde ihn fragten, ob er noch ganz dicht sei, den nicht anzurufen. Er kannte Quesada nicht: In klassischer Gitarre ausgebildet, war Quesada der Gitarrist der lateinamerikanischen, 2011 mit dem Grammy ausgezeichneten Funkformation Grupo Fantasma, ist Mastermind hinter Brownout und deren Album »Fe ar of a Brown Planet«, hochgeschätzt in Funkkreisen; die Band kollaborierte u. a. mit Prince und Daniel Johnston.

Aber Quesada wollte mehr, wollte eigenständiger sein und bastelte an Songideen, für die ihm allerdings ein Sänger fehlte – bis zu besagtem Anruf, bei dem Burton ins Telefon sang. Der Rest ist schnell erzählt: Burton steuerte Texte und weitere Ideen bei, sie gaben sich und dem Debütalbum den Namen Black Pumas (weil es sich, so Quesada, so geil »badass« anhörte), und den Grammy in der Kategorie »Best New Artist« bekamen sie wohl nur deshalb nicht, weil der Billie-Eilish-Hype derzeit zu groß ist.

Und wie klingen sie jetzt live, die Black Pumas? Satt. Soulig. Reif und frisch zugleich. Burtons Stimme hat Timbre und Feeling, Quesadas Produktion fügt dem Soulgerüst jeweils eine Prise Psychedelik, Funk und verzerrte virtuose Gitarrensoli hinzu, so dass es spannend bleibt, intelligent und tanzbar – das coolste Cool. Es schadet nicht, dass Drummer JJ Johnson die Songs mit vertrackten Patterns unterlegt. Bass, Bläser und Backgroundsängerinnen machen nie zu viel (»fat-free« nennt das der Kollege vom irischen Musikmagazin Hot Press), und dass Keyboarder Trevor Nealon (im Konzert: JaRon Marshall) sowohl den funkigen Hintupfer als auch das hingebungsvolle Billy-Preston-Gedächtnissolo (für die Jüngeren: aus »Get Back« von den Beatles) beherrscht, ist natürlich auch nicht verkehrt. Den Texten fehlt es zwar an der Tiefe etwa eines Michael Kiwanuka, aber das Gefühl, das die Musik vermittelt, ist tief: Lebens-, Liebes- und Ausdrucksfreude, die niemanden ausschließt: »All my favorite colors, right on. My sisters and my brothers. See ’em like no other«, singt Burton vor den Zugaben in »Colors«, ihrem Erkennungssong.

Das plüschige Gloria ist ein 400-Leute-Venue. Lange wird es bei den Black Pumas nicht mehr so überschaubar bleiben. Die Nähe wird schwinden, aber jetzt ist sie da. Und Eric Burton ist ein großartiger Frontmann, der mit dem Publikum während der Songs interagiert, mit gospelartigem Call and response, intensiven Blicken, Bad in der Menge inklusive Tänzchen. Gefühlsaustausch nennt man so was. Gesprochen wird fast gar nicht, so dass das Hauptset mit 13 Songs sehr kompakt gerät, aber trotzdem nicht zu kurz. Nicht nur die bekannten und eingängigsten Songs, »Colors«, »Black Moon Rising«, »Fire«, sorgen für Begeisterung; jedes Stück ist gekonnt aufgebaut, steigert sich bis zum frenetisch bejubelten Schlussakkord.

Am Ende ist Burton allein mit Gitarre auf der Bühne. Letzte Zugabe, Otis Reddings »Dock of the Bay«. Ein Soulklassiker, der zurückführt zu den Ursprüngen der Black Pumas. Und zu Burtons Anfängen als Straßenmusiker in Texas. Am Sonntag in Köln singen 400 mit. Together.

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