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Aus: Ausgabe vom 18.02.2020, Seite 9 / Kapital & Arbeit
LNG-Kraftstoff für Handelsmarine

Giftiger Ersatz

Langzeituntersuchung warnt vor Klimaschädlichkeit von Flüssiggas als Schiffstreibstoff. Umweltorganisation Nabu warnt vor »LNG-Hype«
Von Burkhard Ilschner
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Arbeiter verladen in einer Fabrik in der Volksrepublik China Tanks für Flüssiggas (Xian, 3.6.2019)

Flüssigerdgas (engl. Liquefied Natural Gas, LNG) wird nicht nur an Land, sondern auch in der globalen Handelsschiffahrt als angeblich umweltfreundlicher Kraftstoff gepriesen. Aber eine aktuelle Studie aus den Vereinigten Staaten fügt diesem Image schwere Kratzer zu: LNG als Schiffskraftstoff führe zu 70–82 Prozent höheren Treibhausgasemissionen als Marinediesel.

Mehr als 50.000 Handelsschiffe sind weltweit auf den Meeren unterwegs. Rund ein halbes Prozent davon wird derzeit entweder mit LNG betrieben oder ist für derartigen Betrieb ausgerüstet (»LNG-ready«), ein weiteres halbes Prozent steht in den Auftragsbüchern diverser Werften. Aber große Teile der Branche setzen auf Flüssiggas als Zukunftsoption, zumal seit Anfang dieses Jahres die Richtlinie der Internationalen Seeschifffahrtsorganisation der Vereinten Nationen (IMO) die Verdrängung des bislang am weitesten verbreiteten Kraftstoffs, des hochgiftigen und klimaschädlichen »Schweröls«, eingeleitet hat. Mit dieser Maßnahme soll im wesentlichen der Schwefelgehalt dieses Stoffes reduziert werden. Treibhausgasemissionen hingegen sollen laut einem aus dem Jahr 2018 stammenden IMO-Beschluss bis 2050 weltweit halbiert werden, bezogen auf den Stand von 2008. Klar ist aber, dass die Schiffahrt dringend Alternativen sucht.

Wie nun jüngst der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) publizierte, hat eine Untersuchung des International Council on Clean Transportation (ICCT) herausgefunden, »dass die Verwendung von LNG die Klimawirkung der Schiffahrt im Vergleich zu Marinediesel tatsächlich verschlechtern kann«. Wohlgemerkt: Mit »Marine­diesel« ist ein dem üblichen Heizöl ähnlicher Stoff gemeint, der Schwefelanteile zwischen 1,5 und weniger als 0,1 Prozent aufweist – im Unterschied zum Schweröl mit mehr als 3,5 Prozent Schwefelgehalt. Die gemeinnützige Organisation ICCT mit Hauptsitz in Washington D. C. sowie Dependancen in San Francisco und Berlin erlangte vor einigen Jahren weltweite Berühmtheit durch die Aufdeckung des VW-Abgasskandals.

Das vernichtende Urteil des ICCT basiert laut Nabu auf einer Langzeituntersuchung von Treibhausgasemissionen aus Schiffskraftstoffen über einen Zeitraum von 20 Jahren und schließt dabei die unbeabsichtigte Freisetzung von extrem klimaschädlichem Methan aus Schiffsmotoren, den sogenannten Methanschlupf, mit ein. Nach Ansicht von Klimaforschern gilt Methan wegen seines etwa 30mal höheren Treibhauspotentials als CO2 als besonders schädlich – und LNG besteht hauptsächlich aus Methan. Nabu-Schiffahrtsexperte Sönke Diesener bezeichnete den derzeit in der Seefahrt grassierenden LNG-­Hype als einen »schädlichen Irrweg«, der nach den ICCT-Ergebnissen auch als »Brückentechnologie« nicht tauge. Nach Angaben der Umweltorganisation zeigten verschiedene Szenarien, dass die Treibhausgasemissionen des internationalen Seeverkehrs bis 2050 »von derzeit drei Prozent auf 17 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen« steigen könnten. Dieser Anteil würde aber noch höher ausfallen, wenn verstärkt LNG als Schiffstreibstoff verwendet würde. Und eben das ist zu befürchten, weil etwa sogenannte Dual-Fuel-Viertakter zu den beliebtesten Schiffsmotoren zählten – Maschinen, in denen der Verbrennungsluft eines Dieselmotors LNG beigemischt und so die Menge eingesetzten Dieselkraftstoffs reduziert werden kann.

Die ICCT-Studie müsse ein Warnsignal für die IMO sein, kommentierte NABU-Bundesgeschäftsführer Leif Miller die neuen Erkenntnisse. Die UN-Organisation müsse dringend handeln und »alle Treibhausgasemissionen« in ihre 2018 vereinbarte Strategie zur Emissionsreduzierung einbeziehen. Und Diesener fordert, heute getätigte Investitionen der Schifffahrtsbranche müssten »konsequent in klimafreundliche Antriebstechnologien fließen«. Insbesondere »höherer Effizienz, Windunterstützung, Batterien, Brennstoffzellen und synthetischen Kraftstoffen aus erneuerbarem Strom« gehöre die Zukunft.

Der internationale Lobbyverband »Sea-LNG«, der Flüssiggas als Schiffskraftstoff unter anderem mit dem Slogan »Unsere Nullemissionszukunft beginnt jetzt« bewirbt, reagierte eingeschnappt auf die Präsentation der ICCT-Studie: »Wir wurden vor der Veröffentlichung nicht kontaktiert«, beklagten sich die Lobbyisten in einer Pressemitteilung von Anfang Februar, man werde einige Zeit brauchen, um den Bericht eingehend zu überprüfen. Ungeachtet dessen zeigt der Verband sich bereits jetzt überzeugt, dass der Einsatz von LNG »die Treibhausgasemissionen aus dem Seeverkehr reduzieren« und »eine solide Grundlage für eine emissionsfreie Schiffahrtsindustrie schaffen« werde.

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