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Aus: Ausgabe vom 17.02.2020, Seite 11 / Feuilleton
Lyrik

Ein Kilo Poesie

In all ihrer Vollständigkeit: Adolf Endlers Gedichte in einer kommentierten Ausgabe
Von Gerd Adloff
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Unbestechlichkeit und schwarzer, oft galliger Humor: Adolf Endler an seiner Schreibmaschine in Berlin, November 2000

Es ist ein Trumm von einem Buch, fast ein Kilogramm schwer: »Die Gedichte« von Adolf Endler. Im November wurde es von der Jury der SWR-Bestenliste auf Platz eins gewählt, der Dichter war da schon zehn Jahre tot. Die kommentierte Ausgabe enthält all seine veröffentlichten Gedichte in allen nachweisbaren Fassungen. Dass sich der Wallstein-Verlag auf dieses Unternehmen eingelassen hat, ist sicher auch dem Lektor Thorsten Ahrend zu verdanken. Ihn und den Autor verband eine langjährige, vertrauensvolle Zusammenarbeit. Der Dichter folgte dem Lektor von Reclam über Kiepenheuer und Suhrkamp zu Wallstein. Der Lektor wiederum bleibt dem Werk des Dichters über dessen Tod hinaus treu.

Die Anordnung der Gedichte im Band entspricht nicht der Chronologie ihrer Entstehung bzw. Veröffentlichung. Die Herausgeber – Robert Gillett und Astrid Köhler, Mitarbeit: Brigitte Schreier-Endler – sind anders vorgegangen. Sie fühlten sich der Wertung des Dichters verpflichtet, der noch zu Lebzeiten zwei Bände mit den für ihn gültigen Fassungen zusammengestellt hatte (»Der Pudding der Apokalypse«, 1999; »Krähenüberkrächzte Rolltreppe«, 2007). Die Gedichte dieser Bände wurden vorangestellt, die anderen folgen danach.

Das macht es ohne Frage schwerer, die Entwicklung des Dichters nachzuvollziehen. Unmöglich aber ist es nicht. Die Gedichte sind da, wo es nötig und möglich war, kommentiert, gedruckte Textvarianten angegeben – ein gewaltiger Arbeitsaufwand. Zusammen mit dem kenntnisreichen Nachwort von Peter Geist kann das dichterische Werk gut in Zusammenhang mit der Biographie des Autors sowie der geschichtlichen und gesellschaftlichen Entwicklung begriffen werden.

Endler wurde 1930 in Düsseldorf geboren, wuchs dort nach der Scheidung der Eltern bei seiner aus Flandern stammenden Mutter auf. Zwei Onkel der Mutter wurden als Widerstandskämpfer in Belgien von deutschen Besatzern hingerichtet, was sicher dazu beitrug, dass er nie der Naziideologie verfiel. Jung genug, um nicht an die Front zu müssen, erlebte er doch den Schrecken der Bombenangriffe, die Verheerungen des Krieges und seine Hinterlassenschaften. Erinnerungen, die ihn prägten. 1960 schrieb er darüber dieses Gedicht:

*

(Als der Krieg zu Ende war:)

*

Da war ein Nest blutroten Schwalbenflaums

Da war ein Nest gebaut aus nackten Knöchlein

Der kleinen Schwalben die in diesem Nest

Gebaut aus ihren Knöchlein hausen wollten

Sehr warm im Nest aus ihrem Flaum blutrot

*

Für den Heranwachsenden wird das Ende des Faschismus in jeder Hinsicht eine Befreiung gewesen sein. Das weit verbreitete Leugnen eigener Schuld und Verantwortung, das grassierende Selbstmitleid und das gefälschte Erinnern riefen seinen Widerspruch hervor. 1957 schrieb er:

*

Postkarte an M. S. in Dinslaken

*

Unter dem Lampenschirm aus Menschenhaut

Haben sie singend gesessen

Dessen erinnern sie sich nicht mehr

Aber dass ihnen ein Pole die Armbanduhr geklaut

Hat ein Tommy die Geldbörse leer

Das werden sie nie das werden sie nie

Das werden sie niemals vergessen

*

Endler engagierte sich in Organisationen wie dem Kulturbund gegen Wiederbewaffnung und Restauration. Als die Gefahr bestand, verhaftet zu werden, siedelte er 1955 in die DDR über. Er studierte am Literaturinstitut in Leipzig, arbeitete hart bei der Trockenlegung der Wische, dann als Transportarbeiter in der »Zellwolle« in Wittenberge, auch darüber gibt es Gedichte.

Später besorgte er neben dem eigenen Schreiben auch Nachdichtungen und verfasste Rezensionen für die Junge Welt. Er wurde zu einem der wichtigsten Dichter seiner Generation hierzulande, bekam aber immer mehr Schwierigkeiten mit engstirnigen, dogmatischen Funktionären, vor allem im Kulturbereich. 1979 wurde Endler mit einigen anderen aus dem Schriftstellerverband der DDR ausgeschlossen. Er blieb im Land, schrieb in Lyrik und Prosa gegen die Zumutungen und Absurditäten an.

Seine Unbestechlichkeit, sein schwarzer, oft galliger Humor bewahrten mich und andere davor zu verhärten. Wolfgang Hilbig drückte es einmal so aus: »Jedesmal, wenn man etwas von dir liest, glaubt man, man müsse sich augenblicklich totlachen. Doch dann merkt man plötzlich, dass man schon tot war, und dass man sich wieder lebendig gelacht hat.« Gedichte dieser Couleur finden sich im Band genau wie jene, von denen sich Endler längst abgewandt hatte. Und eher zarte Gebilde wie dieses:

*

Du drehtest dich nicht mehr um

*

Ich drehte mich um und ich sah

Du Krumme

Du Kleine

Du Graue

Du warst grauer und kleiner und krumm

Nie warst du mir näher als da

*

Ich kann dieses Buch nur empfehlen. Es ist in seiner Vollständigkeit, mit all den Textvarianten und Kommentaren ein Glücksfall. Sich ihm zu widmen, kann sehr viel Zeit in Anspruch nehmen, aber es lohnt sich.

Adolf Endler: Die Gedichte. Wallstein-Verlag, Göttingen 2019, 896 S., 39 Euro

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