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Aus: Ausgabe vom 17.02.2020, Seite 10 / Feuilleton

La Verità per Giulio Regeni!

Von Erwin Riess
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»Hat man die Mörder je gefunden?« fragte Herr Groll. Der Dozent schüttelte den Kopf.

Nachdem sie von Grado kommend den Canale di Primero und den Isonzato überquert hatten, entspann sich zwischen den beiden Freunden folgendes Gespräch.

»Verehrter Dozent, ich sehe Sie mit Begeisterung auf Ihrem Datenzymbal umherwischen. Da drängt sich mir die Frage auf, ob Sie nicht später, wenn wir vom Campingplatz Panzano aus das in Bau befindliche Kreuzfahrtschiff gebührend bewundert haben werden, nicht auch meinen Wagen mit eleganten Wischbewegungen einer Säuberung unterziehen würden? Wasser und Putzschaum erhalten wir im Bistro des Campingplatzes. Ich könnte Ihre Putzarbeit mit Schnurren aus meiner Jugend in den Donauauen von Krems begleiten. Anschließen würde ich Sie in Naturalien honorieren, das eine oder andere Glas Friulano würde ich mir Ihre akademische Handarbeit schon kosten lassen.«

»Geschätzter Groll! Darüber ließe sich reden. Aber bevor wir den Weg nach Monfalcone fortsetzen, müssen wir noch vor der Brücke über den Isonzo einen Abstecher in den kleinen Ort Fiumicello machen. Sie haben doch vorhin an der Osteria ein weiteres Spruchband mit ›La verità per Giulio Regeni‹ gesehen?«

»Das gehört, scheint’s, in dieser Gegend dazu.«

»Ich habe nachgeschlagen«, fuhr der Dozent fort. »Es gibt für diese Transparente eine dramatische, was sage ich, eine tragische Begründung.«

Herr Groll bog von der Hauptstraße in den Ort Flumisel ein. Der Dozent las vor.

»Giulio Regeni aus Fiumicello hatte Arabistik und Politikwissenschaft als Bachelor abgeschlossen und erhielt dann ein Stipendium an einem College in Cambridge. Zu dieser Zeit arbeitete er bereits in Kairo für die OECD. 2015 unterrichtete er ebendort am Deutschen Institut für Entwicklungspolitik. Thema seiner Doktorarbeit waren die unabhängigen Gewerkschaften in Ägypten. Regeni schrieb unter einem Pseudonym Artikel für die linke Zeitung Il manifesto, in denen er die Militärregierung Al-Sisi attackierte. Diese verfolge nicht nur die Muslimbrüder und andere radikale Islamisten, sondern auch Linke und Gewerkschafter, die zu mehreren Dutzend Todesschwadronen zum Opfer fielen oder direkt vom Militär ermordet wurden. Am 25. Januar 2016 wurde Giulio Regeni zum letzten Mal lebend gesehen, als er im Zentrum von Kairo auf dem Weg zu Freunden war. Eine Woche später wurde seine Leiche verstümmelt auf einer wenig befahrenen Straße zwischen Kairo und Alexandria aufgefunden. Laut Aussagen von Menschenrechtsorganisationen stimmten seine Brandwunden und Verletzungen mit denen anderer Opfer der ägyptischen Sicherheitskräfte überein. Giulio Regeni wurde nur 28 Jahre alt. Soviel zum Eintrag im Netz.«

»Hat man die Mörder je gefunden?« fragte Herr Groll.

Der Dozent schüttelte den Kopf. »Nach einer ersten offiziellen Stellungnahme wurde er von Drogendealern umgebracht, nach einer zweiten Version wurden die Mörder im Umkreis der ägyptischen Gewerkschaften identifiziert. Nach der letzten Version wurde er von einer kriminellen Bande entführt, ausgeraubt und umgebracht. Die ägyptische Polizei habe in einer Aktion alle Mitglieder der Bande getötet. Aber auch diese Version wurde nach kurzer Zeit dementiert. Regeni wurde in Ägypten obduziert, sein Tod sei als Folge eines Schlags auf den Hinterkopf mit einem scharfen Gegenstand eingetreten. In Italien wurde er ein zweites Mal obduziert. Bei der zweiten Obduktion wurden Merkmale einer mehrtägigen Folter dokumentiert: Brandwunden durch Zigaretten, Verbrennungen durch Elektroden, herausgerissene Finger- und Fußnägel, gebrochene Beine, Rippen und Schultern.«

»Wie reagierte Italien?«

»Eine diplomatische Krise zwischen Italien und Ägypten war die Folge. Mehr nicht. Bis heute ist der Mord offiziell ungeklärt. Auch der ägyptische Anwalt von Regenis Familie in Kairo wurde entführt.«

»Toll, wie gut der Kampf gegen die Muslimbrüder sich zum Großreinemachen unter fortschrittlichen Gewerkschaftern und ihren Freunden und Freundinnen eignet«, erwiderte Herr Groll. »Man muss das für die Strategien der Fortschrittskräfte bedenken.«

Wieder stießen sie auf ein Spruchband, das an den Ermordeten erinnerte. Es war oberhalb einer Konditorei in Palazzato, einem Ortsteil Fiumicellos, angebracht.

junge Welt berichtete ausführlich über die Ermordung von Giulio Regeni.

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